Anwaltseinstieg

An der Uni Freunde, als Anwältinnen eine gemeinsame Kanzlei gründen

Gezeichnetes Büro

Wenn aus Gedankenspielen in der Bibliothek eine konkrete Zukunft wird: Vier Anwältinnen haben es gewagt und mit ihren Studienfreundinnen gemeinsame Kanzleien gegründet. Doch kann das in der Praxis auf lange Sicht funktionieren? Die Juristinnen berichten von ihren Modellen und Erfahrungen.

Eva Wiedemann und Ingrid Yeboah lernten sich in Berlin an der Humboldt-Universität kennen, im berufs­be­glei­tenden Master-Studiengang zu Immate­rialgüterrecht und Medien­recht. „Wir haben da in der Bibliothek täglich zusam­men­ge­sessen und ich habe mal im Scherz gesagt: Eigentlich könnte ich mich auch selbständig machen“, erinnert sich Wiedemann.

Zu der Zeit arbeitete Yeboah im Management einer Künstler­agentur und Wiedemann als angestellte Anwältin in einer mittelständischen Kanzlei. Irgendwann erreichte Wiedemann eine Anfrage von Yeboah via Messen­ger­dienst: „Wollen wir es nicht wagen?“ „Ich war gerade in Elternzeit und es zeichnete sich ab, dass es mit Kind als angestellte Rechtsanwältin schwierig werden würde“, sagt Wiedemann und dachte: „Warum eigentlich nicht?“ Das war 2016. Aus Worten folgten Taten, zunächst in Form eines Business-Plans.

Vom Wohnzimmer in die Fried­richstraße: Kanzleigründung

Beide Anwältinnen brachten unter­schied­liche Erfah­rungen mit ein: Yeboah war in einem Unter­nehmen, sammelte inter­na­tionale Erfahrung in New York, Wiedemann arbeitete in einer Kanzlei, war eine Zeit lang in Paris. Sie konnten ein Musiklabel aus dem Klassik­be­reich und einen Verlag als größere Mandanten in die neue Kanzlei mit einbringen. „Gestartet sind wir in Ingrids Wohnzimmer – und dann gewachsen. Wir hatten ein paar Mandate und kein finan­zi­elles Polster.“ Im März 2018 ging es dann in eine Bürogemein­schaft. Inzwi­schen sind sie in Berlin-Mitte noch einmal umgezogen, die Kanzlei liegt an der Fried­richstraße, ist spezia­li­siert auf Urheber-, Wettbe­werbs-, Medien­recht und gewerb­lichen Rechts­schutz.

„Das war eine gute Idee. Mir macht es nach wie vor sehr viel Spaß“, sagt Wiedemann. Die Selbstständigkeit habe Vor- und Nachteile: Man kann von zu Hause und flexibel arbeiten. Wir müssen uns nicht recht­fer­tigen. Vieles läuft digital. Wir haben Mandanten in Köln, die haben wir noch nie gesehen. Dafür macht man keinen Umsatz, wenn einen die Kita-Viren erwischt haben“, sagt die 34-Jährige.

„Ich hatte nie Zweifel an dem Schritt. Ich schätze die Freiheit zu entscheiden, welche Mandate ich annehme. Auch wenn es in der Gründungs­phase erstmal darum ging, überhaupt welche zu bekommen, waren wir nie gezwungen, Mandate außerhalb unserer Spezia­li­sierung anzunehmen“, sagt Yeboah. Beide betreuen bevorzugt Kreative und Gründer. „Wir bekommen sehr guten Zuspruch, es kommen auch immer Mandate rein“, berichtet Wiedemann.

Zwischen Spaß, Kompro­missen und Tiefpunkten beim Abenteuer Existenzgründung

Die Akquise bedeutet aber auch sehr viel Zeitaufwand. Netzwerk-Events wollen besucht werden. Die Arbeitszeit der beiden ist versetzt: Wiedemann, die junge Mutter mit zweieinhalb Jahre altem Kind, ist früher im Büro, Yeboah später und übernimmt auch eher die Abend­termine. „Es läuft, aber es ist nicht immer leicht. Es macht dafür Spaß, etwas Eigenes aufzu­bauen, hinter dem man stehen kann. Und mit unseren Mandanten treffen wir uns abends auch mal zu ‘nem Drink. Das war früher auch unpersönlicher“, sagt Wiedemann. Inzwi­schen zeige sich zudem: „Die Mandanten kommen wieder.“

Wie merkt man, dass es passt? „Man muss ein Gefühl dafür bekommen, dass die Arbeits­men­talität und Motivation die gleiche ist“, sagt Wiedemann. „Man kann sich leichter auf jemanden verlassen, wenn man weiß, wie er tickt“, sagt Yeboah. Aber was tun, wenn zwei gleich­be­rech­tigte Partne­rinnen uneinig sind? „Wichtig ist, auch mal außerhalb der Kanzlei im Café etwas zu besprechen. Irgendwann gibt eine nach – oder wir lassen es“, sagt Wiedemann. Einen persönlichen Tiefpunkt gab es für sie auch schon: „Das war die Gehalts­frage. Wir hatten einen GbR-Vertrag, in dem wir die Einnahmen hälftig aufge­teilt haben. Das haben wir inzwi­schen geändert.“

