Legal Tech-Tour in die USA: „Ein ahnungsloser Anwalt im Silicon Valley“

 

Was ist dran am Hype um Legal Tech? Der 68. Deutsche Anwaltstag steht vom 24. Mai bis 26. Mai 2017 unter dem Motto „Innovationen und Legal Tech“. Anfang April waren 25 Deutsche auf Informationsreise in den USA. Die Hans Soldan GmbH hatte eine Legal Tech-Tour ins Silicon Valley organisiert. Hauptziel: Die „CodeX“-Konferenz der Stanford University. Für den Deutschen Anwaltverein (DAV) waren Vorstandsmitglied Rechtsanwalt Daniel Fingerle und Rechtsanwältin Nicole Narewski (DAV-Geschäftsführerin) dabei. Daniel Fingerle berichtet, welche Lehren er aus der Reise als Mittelstandsanwalt gezogen hat:

 

Legal Tech ‒ die neue Freiheit auf dem Anwaltsmarkt

"Die Luft der Freiheit weht" lautet das Motto der amerikanischen Elite-Universität Stanford in Kalifornien. Der Wahlspruch ist tatsächlich in deutscher Sprache. Die Professoren haben ihn als Inschrift in ihrem Siegel aufgenommen, die Studenten tragen ihn stolz in bunten T-Shirts auf der Brust und ich konnte das Motto förmlich fühlen. Das Wort von der Freiheit ist einem Brief des Humanisten Ulrich von Hutten entnommen ‒ und sollte für meinen Eindruck von unserer Reise in das Silicon Valley prägend werden. 

Die Reisegruppe, die sich in der Zeit vom 3. bis 10. April 2017 von Deutschland nach Kalifornien aufmachte, um dort mehr zum Thema Legal Tech zu erfahren, bestand aus etwa 25 Teilnehmern. Diese lassen sich im Wesentlichen in folgende Kategorien klassifizieren:

  • Geschäftsführer juristischer Verlage, die erkannt haben, dass sie alleine mit dem Vertrieb von juristischer Fachliteratur nicht dauerhaft überleben werden. 
  • Inhaber von Unternehmen, die Anwälten technische Unterstützung bei der Mandatsbearbeitung anbieten.
  • Anwaltliche Freaks, die teilweise schon seit vielen Jahren durch kreative Auftritte im Internet oder bei YouTube rechtliche Dienstleistungen erbringen und damit ordentlich Geld verdienen.
  • Vertreter von Großkanzleien, die bereits Legal Tech-Abteilungen angesiedelt haben und entsprechende Produkte zur Arbeitserleichterung ihrer Anwälte und zum verbesserten Service für Mandanten nutzen.
  • Und ich selbst, ein technisch unerfahrener, aber aufgeschlossener Anwalt einer kleineren Kanzlei mit unter 20 Berufsträgern, der selbstständig E-Mails verfassen und versenden kann, das Internet im Wesentlichen zum Bewundern von Webseiten der Mitstreiter nutzt und sich von seinen Kindern immer wieder neue Kniffe auf dem iPhone erklären lässt.

Mit diesen Kenntnissen und Fähigkeiten habe ich sicherlich das durchschnittliche technische Know-how der deutschen Anwaltschaft angemessen repräsentiert. Welche Lehren konnte ich mit diesem Hintergrund aus der Reise für mich persönlich und damit für die Anwaltschaft insgesamt ziehen.


1. These zu Legal Tech: Die Technisierung unseres Berufes lässt sich nicht aufhalten

Lange waren wir als Anwaltschaft stolz darauf, unser Wissen und unsere Intellektualität verkaufen zu können. Wir kennen die Gesetze und wir sind in der Lage, diese auf eine Vielzahl von Fällen anzuwenden. Allerdings können gut vernetzte Computer mittlerweile auch subsumieren. Zwar begünstigt das "case law" der USA, welches stark an Präzedenzfällen ausgerichtet ist, diesen Trend. Jedoch wird künstliche Intelligenz künftig auch in unserem Rechtssystem seinen Platz finden. So diskutiert niemand in den USA mehr das „ob“, sondern nur noch das „wie“.

