Stationsreportage

Wie läuft eine Anwalts­station bei Baker McKenzie, Berlin?

Für die Anwalts­station bei der Großkanzlei Baker McKenzie ist Spaß am juris­ti­schen Denken Voraus­setzung. Ein Ausbilder und eine Referen­darin berichten von ihren Erfah­rungen.

Spaß am juris­ti­schen Denken

Ausbilder Dr. Alexander Wolff, LL.M.Eur, berichtet.

Beste aktuelle Rechtskenntnisse und frische Ideen – das sei die Rendite für Sozietäten, die sich die Mühe machten, Nachwuchsjuristen einzubinden. Davon ist Alexander Wolff überzeugt. „Kanzleien, die keine Referendare ausbilden und nicht den Austausch mit den jungen Kollegen pflegen, vergreisen mit der Zeit“, sagt der Arbeitsrechtsexperte aus dem Berliner Büro der Großkanzlei Baker McKenzie. „Referendare haben in Kanzleien gute Möglichkeiten, was der gründlichen deutschen Juristenausbildung zu verdanken ist.“ Im internationalen Vergleich müssten sich deutsche Nachwuchsjuristen keinesfalls verstecken – auch wenn sie deutlich älter seien als Berufseinsteiger aus anderen Ländern.

Auch in Jenny Heinrichs Bewerbungsunterlagen stimmten die Rahmendaten: Ein „vollbefriedigend“ im ersten Staatsexamen, ein erkennbares Interesse an Wolffs Fachgebiet und fundierte Englischkenntnisse durch ein Auslandsjahr in England. „Englischkenntnisse sind heute viel wichtiger als vor zehn Jahren – und sie werden immer wichtiger“, sagt Wolff, der in Passau und Lausanne studiert und in Rostock promoviert hat. „60 bis 70 Prozent unserer Korrespondenz läuft mittlerweile auf Englisch.“ Deshalb findet es der Arbeitsrechtler auch richtig, dass seine Referendarin im Anschluss an das zweite Staatsexamen im Mai 2017 ein LL.M.-Studium im Ausland absolvieren will. Überhaupt: Andere Rechtsordnungen zu kennen, sei für Arbeitsrechtler genauso hilfreich wie für Experten anderer Rechtsgebiete auch. Wenn man in der Lage sei zu vergleichen, ließen sich ausländischen Mandanten leichter die Eigenheiten des deutschen Rechts vermitteln.Wolff, der 2001 aus Freiburg nach Berlin zu Baker McKenzie kam, legt Wert darauf, seine Referendare von Anfang an in laufende Mandate mit einzubinden. Bei Heinrich fiel ihm schnell auf, dass sie solide arbeite. „Sie recherchiert gründlich und das ist keineswegs selbstverständlich“ sagt Wolff. „Es gibt auch Referendare, die Google-Ergebnisse präsentieren.“ Heinrich habe Spaß am juristischen Denken. Die Kombination – eigenständiges Denken und Recherchestärke – sei genau das, was man für die Bearbeitung abseits von Standardfällen benötige.

Wolff denkt dabei besonders an einen Fall, der die beidenschon seit Heinrichs Start bei Baker McKenzie beschäftigt: Ein amerikanisches Unternehmen wurde von seinen Betriebsräten in mehreren europäischen Niederlassungen mit den Plänen konfrontiert, einen Europäischen Betriebsrat zu gründen. „Bei US-Unternehmen stoßen solche Forderungen im ersten Moment natürlich auf völliges Unverständnis“, sagt Wolff. Juristisch stellten sich unendlich viele spannende Fragen. Sechs Monate hatte das Unternehmen Zeit, auf den Vorstoß der Betriebsräte zu reagieren. Aus Sicht der Arbeitnehmervertretung hatte das Unternehmen nicht genügend getan, um dem Begehren nachzukommen. Heinrich prüft nun vor dem anstehenden Gerichtstermin, wie zum Beispiel relevante unbestimmte Rechtsbegriffe ausgelegt werden. „Zum Teil gibt es hier einfach weder Literatur noch Rechtsprechung“, gibt Wolff zu bedenken. „Da ist es wichtig, dass damit jemand befasst ist, dem Jura wirklich Spaß macht.“ Bei Heinrich sei dies offensichtlich: Sie diskutiere gerne und sei in der Lage, ihre Meinung zu vertreten.

In einem anderen aktuellen gemeinsamen Fall geht es um das Schicksal von Betriebsvereinbarungen nach einem Betriebsübergang. „Das ist juristisches Hochreck, es gibt viel – und zum Teil widersprüchliche – Rechtsprechung, und in zahlreichen Bereichen herrscht Rechtsunsicherheit“, so Wolff. DerBetriebsrat des abgebenden Unternehmens wolle, dass so viele vorteilhafte Regelungen für Arbeitnehmer wie möglich übernommen werden, das übernehmende Unternehmen ist daran weniger interessiert. Heinrich hatte die Aufgabe, eine große Anzahl von Betriebsvereinbarungen zu prüfen und glich die jeweiligen Regelungen bei Käufer und Verkäufer genau ab. Eine Arbeit, die sie gut zwei Wochen in Anspruch genommen hat. Wolff: „Betriebsvereinbarungen und viele andere sehr praxisrelevante Sachen bekommen angehende Juristen im Studium nicht zu Gesicht. Für die Ausbildung ist es aber super, so etwas gesehen zu haben.“ Dem Anwalt ist es wichtig, Referendaren Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. „Wir können sehr gut ausgebildete junge Juristen während ihrer Ausbildung einsetzen – da fühlen wir uns verpflichtet, auch etwas zurückzugeben.“

Zielstrebig, ohne abzuheben

Referendarin Jenny Heinrich berichtet.

