Hey Du, wir müssen reden!*

 

*Und zwar über Legal Tech.

Wir haben bereits mit fünf jungen Mitgliedern der Legal Tech-Szene gesprochen und gefragt:

 

  1. Welchen Bezug hast Du zu Legal Tech?
  2. Welcher Aspekt von Legal Tech interessiert Dich besonders?
  3. Wie hast Du den Austausch zwischen Juristen  und Entwicklern empfunden?
  4. Wie hast Du vom Besuch einer Legal Tech-Konferenz profitiert?
  5. Wo siehst du Potenzial für den Einsatz von Legal Tech im anwaltlichen Berufsalltag?

 

Obwohl die Interviewpartner nicht unterschiedlicher sein konnten, waren sie sich in einem doch einig: "Ein Konferenzbesuch lohnt sich für jeden von uns."

 

 

„Eine der wichtigsten Herausforderungen für die Legal-Tech-Branche ist die Aufklärung über die Möglichkeiten und Perspektiven, die der Einsatz von Legal-Tech-Lösungen Juristen bietet.“

  1. Welchen Bezug hast Du zu Legal Tech?

Das klassische Anwaltsgeschäft weist gewisse Schwächen auf. Es wächst zum Beispiel fast ausschließlich über zusätzliche Mitarbeiter. Hinzu kommt, dass Anwälte mitunter viel Zeit und Energie für die sich wiederholenden Teile ihrer Tätigkeit aufwenden müssen. Auch wird vorhandenes Know-How oft nicht so verwaltet, dass es jederzeit abgerufen und auch Kollegen und Mitarbeitern standardisiert zur Verfügung gestellt werden kann. Technische Mittel können für diese und andere Probleme nachhaltige Lösungen schaffen. Das darin liegende Potential fasziniert mich sehr - sowohl als Anwalt als auch als Softwareentwickler.

 

  1. Welcher Aspekt von Legal Tech interessiert Dich besonders?

Wenn es um Legal Tech geht, muss man mindestens zwei Bereiche unterscheiden: Es gibt einerseits Angebote, die sich direkt an die Empfänger juristischer Leistungen richten, also zum Beispiel an Verbraucher, die rechtlichen Rat suchen. Und dann gibt es Angebote für Juristen. Mich interessieren in letzterem Bereich vor allem Werkzeuge und Systeme, die juristisches Arbeiten besser und schneller machen. In unserem Fall ist das mit LAWLIFT eine Software zum Erstellen und Nutzen von intelligenten Dokumentvorlagen.

 

  1. Wie hast Du den Austausch zwischen Juristen  und Entwicklern empfunden?

Ich war von dem Austausch, den ich erlebt habe, sehr positiv überrascht. Natürlich wird zwischen Anwälten und Entwicklern oft eine „Sprachbarriere“ bleiben. Die kann aber mit Hilfe von Legal Engineers  - also in der Regel Juristen mit ausgeprägtem technischem Verständnis - überwunden werden. Allerdings sollte das für die meisten Anwälte gar keine Rolle spielen, solange sie nicht etwa die Entwicklung eigener Software in Angriff nehmen.

 

  1. Wie hast Du vom Besuch einer Legal Tech-Konferenz profitiert?

Als Entwickler und Anbieter von Legal-Tech-Software finde ich es großartig, dass es nun eine solche Konferenz in Deutschland gibt. Eine der wichtigsten Herausforderungen für die Legal-Tech-Branche ist die Aufklärung über die Möglichkeiten und Perspektiven, die der Einsatz von Legal-Tech-Lösungen Juristen bietet. Die Konferenz leistet dazu einen entscheidenden Beitrag. Man kann den Organisatoren dafür gar nicht genug Respekt zollen.

 

  1. Wo siehst du Potenzial für den Einsatz von Legal Tech im anwaltlichen Berufsalltag?

Großes Potential sehe ich unter anderem in der technisch unterstützten Optimierung von Arbeitsabläufen und -ergebnissen. Vielleicht wird der Einsatz von Systemen, die beispielsweise das Erstellen rechtlicher Dokumente intelligent unterstützen, für Anwälte irgendwann so selbstverständlich sein, wie es heute die Nutzung des Telefons ist.

Ich gehe davon aus, dass der technische Fortschritt den Beruf des Anwalts grundlegend verändern wird, ohne den Anwalt jedoch überflüssig zu machen. Die anwaltliche Tätigkeit wird sich zunehmend auf die Bereiche konzentrieren, in denen der Mensch dem Computer überlegen bleibt, und es werden neue Tätigkeitsfelder für Anwälte entstehen.