Bei keinem der Vorträge der „CodeX Future Law Conference 2017“ auf dem Campus der Stanford Universität wurden daher irgendwelche Bedenken geäußert, dass Roboter uns Anwälten den Job rauben könnten. Stattdessen regierte der Gedanke des "Legal Empowerment through Information Technology". Es herrscht dort das Verständnis, dass es auch zu unserer Aufgabe als Anwaltschaft gehöre, zum Wohle der Allgemeinheit und zum Schutz der Bevölkerung Module zu schaffen, die auf einfachere und kostengünstigere Weise rechtliche Lösungen bereithalten. Der Schutz des Berufsstandes sollte laut Judy Perry Martínez (American Bar Association Center for Innovation) nicht im Vordergrund stehen: "Protect the public not the profession!" Es wurde daher geraten, die Zusammenarbeit mit Fakultäten, technischen Firmen und Kanzleien zu intensivieren, um die Entwicklung von Legal Tech Produkten zu beschleunigen.

Völlig klar ist in den USA auch, dass Legal Tech-Produkte bei den Gerichten Eingang finden sollen. Allerdings besteht derzeit auch dort noch das - auch uns in Deutschland gut bekannte - Problem, dass die "Gerichte die Technologien von gestern erst morgen umsetzen", so Jim Sandmann (Präsident der Legal Services Corporation).

Mit Blick auf das "Wie" wurden von Professor Gillian Hadfield von der USC Gould School of Law (University of Southern California) zutreffend auf die Probleme von Algorithmen hingewiesen. Diese erkennen lediglich was Mandanten sagen, aber nicht was diese wirklich wollen. Es bestünde daher die Gefahr, dass ein emotionaler Ausnahmezustand eines Mandanten zu einer ungewünschten Rechtsanwendung führe. Auch würden Entscheidungen, die auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten durch einen Computer getroffen werden, Gefahren in sich bergen. Bei einem Produkt, dass zum Beispiel die Erfolgsaussichten einer Klage prüft, in dem sämtliche gleichartigen und bereits entschiedenen Fälle der amerikanischen Rechtsgeschichte in die Kalkulation und die Entscheidungsfindung eingebunden würden, könnten Chancen verpasst werden und Fehleinschätzungen Platz greifen. Und dennoch ließ auch diese Dozentin keine Zweifel daran aufkommen, dass die Legal Tech Welle immer größer werden und unaufhaltsam weiter rollen wird. Nach meiner Einschätzung wird diese spätestens in drei bis fünf Jahren deutliche Spuren auch in Deutschland hinterlassen haben.


2. These zu Legal Tech: Die Anwaltschaft muss das unternehmerische Denken neu erfinden

Es hat mich begeistert zu sehen, wie junge Jura-Studierende an der Stanford Universität bereits während des Studiums dazu angehalten werden, unternehmerisch zu denken. Auf dem Campus befindet sich ein Design Lab, das von Margaret Hagan geleitet wird. Dabei handelt es sich um ein Gebäude, das sämtlichen Fakultäten zur Verfügung steht, um gemeinsam Ideen zu schmieden. Die Produkte werden dann in regelmäßigen Elevator Pitches potentiellen Investoren vorgestellt, um schließlich noch vor Beendigung des Studiums ein erstes Start-up-Unternehmen auf den Weg zu bringen. Dort sitzt also der Religionswissenschaftler mit einem Betriebswirt, einem Informatik-Studierenden und einem angehenden Juristen zusammen, um in einem kreativen Rahmen Projekte zu entwickeln. Zu diesem Zweck stehen auf rollende Stellwände, Stühle und Tische sowie Whiteboards, Papier und Stifte in ausreichendem Maße zur Verfügung.

Mir wurde dabei schnell bewusst, dass ich in meiner Ausbildung als Student an der Universität Freiburg nur sehr eingeschränkten Kontakt zu Studenten anderer Fakultäten hatte. Schon die Mensen waren zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern getrennt. Der Kontakt zu anderen Fakultäten war daher schon deshalb sehr reduziert. Erst recht hatten wir damals kein Design Lab. Die deutschen Universitäten werden sich daher die Ausbildung einer neuen Generation von Anwälten auf die Fahnen schreiben müssen. Es gilt auch dort, der Zukunft in die Augen zu schauen.

