Anwaltsausbildung

Die besondere Note im Jurastudium: Über den Umgang mit Stress bis zum Examen

Ein schier endloses Studium, umfangreicher Pflichtstoff, Leistungsdruck – das Jurastudium ist nichts für schwache Nerven. Gründe für schlaflose Nächte gibt es viele. Und wäre das nicht bereits genug, meinen einige Studierende es sei notwendig, sich das (Uni-)Leben gegen seitig so schwer wie möglich zu machen. Wichtige Fachliteratur wird versteckt, relevante Passagen in Kommentaren und Lehrbüchern werden geschwärzt. Dieser Stress kann auch krank machen. Wie man richtig damit umgeht, haben wir zwei Experten gefragt.

Die Drama­turgie des Jurastu­diums

Wäre das Jurastudium ein Musikstück, so entspräche es wohl am ehesten dem berühmten „Bolero“ von Ravel: Dauer-Crescendo bis zum Finale Furioso. Die Drama­turgie des Jurastu­diums ist nahezu identisch. Nach vergleichs­weise langsamem und leisem Auftakt steigert es sich konti­nu­ierlich in Aufwand und Belastung, erreicht erste Nervositätshöhepunkte bei den großen Scheinen, ehe die „Solisten“ dem vermeintlich alles entschei­denden Gipfel entge­gen­fiebern: Examen!

Unzählige Übungs­klau­suren und Prüfungs­si­mu­la­tionen scheinen hinfällig. Die Examensnote aus einer Handvoll Klausuren bestimmt, so die Befürchtung, den eigenen Lebenslauf für immer. „Positiver“ Stress, der für die Bewältigung von Heraus­for­de­rungen notwendig ist, weicht in dieser Zeit leider oft existen­zi­eller Zukunfts­angst. Was, wenn all die Jahre mit einem „Durch­ge­fallen“ für wertlos erklärt werden? „Gerade bei Jura-Studie­renden führen die heraus­ra­gende Bedeutung der Abschlussnote und die spezielle Studien­struktur gegen Ende des Studiums erhöht zu einer Angst­pro­ble­matik“, sagt Diplom-Psycho­login Brigitte Reysen-Kostudis, seit über 20 Jahren psycho­lo­gische Beraterin für Studenten an der Freien Universität Berlin.

„Aus Angst durch­zu­fallen neigen einige dazu, die Examensprüfung lange vor sich herzu­schieben.“ Der Leistungs­druck sei immens, weil schon ein „Ausrei­chend“ für viele gleich­be­deutend mit dem Ende all ihrer beruf­lichen Träume sei. Wie seine Kollegin begrüßt deshalb auch Holger Walther, Psycho­the­rapeut und seit 25 Jahren psycho­lo­gi­scher Berater an der Humboldt-Universität zu Berlin, die Aufteilung des Jurastu­diums in kleinere Zwischen­stufen: „Das Gute an den neuen Studiengängen mit Bachelor und Master ist, dass es viel schneller Rückmeldung bezüglich der Leistung gibt. Viele Studenten beklagen uns gegenüber, dass sie lange nicht einschätzen können, ob sie für das Jurastudium geeignet sind oder nicht.“ Früheres Feedback, auch seitens der Dozenten, befürworten deshalb beide.

Auf dem Weg zum juris­ti­schen Examen müssen sich die Jura-Studie­renden daran gewöhnen, dass ein „Befrie­digend“ in Jura das Maß aller Dinge ist: „Wer in der Schule ohne größere Anstrengung im Einser-Bereich lag, stellt in Jura oft fest: ‚Hier bin ich nur Mittelmaß‘“, so Walther. Hinzu komme, so der Berater, dass so mancher Jura-Dozent schon mal Sätze loslässt wie: „Mit einem einstel­ligen Examen brauchen Sie hier gar nicht rausgehen.“ Sich dagegen psychisch abzugrenzen sei kein leichtes Unter­fangen. Dabei kommt der Druck laut Reysen-Kostudis gar nicht vordergründig von den Eltern: „Heute nehme ich die Eltern eher als überver­sorgend im Sinne von Helikopter-Eltern wahr. Dafür spielt zunehmend der Vergleich mit den vermeintlich schnel­leren und besseren Mitstu­denten eine Rolle.“ „Da ist leider auch viel Show dabei“, stellt Walther fest. Beide betonen, dass Stress viele Gesichter und Ursachen haben könne: „Deshalb lohnt es sich, diese für sich oder im gemein­samen Gespräch zu hinter­fragen“, so Walther.

Wir haben die beiden Berater gefragt, was sie den Jurastu­denten angesichts der folgenden Anliegen raten

  • „Ist Jura das Richtige für mich?“: Reysen-Kostudis: „So mancher spürt: ‚Das Fach Jura ist mir fremd geblieben.‘ In solchen Fällen schicken wir die Studenten nochmal zur allgemeinen Studienberatung. Außerhalb der klassischen Jura-Laufbahn gibt es zahlreiche andere Möglichkeiten, die juristischen Kenntnisse gewinnbringend einzusetzen, etwa im Verwaltungsbereich.“
  • „Ich muss mehr lernen!“: „Wenn mir jemand erzählt, er sei täglich zehn Stunden in der Bibliothek und lernt, kann ich nur antworten: gelogen. Mehr als sechs Stunden konzentrierte Arbeit pro Tag sind für das menschliche Gehirn nicht drin“, sagt Holger Walther. Reysen-Kostudis: „Wir lassen die Studenten aufschreiben, wie ihr typischer Lerntag oder ihre typische Uni-Woche aussieht. Wenn wir sehen, die Tage und Wochen sind bereits sinnvoll und gut gefüllt, können wir diese Bedenken abhaken: mehr geht nicht. Die Studienwoche sollte dem eigenen Tempo, den eigenen Fähigkeiten und dem individuellen Zeitrahmen für das Studium angepasst sein.“ Walther empfiehlt den dreigeteilten Tag aus Schlaf, sozialem Leben und Arbeit: „Wenn Sie in der Examens zeit den sozialen Teil nicht vernachlässigen, sind Sie auch fitter fürs Lernen.“

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