 

 

 

„Am wichtigsten ist vielleicht die Chance im B/C-Bereich: Mehr Zugang zu Recht bieten. Hier verändert die Technologie die Welt zum Guten.“

  1. Welchen Bezug hast Du zu Legal Tech?

Legal Tech ist mein Alltag. Ich mache Software für Kanzleien. Zuerst habe ich als Juristin die Aufgabe des Legal Engineers im Entwicklungsteam übernommen. Als Business Analyst war ich für die Analyse und Konzeption zuständig. Jetzt bin ich Produktmanagerin. Ich sorge dafür, dass die Produkte sich weiterentwickeln, beobachte und bewerte Legal Tech Trends.

 

  1. Welcher Aspekt von Legal Tech interessiert Dich besonders?

Die möglichen Veränderungen auf das Geschäftsmodell der Kanzleien, der Arbeitsabläufe und der Integration der Anwälte in Unternehmensprozesse (Industrie 4.0).

Wichtiger ist vielleicht aber die Chance, im B/C-Bereich: Mehr „Zugang zu Recht“ bieten: Menschen, die entweder ein zu geringes Einkommen haben, wo die Infrastruktur fehlt oder die einfach nicht wissen, dass sie rechtliche Hilfe in Anspruch nehmen könnten. Hier verändert die Technologie die Welt zum Guten.

 

  1. Wie hast Du den Austausch zwischen Juristen  und Entwicklern empfunden?

Als spannend und hoch produktiv. Juristen und Entwickler sprechen schnell die gleiche Sprache, wenn sie es geschafft haben, sich auf das Experiment einzulassen.

 

  1. Wie hast Du vom Besuch einer Legal Tech-Konferenz profitiert?

Interessante Kontakte und gute Impulse für unser Produkt.

 

  1. Wo siehst du Potenzial für den Einsatz von Legal Tech im anwaltlichen Berufsalltag?

In vielen Bereichen des Alltags: Big Data für Unternehmensführung und Akquise, AI für eDiscovery Unterstützung in Due Dilligence etc., Blockchain für die Vernetzung und Abbildung wichtiger nicht kommerzieller Themen: Datenbank der Organspender weltweit, Testamentsregister, zentrale Urkunden etc.

 

 

 

„Ich sehe Legal Tech-Konferenzen als Branchentreff. Wir haben dort oft spannende Kontakte geknüpft, aus denen Kooperationen resultierten.“

 

  1. Welchen Bezug hast Du zu Legal Tech?

Ich habe Jurato zusammen mit einem befreundeten Anwalt vor drei Jahren gegründet und fand/finde den Bereich deshalb so spannend, weil die Digitalisierung des Anwaltsmarktes immer noch viele Möglichkeiten bietet.

 

  1. Welcher Aspekt von Legal Tech interessiert Dich besonders?

Die Digitalisierung ist unser Steckenpferd bei Jurato. Prozesse zu vereinfachen und vor allem zu beschleunigen, sehe ich immer noch als Schritt 1 im Anwaltsmarkt. 

 

  1. Wie hast Du den Austausch zwischen Juristen und Entwicklern empfunden?

Der Austausch ist immer spannend, doch müssen beide Seiten auf einem gemeinsamen inhaltlichen Level sein. Oft schätzen die Entwickler die Prozesse zu einfach ein, was dann wieder Zeit frisst, wenn man für Verständnis sorgen muss. 

 

  1. Wie hast Du vom Besuch einer Legal Tech-Konferenz profitiert?

Ich sehe solche Konferenzen immer als Branchentreff, keine Akquiseplattform. Wir haben dort oft spannende Kontakte geknüpft und Kooperationen resultierten daraus. 

 

  1. Wo siehst du das Potenzial von Legal Tech bei der Mandatsvermittlung?

Wir sehen dort mit Jurato natürlich große Chancen. Wichtig ist aber, dass der gesamte Prozess über die Plattform abgebildet wird, also von Akquise über Verarbeitungen bis hin zu der Archivierung der Akte - also die komplette Chain. Eine reine Vermittlung halten wir nicht für zielführend.

 

 

 

„Man muss nicht einmal mathematisch begabt sein, um ein einfaches Programm zu schreiben.“

  1. Welchen Bezug hast Du zu Legal Tech?

Aktuell arbeite ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem rechtswissenschaftlichen Lehrstuhl an der TU-Darmstadt bei Prof. Dr. Marly und bin zudem Rechtsanwalt. Am Lehrstuhl befasse ich mich im Rahmen meiner Dissertation auch mit Themen, die in den Bereich Legal Tech fallen. Diese Themen gehe ich auch technisch an. Beispielsweise arbeite ich an automatischen Zusammenfassungen von Gerichtsentscheidungen oder der Extraktion von Rechtssätzen aus Urteilen.

