Anwaltszukunft

Steuer­recht: Einfacher, aber komplexer

Gute Anwälte wissen heute schon, welche Probleme ihre Mandanten morgen haben werden – und wo die Zukunft für junge Anwältinnen und Anwälte liegt. Anwaltsblatt Karriere hat die Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaften im Deutschen Anwaltverein befragt.

Im Interview: Rechtsanwalt Dr. Martin Wulf, Berlin. Er ist Vorsitzender der Arbeits­ge­mein­schaft Steuer­recht im DAV.

 

1. Was hat den Tätigkeitsbereich von Anwältinnen und Anwälten im Bereich Steuerrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Die vergan­genen fünf Jahre waren für die meisten Steueranwälte sicher durch die vielen „Selbst­an­zeige“-Fälle geprägt. Motor dieser Entwicklung war insbe­sondere die geänderte Handhabung durch die Banken in der Schweiz, dort liebevoll als „Weißgeldstra­tegie“ bezeichnet. Von dort stammten die mit Abstand meisten Fälle. Liech­ten­stein, Österreich und andere Länder, in denen deutsche Kapital­an­leger „verschwiegene Konten“ unter­hielten, haben sich dem dann angeschlossen. Mittler­weile ist dieWelle ausge­laufen. Auch wenn noch Altfälle abzuar­beiten sind oder sich einzelne neue Mandan­ten­melden, wird dieser Bereich in den kommenden Jahren an Bedeutung verlieren.


2. Was wird dieses Jahr das bestimmende Ereignis werden?

Der Gesetz­geber muss bis zum 30. Juni 2016 ein neues Erbschaft­steu­er­recht in Kraft setzen. Ich denke, das wird das Ereignis mit der größten Breiten­wirkung sein. Auch wenn Details weiterhin sehr streitig sind, gehe ich davon aus, dass der Gesetz­geber die Frist hält. Rechtlich würde es aller­dings so richtig spannend werden, wenn die große Koalition sich nicht einigen könnte. Dann stünde die Frage im Raum, ob das geltende Erbschaft­steu­er­gesetz wegen der Überschreitung der vom Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt gesetzten Frist wegfällt oder ob eine Verlängerung der Frist irgendwie denkbar ist.


3. Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Bereich Steuerrecht in fünf Jahren aussehen?

Der Einfluss des europäischen Rechts auf das deutsche Steuer­recht wird weiter zunehmen. Die Politik wird noch immer von einer Verein­fa­chung des Steuer­rechts reden – tatsächlich werden die unter dieser Aufschrift in Kraft gesetzten Neure­ge­lungen die Komplexität aber vielfach nur erhöhen. Dies schafft anwalt­lichen Beratungs­bedarf – sowohl im Steuer­streit, als auch in der Steuer­ge­staltung.


4. Wo haben Berufsanfänger im Steuerrecht die größten Chancen?

Wichtig ist eine gute Grund­aus­bildung. Mit einer breiten Basis lässt sich jedes Gebiet des Steuer­rechts erobern. In welchem Bereich man dann tätig ist, hängt häufig von Zufällen ab. Juristen sind im Steuer­recht stark, wenn sie an den Schnitt­stellen zu anderen Gebieten tätig sind. Dies kann die Schnitt­stelle zum Straf­recht, die Schnitt­stelle zum Gesell­schafts­recht oder die Schnitt­stelle zum Erbrecht sein. Wer Ideen und Leiden­schaft für einen bestimmten Bereich hat, wird sicher auch noch andere Schnitt­stellen finden, an denen er mit steuer­lichem Know-how tätig sein kann.


5. Was vermitteln Studium und Referendariat nicht,was eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt im Bereich Steuerrecht braucht?

Seien wir ehrlich – wer Steuer­recht macht, hat natürlich mit Zahlen zu tun. Mit Blick hierauf wäre es zum Beispiel hilfreich, mit Excel umgehen zu können. Meine Kennt­nisse sind insoweit ausbaufähig, im Studium fand dies bei mir nie statt. Anderer­seits: Auch das Steuer­recht lebt – wenn man als Anwalt tätig ist – vom Kontakt mit Menschen. Hier gibt es Natur­ta­lente. Alle anderen müssen den Umgang mit Menschen lernen, ohne dass die Lehrpläne aus Studium und Referen­dariat hier weiter­helfen.




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