Berufseinstieg

"Anwalt 2017" - So digital wie alle anderen auch

Wer die heile Märchen-Welt sucht, wird in der Anwalt­schaft nicht glücklich werden.

 

 

Hänsel und Gretel waren in den Zeiten der Gebrüder Grimm noch mit Brotbröckchen unterwegs, um ihren Rückweg aus dem Wald zu sichern. In unseren modernen Zeiten wären diese von Geburt an techni­kaf­finen Kinder mit einem Smart­phone mit Naviga­tions-App ausgerüstet. Und zu aller Vorsicht, da in freier Natur die Steck­dosen eher knapp sind, hätte man auch eine Powerbank dabei. Die böse Hexe geht also heutzutage leer aus – es dürfte sich hier ohnehin um ein überkom­menes Berufsbild handeln.

Was hat das nun mit der Tätigkeit des Anwalts zu tun? Eine ganze Menge! Auch sein Berufsbild hat sich stark verändert. Die juris­ti­schen Anfor­de­rungen haben sich beim Anwalt über die Jahre gar nicht allzu sehr verändert, immer noch sind Klagen einzu­reichen, Fristen zu wahren oder säumige Schuldner zur Zahlung aufzu­fordern – aber die Methoden und Arbeits­weisen sind ganz andere geworden. Der Anwalt, der heute noch mit analogen Brotbröckchen unterwegs ist, wird im digitalen Dickicht verloren gehen; man wird ihn irgendwann einfach nicht mehr wahrnehmen.

Anwalt und Fristen

1997 standen in Anwalts­kanz­leien üblicher­weise Schreib­ma­schinen. Frist­wah­rende Schriftsätze ans Gericht hatte man bitte im Original per Post oder Boten ans Gericht zu schicken. Das war kein Problem, da die Entfer­nungen überschaubar waren. Man war ohnehin nur bei den örtlichen Gerichten zugelassen, nicht im ganzen Land. Faxe wurden von den Gerichten nicht als schrift­form­wahrend betrachtet, das Original musste auf jeden Fall noch folgen. Eine ganze Batterie von Schreibkräften tippte die anwalt­lichen Diktate ab, Korrek­turen wurden bei maschi­nen­ge­schrie­benen Schriftsätzen mit Tipp-Ex vorge­nommen. Man wartete geduldig auf den Postboten und setzte sich unter Kollegen weiträumige Fristen. Es war halt alles etwas beschau­licher. Und heute? Was bitte ist Tipp-Ex? Gerichte wollen am liebsten gar kein Papier mehr annehmen, Mails an und von Kollegen und Mandanten sind absolut üblich. Das frisch eingeführte besondere elektro­nische Anwalts­postfach ermöglicht die gesicherte Online-Kommu­ni­kation zwischen Anwälten und Gerichten – hoffentlich. Der Postbote kann sich endlich auf die Pakete von Zalando konzen­trieren. Und selbst­verständlich verfasst der Anwalt Briefe und Schriftsätze selbst mit Diktier­software. Die Mandanten sitzen in der ganzen Welt verstreut, Telefonate in ferne Länder sind allen­falls wegen der Zeitver­schiebung etwas lästig, technisch sind keine Grenzen gesetzt.

Der Anwalt kann, wenn er will, immer und von überall arbeiten. Seine Welt ist in den letzten Jahren erheblich größer geworden – im realen und im übertra­genen Sinne – und eben auch viel digitaler. Das eine wäre ohne das andere gar nicht machbar! Anderer­seits ist der Anwalt aber auch gezwungen, jede Minute zu nutzen. Einfach auf dem Weg zu einem Auswärtstermin entspannt im ICE rumsitzen – geht leider nicht. Der Erledi­gungs­druck ist analog zur Digita­li­sierung immens gewachsen. Da alles so wahnsinnig schnell gehen kann, ist die Erwar­tungs­haltung der Mandanten, Gegner und Gerichte entspre­chend hoch, dass es dann eben auch bitte so schnell gehen soll. Die echte juris­tische Arbeit braucht dann dennoch ihre Zeit, auch wenn alle Infor­ma­ti­ons­quellen online erreichbar sind. Und zu allem Überfluss muss sich der Anwalt dann auch noch Gedanken machen über Cyber-Crime, sicheren E-Mailverkehr und elektro­nische Fristen­ka­lender, die sich selbst löschen. Leichter geworden ist der Job nicht, nur ganz anders. Ein Jurastudium und zwei Staats­examen braucht es immer noch. Und das Abstrak­ti­ons­prinzip gilt auch noch. Aber viel mehr haben der „Anwalt 1997“ und der „Anwalt 2017“ nicht gemeinsam. Der Prototyp „Anwalt 2017“ ist ein techni­kaf­finer englisch­spra­chiger 24/7-Hochleis­tungs­all­rounder. Das Modell „Anwalt 1997“ muss regelmäßig zum Tuning, um überhaupt arbeitsfähig zu bleiben. Sind wir gespannt, wie das Modell „Anwalt 2037“ konfi­gu­riert sein wird.





Zurück