Vor der juristischen Ausbildung habe ein Wirtschaftsinformatikstudium abgeschlossen. Dadurch fällt es mir leichter, beim Programmieren auch selbst „Hand anzulegen“ und Daten nach meinem Wunsch zu verarbeiten.

 

  1. Welcher Aspekt von Legal Tech interessiert Dich besonders?

Legal Tech muss für mich konkret sein und einen unmittelbaren Nutzen stiften oder rechtswissenschaftliche Erkenntnisse ermöglichen. Es stellt sich immer die Frage: Does IT matter?

Derzeit interessiert mich, wie das Recht genutzt wird. Dies möchte ich empirisch untersuchen. Außerdem interessiert mich sehr, wie man rechtliches Wissen leichter zugänglich machen kann.

 

  1. Wie hast Du den Austausch zwischen Juristen und Entwicklern empfunden?

Soweit ich als Jurist mit Entwickeln zusammenarbeite habe ich meist schon eine sehr konkrete Vorstellung von dem, was in Software umgesetzt werden soll und was in etwa möglich ist. Hinsichtlich der konkreten Ausgestaltung lasse ich aber so weit wie möglich Freiräume. Am Ende werden steht gemeinsames Testen und gegebenenfalls noch Änderungen an. 

Bespricht man Legal Tech Ideen mit andere Juristen sind diese oft begeistert; manchmal ist dieses Thema aber vielleicht auch noch zu fern von deren eigenen Lebenswirklichkeit. Ich habe aber den Eindruck, das Thema gewinnt stark an Fahrt. Kürzlich war ich beispielsweise auf einer Veranstaltung in Darmstadt, in der der verstärkte Einsatz von IT bei Richtern diskutiert wurde. Hier bestand bei Gesprächen mit Juristen reges Interesse an Themen wie künstliche Intelligenz und was damit derzeit möglich ist.

 

  1. Wie hast Du vom Besuch einer Legal Tech-Konferenz profitiert?

Dieses Jahr war ich auf der Legal Tech Konferenz in Berlin. Die Dimension der Industrialisierung der Rechtsdienstleistungsbranche durch Anbieter wie MyRight.de und deren zukünftigen Folgen für den Rechtsanwalt hatte ich noch nicht so stark im Bewusstsein. Außerdem konnte ich mit zahlreiche Personen sprechen und hatte den Eindruck, mit meiner eigenen Arbeit im Bereich Legal Tech langfristig gut aufgehoben zu sein.

 

  1. Welche Rolle könnte Legal Tech zukünftig in der Juristenausbildung spielen?

Ich denke es ist schwierig, schon im Studium einen Bezug zu Legal Technik zu  finden. Denn die akademische Ausbildung von Juristen ignoriert viele Aspekt von Legal Tech - jedenfalls in der Breite - weitgehend. 

Die letzten Jahre haben sich die verfügbaren Algorithmen in der Informatik sehr stark weiterentwickelt. So gibt es erstaunlich große Fortschritte in den Bereichen Natural Language Processing (NLP) und maschinellem Lernen, einem Teilgebiet der künstlichen Intelligenz. Diese Fortschritte werden sich aus meiner Sicht auch Juristen zunutze machen. 

Die Ausbildung ist aus meiner Sicht flexibel genug, um entsprechende Schwerpunktbereiche im Studium zu schaffen. Zuallererst denke ich, sollten grundlegende Programmierkenntnisse vermittelt werden. Man muss nicht einmal mathematisch begabt sein, um ein einfaches Programm zu schreiben. Außerdem sollte aufgezeigt werden, wo der Trend aus Praxissicht bei Legal Tech hingeht.

Aus akademischer Perspektive sollte die Ausbildung auch hinterfragen, was Algorithmen im juristischen Alltag derzeit und zukünftig leisten können und was sich hinter Technologien wie Blockchains und Smart Contracts verbirgt.

 

 

 

„Die juristische Zunft hat vor allem eine große Sorge: Sich selbst abzuschaffen, indem sie Digitalisierung und technischen Fortschritt zulässt.“

  1. Welchen Bezug hast Du zu Legal Tech?

Ich verantworte juristisch den Bereich „Document Automation“ bei der internationalen Wirtschaftskanzlei Berwin Leighton Paisner (BLP) in Deutschland. Unter meiner Leitung entwickeln wir Vorlagen für Verträge und optimieren die Prozesse zur Erstellung von Vertragsdokumenten. Ziel ist es, potentielle Fehler in der Bearbeitung zu eliminieren und dem Mandanten einen schnelleren - und damit kostengünstigeren - Zugang zu ausgefeilten Verträgen zu geben. 