Eine weitere Erkenntnis: Mir wurde klar, dass ich als Anwalt mein Geld bisher nur durch anwaltliche Leistungen im engeren Sinne verdient habe. Bis heute habe ich mein Know-how nicht in andere unternehmerische Konzepte ‒ schon gar nicht in ein Start-Up-Unternehmen – eingebracht, was möglicherweise noch lukrativer sein könnte. Wir müssen uns als Anwaltschaft bewusst werden, dass neue technische Entwicklungen traditionell anwaltlich bearbeitete Tätigkeitsfelder ausdünnen und teilweise auch nahezu vollständig ersetzen werden. Es gilt daher umzulernen und möglicherweise auch neue Einkommensquellen zu erschließen. Dies gilt vor allem für diejenigen von uns Anwälten, die keine hochspezialisierte, sondern eher eine standardisierbare Anwaltsleistung erbringen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass insofern eine Automatisierung mittelfristig stattfinden und unsere Tätigkeit zumindest einschränken wird. Je höher der Grad der Spezialisierung, umso geringer die Gefahr der Ersetzung durch Roboter. Bloßes Abwarten bedeutet jedoch in jedem Fall Rückschritt.

Mary Shen O'Carroll, Leiterin der Abteilung "Legal Operations, Technology and Strategy" bei Google Inc., hat im Rahmen der Konferenz über ihre bereits am ersten Arbeitstag bei Google gewonnene Einsicht berichtet, dass ihr Wert im Unternehmen im Wesentlichen daran gemessen wird, wie viele Ausgaben Sie Ihrem Arbeitgeber erspart. Unternehmerisches Denken ist daher auch bei angestellten Anwälten oder Justiziaren erforderlich. Dies gilt umso mehr, wie Arbeitgeber entscheiden können, ob sie in menschliche oder in künstliche Intelligenz investieren.

Unternehmerisch als Anwalt zu denken bedeutet nicht nur darüber zu entscheiden, ob man Chat-Bots auf seiner Webseite installiert. Insofern haben wir von zwei jungen russischen Studenten wunderbare Impulse erhalten. Diese hatten beim Ausfüllen ihres Visa Antrages erhebliche Schwierigkeiten. Das war für diese Anlass genug, um eine Website zu entwickeln, auf der Visa-Anträge mit Hilfe von so genannten Roboter-Anwälten vereinfacht ausgefüllt werden können.

Was unternehmerisch zu denken heißt, konnten wir uns auch von den ganz großen Playern im Silicon Valley abschauen. Wir waren zu Gast bei Google, Intel, SAP und Apple. Im Valley ist es Standard, dass die Mitarbeiter kostenlos und rund um die Uhr verköstigt werden. Es herrscht dort die Einstellung, dass die Mitarbeiter durch das gemeinsame Mittagessen im Haus zum einen Zeit sparen, die typischerweise in den Arbeitsplatz investiert wird. Zum anderen wird der Gesprächsfluss unter den Kollegen gefördert und der Teamgeist wächst. Ich überlege derzeit, ob es in unserer Kanzlei nicht auch sinnvoll wäre, anstelle der nächsten Runde von Gehaltserhöhungen in Kantine und Catering zu investieren.

Aber das ist nicht alles: Die großen Firmen im Silicon Valley kennen nur noch flexible Arbeitsplätze. Die Kreativität und die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern soll dadurch gefördert werden, dass der Chef auch mal an einem Arbeitsplatz direkt neben einem Azubi landet. Die Arbeitsplätze sind nur noch so ausgestattet, dass man sich mit seinem Laptop überall einloggen kann und die persönlichen Sachen in einem Spind aufbewahrt werden. Die neue Technik macht es möglich. Durch die Aufgabe von Handbibliotheken und Papierakten wird ein eigener Arbeitsplatz entbehrlich. Schließlich kann man ja auch das Familienbild, welches sonst den Schreibtisch schmückt, als Bildschirmschoner einstellen. Die Welt wird flexibler. Auch die der Anwältinnen und Anwälte.