Eine richtige Arbeits­auf­teilung gibt es zwischen den beiden Frauen nicht, vieles ergibt sich im Kanzlei­alltag. Inzwi­schen passe die Arbeits­or­ga­ni­sation aber.“ Eine Portion Pragma­tismus und Kompro­miss­be­reit­schaft sollte jeder in die gemeinsame Kanzlei mitbringen, sagen beide: „Wenn man sich so richtig verkracht, könnte es schon schwierig werden.“ 

30 Jahre Freunde, 25 Jahre eine gemeinsame Kanzlei

Viel weiter südlich in Berch­tes­gaden in Oberbayern können Petra Wanie (57) und Marlies Klooz (55) auf ein Langzeit-Erfolgs­modell zurückblicken. Seit 30 Jahren kennen beide sich, seit 25 Jahren führen sie ihre gemeinsame Kanzlei. Sie sind breit aufge­stellt, bieten über Arbeits-, und Straf­recht bis zu Familien- und Verkehrs­recht alles, was man in Berch­tes­gaden braucht, wobei jede auch ihre Nische bearbeitet, etwa als Verfah­rens­bei­stand und Opferanwältin.

 

Zwei Frauen von hinten, die die Arme vor Freude in die Höhe strecken.
Als Freundinnen eine gemeinsame Kanzlei gründen - Kann das funktionieren? Ja!

Die beiden Schwäbinnen lernten sich in Baden-Württemberg kennen, Klooz studierte noch in Tübingen, Wanie war bereits Referen­darin in Stuttgart. Fünf Jahre später entschieden sich die beiden Freun­dinnen, sich auch beruflich zusam­men­zutun. „Wir haben uns bundesweit umgeschaut. Die Anwalts­dichte sollte nicht so hoch sein." Am 1. April 1994 übernahmen sie die Kanzlei eines altein­ge­ses­senen Anwalts in Berch­tes­gaden. „Jeder hat seine Rechts­ge­biete einge­bracht“, berichten sie. Beide reizte die unter­neh­me­rische Freiheit: „Sein eigener Herr zu sein, keinen Weisungen zu unter­liegen.“ Nie hätten sie in den vergan­genen 25 Jahren Zweifel an ihrer Entscheidung befallen, beteuern sie.

Voraus­setzung seien aber Überein­stim­mungen bei gewissen Grund­fragen: „Wie gehe ich mit Mitar­beitern um?“ sei eine davon. Noch etwas tragen sie gemeinsam: „Wir sind hier auf dem Land, lehnen den Vereinsklüngel aber ab. Wir schlagen uns auf keine Seite und bleiben unabhängig. Vettern- und Spezi-Wirtschaft wider­strebt uns. Wenn es sein muss, gehen wir auch gegen die örtlichen Banken vor.“

Obwohl beide ihre eigenen Rechts­ge­biete haben, disku­tieren sie schwierige Fälle der jeweils anderen und halten diesen Austausch für wichtig. „Bei Mandaten, die einen emotional bewegen, liest dann auch schon mal die andere die Schriftsätze gegen.“

Außerdem räumen sich Klooz und Wanie in einigen Fragen ein Vetorecht ein: „Bei der Einstellung von Mitar­beitern etwa. Das muss bei beiden passen, schließlich müssen auch beide mit der Person zusam­men­ar­beiten.“

Unabhängigkeit, Freund­schaft, Vertrauen in der eigenen Kanzlei

Seit 25 Jahren sind sie Gesell­schaf­te­rinnen zu gleichen Teilen, teilen sich die Einnahmen 50:50. „In der Zwischenzeit haben wir uns über längere Zeit hinweg auch mal um pflegebedürftige Eltern gekümmert und nicht das Gleiche leisten können. Das müssen wir aushalten, das gleicht sich irgendwann aus“, sagen sie. „Wir haben uns nie die Stunden­zahlen vorge­rechnet. Das war kein Problem, so viel gegen­sei­tiges Vertrauen muss man haben. Nachkarten gibt es nicht.“

Als sie mit der Kanzlei umgezogen sind ins Nebenhaus, wurde wochenlang über Vor- und Nachteile des Umzugs disku­tiert. Brauchen wir wirklich eine neue Compu­ter­anlage? Das kann auch schon mal zu Misss­timmung führen. Was nicht geklärt wird, bleibt erstmal ungeklärt.

Ein Raum der Freiheit ist für beide das eigene Büro und seine Einrichtung: „Da kann jede tun und lassen, was sie möchte.“ Über die übrige Ausstattung und den Stil der gemein­samen Kanzleiräume sind sie sich recht schnell einig geworden. „Das haben wir mit ein bisschen Kompro­miss­be­reit­schaft hinbe­kommen.“

Reibungs- und Streit­punkte gebe es zwar immer, aber die Freund­schaft habe in den 25 Jahren nicht gelitten. Beide sind sogar überzeugt, auch noch später im Ruhestand Freun­dinnen zu bleiben. „Stur darf man nicht sein. Dann funktio­niert es nicht. Man muss tolerant genug sein und sich die Zeit nehmen, unter­schied­liche Meinungen auszu­dis­ku­tieren.“


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