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Anwaltsausbildung

Weiter­bildung für Jung-Juristen

Wenn die 27-jährige Jura-Studentin mit strahlenden Augen durch die kunterbunten Räume der HPI School of Design Thinking in Potsdam-Babelsberg streift und von ihrer Zeit zwischen erstem Staatsexamen an der Uni Potsdam und bevorstehendem Referendariat berichtet, hört sich das nach Aufbruch und Befreiung an.

Kreativ-Methode mit Design Thinking

Irgendwo hier zwischen kreuz und quer im Raum verteilten Stellwänden, nur für Einge­weihte dechif­frier­baren Projekt-Fahrplänen und zahllosen Post-its und Mindmaps hat sich Lina Krawietz‘ Blick auf ihr Berufs­leben grund­legend verändert. Wenn die 27-jährige Jura-Studentin mit strah­lenden Augen durch die kunter­bunten Räume der HPI School of Design Thinking in Potsdam-Babelsberg streift und von ihrer Zeit zwischen erstem Staats­examen an  der Uni Potsdam und bevor­ste­hendem Referen­dariat berichtet, hört sich das nach Aufbruch und Befreiung an: „Nach dem Examen im März 2016 habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, das wieder­zu­finden, was während des Studiums bei mir liegen geblieben ist: Kreativität, Teamwork und die Möglichkeit, ohne negative Konse­quenzen Fehler machen zu dürfen.“

Gefunden hat sie weit mehr als das: Gleich­ge­sinnte, neue Berufs­ideen – und ganz viel Vertrauen in die eigene Zukunft. Zufällig wurde sie auf die sogenannte D.School aufmerksam, die zum Hasso-Plattner-Institut in Potsdam-Babelsberg gehört und als Schwester-Institut der Stanford D.School Studenten aus aller Welt mit der Kreativ-Methode des Design Thinking vertraut macht.

Problem-Lösung durch Kompetenz-Vielfalt

Was Anfang der 1990er Jahre von Vorden­kernwie David Kelley, Gründer der ameri­ka­ni­schen Innova­ti­ons­agen­turIdeo, in der Entwicklung neuer Produkt­de­signs Anwendung fand, hat seine Wurzeln im deutschen Bauhaus der 1920er Jahre. Schon damals versam­melten sich Vertreter aus Archi­tektur, Theater, Musik und Gestaltung rund um ein Projekt – in der Überzeugung, dass sich durch ihre Kompetenz-Vielfalt die Problemlösungs­kom­petenz erhöht.

Seither hat sich Design Thinking in Weltun­ter­nehmen wie Microsoft oder Siemens etabliert. Und auch unter Jung-Juristen wird die Weiter­bil­dungsmöglichkeit immer beliebter. Gemeinsam mit Studenten aller Länder und Fachbe­reiche bewerben sie sich an der D.School, um sich in ein oder zwei Semestern in der Methode zu üben und vielfältige Projekte für echte Auftrag­geber auszuführen. Anfängliche Zweifel, was sie als Juristin zum Kreativ­prozess beitragen könne, verflüchtigten sich bei Lina Krawietz schnell: „Gleich im ersten Projekt arbeitete ich mit einem bunt gemischten Team für eine NGO aus dem Asylrechts­be­reich. Plötzlich passte alles zusammen: Meine Qualitäten als Juristin, z.B. die analy­tische Heran­ge­hens­weise, waren für andere sehr hilfreich. Und mir wurde klar, in wie viele Richtungen ich gehen könnte, ohne die klassi­schen Karrieren als Richterin oder Anwältin einzu­schlagen. Ich konnte kaum Mitta­gessen gehen, ohne mit drei neuen Geschäftsideen zurückzukommen.“

Von Projekt­partnern wurde sie mit ihrem Team nicht nur nach Paris, Brüssel und Marseille einge­flogen. Durch einen Besuch im App-Haus in  Berlin-Mitte ergab sich als angenehmes „Neben­produkt“ des Studiums eine einjährige Tätigkeit als Werkstu­dentin für den World Player SAP, für den sie u.a. Design Thinking Workshops mit moderierte. Relevanz für die juris­tische Praxis Design Thinking sei für alle Branchen und Themen geeignet, sagt  Krawietz. „Das betrifft nicht nur das Thema Legal Tech. Jede Kanzlei sollte sich Gedanken machen, wie sie ihren Mandanten den Zugang zu ihren Dienst­leis­tungen erleichtern und Mitar­beiter besser in den Workflow einbinden kann.“ Sie erzählt von einer Berliner Steuer­kanzlei, die Design Thinking zum Grund­prinzip ihres Kanzlei-Alltags erhoben habe. Das „Legal Design Lab“ in Stanford befasse sich gar ausschließlich mit der Entwicklung neuer  Produkte für den Rechts­be­reich. Bliebe noch ihr neuer Umgang mit „Fehlern“. Dass sich Juristen in der Praxisam Null-Fehler-Prinzip orien­tieren, sei  notwendig, schließlich gehe es um das Schicksal von Personen oder Unter­nehmen, sagt die heutige Referen­darin. „Gleich­zeitig ist es wichtig, sich als  Mensch Zweifel und Fehler zuzuge­stehen, sie manchmal sogar als erwünscht anzusehen, um sich weiter­zu­ent­wi­ckeln. „Vor der Zeit hier dachte ich,  ich muss mich verformen, um in die juris­tische Welt zu passen. Heute, da ich intuitiv das mache, was ich wirklich will, kommt der beruf­liche Erfolg fast von allein.“


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