3. These zu Legal Tech: Auf unsere Einstellung kommt es an

Die Ängste und Horrorszenarien, die uns als Anwaltschaft bei dem Gedanken an die neuesten technischen Entwicklungen umtreiben, gehen im Wesentlichen auf eine Studie zur Zukunft des US-Arbeitsmarktes aus dem Jahr 2013 zurück, die Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne vorgelegt haben. Die beiden Forscher aus Oxford untersuchten, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Roboter, Computer und künstliche Intelligenz Berufe ersetzen. Das Ergebnis war auch für die Anwaltschaft alarmierend.

Mit dieser Studie haben Frey und Osborne einen Nerv getroffen und eine weltweite Debatte ausgelöst. Wie immer, gibt es mittlerweile aber auch Studien, die das Gegenteil behaupten. So blickt zum Beispiel der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS) Martin Kocher, der im Auftrag des Wiener Sozialministeriums die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Alpenrepublik untersucht hat, optimistisch in die Zukunft: "Per Saldo könnte es sogar positive Effekte auf den Arbeitsmarkt haben." Auch Ulrich Zierahn, ein Ökonom des deutschen Instituts „Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung“ (ZEW-Institut) aus Mannheim, will sich der Schwarzmalerei nicht anschließen: "Die Bedrohung durch eine 'technologische Arbeitslosigkeit' wird häufig überschätzt".

Nach alledem wird es maßgeblich darauf ankommen, mit welcher Einstellung wir auf die Digitalisierung unseres Berufes zugehen. Die Vertreterin der American Bar Association, Judy Perry Martínez, hat uns insofern in ihrem Vortrag an der Stanford Law School aufgerufen, "change your mind about how you look at things", mit anderen Worten: auf unsere Einstellung kommt es an.

Der Blick in die Geschichte lehrt auch, dass der Wandel nicht aufgehalten werden kann. Wir sollten uns an dieser Stelle an den römischen Kaiser Vespasian erinnern, dessen Regentschaft von 69 bis 79 n. Chr. dauerte. Der Erbauer des römischen Kolosseums war ein Skeptiker, wenn es um technischen Fortschritt ging. Den Vorschlag von Ingenieuren, ein effizienteres Verfahren für den Transport von steinernen Säulen zu den Baustellen zu präsentieren, lehnte er mit folgender Begründung ab: "Ihr müsst meinen Armen Fuhrleuten schon noch erlauben, ihr Brot zu verdienen." Eine ähnliche Antwort gab Königin Elisabeth I, als der britische Erfinder William Lee Ende des 16. Jahrhundert um das Patent für eine von ihm konstruierte mechanische Strickmaschine bat: "Bedenken Sie, was die Erfindung meinen Armen Untertanen antun würde", meinte die Herrscherin. "Sie würde sie ruinieren, indem sie ihnen die Arbeit wegnähme und Bettler aus ihnen machte." Letztlich wurde das Patent nicht erteilt.

Dieser Konflikt der Arbeitsgesellschaft dauert schon seit über 2.000 Jahren an: Technologischer Fortschritt gegen Arbeitsplätze. So viel ist sicher, die digitale Zukunft hat begonnen und sie bringt Herausforderungen mit sich. Allerdings hängt es von unserer Lebenseinstellung ab, wie wir als Anwaltschaft diesen begegnen. Eines ist mir klar geworden: Im Silicon Valley wird die Digitalisierung als Chance begriffen. Im Tal, wo "die Luft der Freiheit weht", hat man verstanden, dass wir den Fortschritt nicht aufhalten können. Dies ist auch Vespasian und Elisabeth I. nicht gelungen. Stattdessen wird im Silicon Valley der Fortschritt gestaltet. Auch als deutsche Anwaltschaft könnten wir ein Teil davon sein.

 

Rechtsanwalt Dr. Daniel Fingerle, Leipzig

 

 

 

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