Anwalt­liches Berufs­recht für die Zukunft

Auf der einen Seite die international tätige Kanzlei, die multinationale Unternehmen vertritt. Auf der anderen Seite die hoch spezialisierte Boutique, die vorwiegend Start-ups der Tech-Branche in haftungsrechtlichen Fragestellungen berät – und zwar dort, wo ihre Kunden sind: im Internet.

Dass unser geltendes anwalt­liches Berufs­recht den Anfor­de­rungen unserer Zeit nicht mehr überall gerecht wird, scheint inzwi­schen fast Konsens zu sein.

Veränderungen sind nötig, wenn das geltende Recht eine anwalt­liche Beratung verhindert, die gerade im Sinne der Recht­su­chenden wäre. Ein Beispiel haben wohl alle schon einmal erlebt: Ein Flugzeug verspätet sich. Wer für die Kosten haftet, ist streitig. Die inter­ak­tiven Möglich­keiten des Internet können Verbrau­che­rinnen und Verbrau­chern hier helfen. Ein paar Daten eintippen und jemand anderes übernimmt die Arbeit, sich mit der Airline ausein­an­der­zu­setzen? Klingt verlo­ckend.

Anwaltliches Berufsrecht

Wenn solche ‚legal tech‘ manchmal nützlich sind, dann müssen sie auch der Anwalt­schaft offen stehen, denn wer wäre besser für die Durch­setzung von Rechts­ansprüchen geeignet als diese? Aller­dings sind dann auch zahlreiche Fragen zu klären, allen voran die Zulässigkeit erfolgsabhängiger Honorierung dieser Dienst­leis­tungen. Verbrau­che­rinnen und Verbraucher müssen dabei vor unseriösen Angeboten geschützt werden. Als Orien­tie­rungs­punkt bietet sich deshalb etwas Alther­ge­brachtes an: die anwalt­lichen Grund­werte, zuvor­derst Unabhängigkeit und Verschwie­genheit. Unabhängigkeit spielt etwa dann eine Rolle, wenn es um ein Geschäftsmodell geht, das Wagnis­ka­pital erfordert. Wenn wir hier Spielräume eröffnen, dann dürfen Kapital­geber keinen Einfluss erhalten, der die Unabhängigkeit gefährdet.

Kombinierte Beratungen

Verschwie­genheit bedeutet, dass Mandan­ten­ge­heim­nisse geschützt sein müssen – auch und gerade wenn online kommu­ni­ziert wird. Auch das  Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt hat uns Anlass zum Handeln gegeben. Es hat entschieden, dass das Verbot einer Zusam­men­arbeit von Rechtsanwältinnen und -anwälten mit Ärztinnen und Ärzten gegen die Berufs­freiheit verstößt. Die dabei aufge­stellten Maßstäbe des Gerichts müssen dazu führen, dass auch viele andere Koope­ra­tionen in Zukunft nicht mehr ausge­schlossen werden. Solche kurios anmutenden Koope­ra­tionen sind nicht fernliegend. Der Bedarf nach ‚kombi­nierten‘ Beratungen wächst, etwa wenn bei einer langwie­rigen Reha aufgrund eines Unfalls kompli­zierte medizi­nische Fragen eng mit anspruchs­vollen haftungs- und versi­che­rungs­recht­lichen Frage­stel­lungen zusammen hängen.

Grundwerte des Anwaltsberufs

Diese Schlag­lichter zeigen, dass es Regelungs­bedarf gibt. Welche Regelungen im Einzelnen erfor­derlich sind, bedarf einer breiten Diskussion. Für mich steht dabei fest, dass an den Grund­werten des Anwalts­berufs nicht gerüttelt werden darf. Denn diese dienen dem Schutz der Mandan­tinnen und Mandanten. Dieser ist und bleibt das höchste Gut.

 

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