Im Grunde hat Jenny Heinrich schon bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz für ihre Anwaltsstation einige Fähigkeiten gezeigt, die gute Juristen haben müssen: Zielstrebigkeit und strukturiertes Vorgehen. Auf einer Karriere-Plattform stellte sie ihre Daten und ein Motivationsschreiben ein – und ließ die Arbeitgeber zu sich kommen, statt einen Stoß von Bewerbungenzu verschicken. Als erstes meldete sich Baker McKenzie. Kurz darauf war ein Bewerbungsgespräch mit zwei Partnern – darunter Alexander Wolff – eingefädelt, und im Juni vergangenen Jahres stand bereits fest, wo Heinrich ab April 2016 für neun Monate arbeiten würde: In der Berliner Dependance der Sozietät, mit Wolff als Ausbilder.

Für Heinrich, die auf der beschaulichen Nordseeinsel Wangerooge aufgewachsen ist, in Berlin studiert hat und dort auch ihr Referendariat absolviert, war das auch im Rückblick die richtige Entscheidung: „Ich war positiv überrascht, dass ich vom ersten Tag an mit meinem Ausbilder auf Augenhöhe zusammenarbeiten durfte und in aktuelle Mandate eingebunden wurde“, sagt die 27-Jährige. „Ich werde hier nicht mit sachfremden Recherchen beschäftigt, es gibt keine Trockenübungen.“ Wolff gibt ihr das Gefühl, dass er ihre Ansichten mit in seine Überlegungen einbezieht. Heinrich: „Das ist für eine Anfängerin total motivierend.“ Die Referendarin arbeitet an internationalen Mandaten mit – was immer dann besonders spannend ist, wenn sich kulturelle Unterschiede offenbaren. Wie in dem Fall, den sie  gemeinsam mit Wolff schildert: Ein amerikanischer Mandant musste mit den europäischen Gepflogenheiten im Arbeitsrecht vertraut gemacht werden.

Heinrich war in diesem Mandat von Anfang an in die Prüfung wichtiger Details eingebunden. „Erst recherchiert man in Datenbanken und Kommentaren. Wenn da nichts zu finden ist, zahlt sich das gründliche deutsche Studium aus, denn dann kommt man zu den allgemeinen Auslegungsgrundsätzen“, sagt Heinrich lächelnd. Bei dem zweiten großen Fall auf ihrem Schreibtisch, bei dem Betriebsvereinbarungen abzugleichen waren, musste eine zufriedenstellende Lösung für alle Beteiligten gefunden werden. „Eine Detailarbeit und sehr interessant“, sagt die angehende Volljuristin. Dass bei einer Vielzahl internationaler Beteiligter solide Englischkenntnisse nötig sind, versteht sich von selbst. Heinrich studierte ein Semester in England. Im Vergleich zur Juristenausbildung in Großbritannien schneidet Deutschland ihrer Meinung nach deutlich besser ab. „Unbekannte Probleme zu lösen – da bekommen wir das deutlich bessere Rüstzeug an die Hand“, ist sie überzeugt.

Im Mai kommenden Jahres hat Heinrich planmäßig ihr zweites Staatsexamen in der Tasche – und will sich dann erst einmal von Deutschland verabschieden, um ein LL.M.-Studium zu absolvieren. Wo sie anschließend arbeiten wird, steht noch nicht fest. Eine Großkanzlei muss es nicht sein – auch wenn ihr die Arbeit jetzt gut gefällt. „Ich will mich erst einmal umschauen“, sagt Heinrich. In der Wahlstation wird sie eine mittelständische Kanzlei ausprobieren. Fest steht: Egal wie das zweite Staatsexamen ausgeht, mit ihren Stationen wird sie für Anwaltskanzleien eine attraktive Mitarbeiterin sein. Heinrich schätzt es sehr, dass Baker McKenzie ihr allen Raum lässt, den sie für ihr Referendariat braucht – also etwa für Arbeitsgemeinschaften oder den Klausurenkurs. Auch der Repetitor ist ein fixer Termin, der grundsätzlich keiner Projektarbeit zum Opfer fällt. Ihr Ausbilder hat Verständnis für den Druck, unter dem viele Referendare stehen. Da müsse jeder seinen Weg finden, um damit fertig zu werden. Doch man müsse, so Wolff, als Ausbilder nicht auch noch zusätzlich Druck ausüben.

Bei Heinrich scheint in dieser Hinsicht keine Gefahr zu bestehen, im Gegenteil: Sie wirkt zuversichtlich und ist ganz offensichtlich auch zufrieden mit ihrem Schwerpunkt: „Im Arbeitsrecht hat man mit Menschen zu tun“, sagt Heinrich. „Man kann auch Nichtjuristen erklären, was man beruflich macht, weil jeder etwas über das Rechtsgebiet weiß.“ Eine Arbeit also auf hohem Niveau – ohne Gefahr, abzuheben.


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