 

  1. Welcher Aspekt von Legal Tech interessiert Dich besonders?

„Legal Tech“ ist zunächst nur ein Schlagwort, das jeder mit unterschiedlichen Vorstellungen füllen kann. Es geht im Kern darum zu verstehen, welche Bereiche der juristischen Tätigkeit durch Maschinen und Programme ersetzt werden können. Wird es zum Beispiel einen Roboter-Richter geben, der Urteile bis zu einem bestimmten Streitwert entscheidet? Herauszufinden, welche Bereiche - und das sollte man nie vergessen - im Interesse der Menschen durch Maschinen und Programme ersetzt oder zumindest ausgelagert werden können, ist das eigentlich Spannende. Gerade von der juristischen Warte in den technischen Bereich vorzudringen, ist die Herausforderung. 

Die juristische Zunft hat vor allem eine große Sorge: Sich selbst abzuschaffen, indem sie Digitalisierung und technischen Fortschritt zulässt. In Wahrheit ist diese Angst vor dem Robolawyer oder Subsumtionsautomaten jedoch nur teilweise begründet. Das semantische Ausdrucksvermögen des Algorithmus einer Software kann niemals alle Konstellationen und Situationen erkennen und regeln. Deshalb wird man stets gute Juristen brauchen.

Die technischen Möglichkeiten und Innovationen, die der Legal Tech Trend mit sich bringt, können aber dazu dienen, repetitive Tätigkeiten des Beratungsalltags zu automatisieren und Prozesse zu designen, um eine Konzentration auf die eigentlichen Kernkompetenzen des anwaltlichen Berufs zu ermöglichen. BLP hat beispielsweise zu Beginn des Jahres die Plattform „sharedo“ implementiert. Dieses Tool bietet erweiterte Fähigkeiten im Bereich Datenanalyse und künstlicher Intelligenz und wird nicht nur kontinuierliche Verbesserungen in der Analyse von Daten und Workflows bieten, sondern auch wesentlich zur Prozessoptimierung beitragen. Spannend bleibt zu sehen, welche Visionen Zukunftsmusik bleiben und welche Legal-Tech-Werkzeuge sich spürbar in der Praxis auswirken.

 

  1. Wie hast Du den Austausch zwischen Juristen und Entwicklern empfunden?

Die angebotenen Meetings nach den Vorträgen waren eine gute Möglichkeit, sich mit anderen interessierten Juristen und Entwicklern über Ideen und Projekte zu unterhalten und zu vernetzen. Hier prallen zwei Welten aufeinander, die sehr unterschiedlich scheinen, jedoch eigentlich viele Gemeinsamkeiten aufweisen: Logik, Struktur und Genauigkeit. Problematisch bei der Integration von Software in den Kanzleialltag ist aber, dass Juristen oft wenig oder keine Vorstellung haben, welche vielseitigen Möglichkeiten Legal Tech eigentlich bieten kann. Die Kommunikation zwischen Juristen und Entwicklern ist also unabdingbar für den Fortschritt und die Realisierung digitaler juristischer Qualitätsprodukte.

 

  1. Wie hast Du vom Besuch einer Legal Tech-Konferenz profitiert?

Die Konferenz beleuchtete das Thema Legal Tech durch die ausgewählten Vorträge von vielen verschiedenen Seiten, sodass sich mir nochmal neue Blickwinkel eröffnet haben. Gerade Themen wie rechtssichere Compliance durch Digitalisierung oder Vertragsanalyse im Rahmen einer Due Diligence lieferten guten Input für Kanzleivorgänge.  

 

  1. Welche Rolle wird Legal Tech zukünftig in Deinem Berufsalltag spielen?

Dass der technische Fortschritt sich nicht im Legal Tech Trend erschöpft, sondern unsere Rechtsordnung generell perspektivisch auf die Probe stellt, sehen wir an den aktuell diskutierten Reformprojekten um unser für die digitale Welt teilweise veraltetes Recht. Langfristig wird das Thema Legal Tech aus der Welt der juristischen Dienstleistung nicht mehr wegzudenken sein. Die Anforderungen an Juristen und Kanzlei werden steigen und altbewährte Strukturen müssen infrage gestellt werden. Hierfür sind gerade solche Juristen wichtig, die sowohl die technische, als auch die rechtliche Seite verstehen und dadurch den Vorgang in seiner Komplexität verstehen und nachvollziehen können. Die digitale Unterstützung der anwaltlichen Beratungspraxis bleibt so lange unbedenklich, wie der Anwalt den Überblick behält.

Ich freue mich, dass BLP das Potenzial von Legal Tech früh erkannt hat und mir die Möglichkeit gibt, in dieses Projekt zu investieren.

 

 

 

 

Die nächste Gelegenheit zum Austausch zwischen Juristen, Legal Engineers und Entwicklern bietet sich vom 24. – 26. Mai in Essen beim 68. Deutsche Anwaltstag zum Thema Innovationen und Legal Tech.

 

 

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