Erstberatung

Anwälte engagieren sich für Flüchtlinge

Auch Flüchtlinge haben Rechte. Doch wer über das Mittelmeer auf Lesbos ankommt, weiß wenig davon. Die Anwalt­schaft bietet eine kostenlos Erstbe­ratung für Flüchtlinge auf Lesbos. Anwältinnen und Anwälte aus Europa verzichten auf ihren Urlaub und beraten pro bono Flüchtlinge.

Die Europäische Union hat die Asylver­fahren für Flüchtlinge an ihre Außengrenzen verlagert. Doch die Behörden in den Hotspots sind so überfordert, dass die EUMin­dest­stan­dards in Gefahr sind. Zum Beispiel auf Lesbos. Deshalb haben dort der DAV und der Europäische Rat der Anwalt­schaften (CCBE) eine ehren­amt­liche Rechts­be­ratung gestartet.

Es ist vier Uhr nachmittags, der Stachel­draht, der sich über die strahlend weiße Mauer um das Camp Moria inmitten eines Oliven­hains windet, glänzt im Sonnen­licht. Dahinter reihen sich Zäune anein­ander, weiße Container, Kameras starren von ihnen hinab. Seit der Papst zu Besuch kam macht das Aufnah­me­lager auf der griechi­schen Insel Lesbos, seit März ein geschlos­senes Erstre­gis­trie­rungs-Camp, von außen einen ordent­lichen Eindruck. Doch drinnen geht es längst nicht so geordnet zu.

Ein paar hundert Meter weiter, wo ein drei Meter hoher Zaun die Beton­mauer ersetzt, krallt sich Ghulam (Name geändert), 29 Jahre, aus Pakistan, an dem Gewinde fest. Seine Freunde sitzen in einem Zelt hinter ihm, ein Gerüst aus Stangen, über das sich ein Fetzen Plane spannt. „Jeden Tag laufen wir zu den Containern der EASO, um unser Asylgesuch regis­trieren zu lassen“, erzählt er, sein Englisch ist fließend. Die Abkürzung steht für die Mitar­beiter des Europäischen Unterstützungsbüros für Asylfragen, die den überlas­teten griechi­schen Behörden helfen sollen. „Aber die Beamten schicken uns einfach weg“, sagt Ghulam und zieht die Augen­brauen hoch. „Seit fast 4 Monaten.“

Bis vor kurzem waren die Flüchtlinge noch abhängig von der Gewalt der Natur, vonWellen, Stürmen, von der Laune der Schlepper. Einmal auf griechi­schem Boden angekommen, entscheiden allein Paragraphen über ihr Schicksal.

Jeder Fall ist anders …

Einer seiner Freunde reicht Ghulam eine Klarsicht­folie. Die Din-A-4-Blätter, die er heraus­zieht, sind bereits verknittert – Dokumente, die ihm die Polizei bei seiner Ankunft ausge­druckt hat. Das eine ist ein Brief, verfasst in griechi­schen Lettern. „Keine Ahnung, was das bedeutet“, sagt Ghulam und steckt ihn wieder in die Folie. Auf dem anderen Blatt stehen sein Name, Geburts­datum, Herkunft, Gesund­heits­zu­stand und sein Ankunfts­datum: der 19.März 2016.

Ghulam ist genau einen Tag vor Inkraft­treten des EU-Türkei-Deals angekommen. Der besagt, dass nur Flüchtlinge, die in der Türkei nicht sicher sind, in Griechenland Asyl beantragen können. Aufgabe der EASO-Mitar­beiter ist es, diese Menschen heraus­zu­filtern und sie zu ihrer Anhörung nach Athen zu schicken. Die Flüchtlinge hingegen, die Lesbos vor dem Stichtag erreicht haben, sind direkt zur Anhörung zugelassen. Eigentlich sollten längst alle in die Haupt­stadt gebracht worden sein. Doch immer noch sitzen zahlreiche Menschen wie Ghulam, für die sich hier niemand zuständig fühlt, seitMo­naten im CampMoria fest. Und viele von ihnen wissen überhaupt nicht, warum.


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