Anwaltszukunft ist nicht immer Anwaltssache

 

Schaut man auf Software-Entwickler und Juristen, lassen sich auf den ersten Blick nicht viele Berührungspunkte ausmachen. Deutlich werden diese erst im Dialog. Dass ein direkter Austausch überfällig war, zeigte die Berlin Legal Tech Konferenz, bei der 200 Teilnehmer und Referenten Praxiserfahrung, Technologieansätze und Zukunftsvisionen teilten. Neben den Themenschwerpunkten Industrialisierung, Künstliche Intelligenz und Blockchain stand vor allem die Kommunikation zwischen Juristen und Entwicklern im Fokus der Veranstaltung. Sie schafft die Basis für die Entstehung neuer, softwarebasierter Geschäftsmodelle und ein neues Bewusstsein für den Anwaltsberuf. 

Eine Konferenz für Praktiker: Die Berlin Legal Tech am 10. Februar 2017 richtete sich an alle, für die Legal Tech ein Bestandteil ihres Berufsalltags ist oder künftig sein wird. Den Veranstaltern Prof. Stephan Breidenbach (Mediator und Professor der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder) und  Florian Glatz (Rechtsanwalt und Softwareentwickler) ging es vor allem darum, zu zeigen, dass softwarebasierte Lösungen für die Anwaltsschaft nicht nur heute schon möglich, sondern auch praktisch und in naher Zukunft notwendig sind. Eine Ansicht, die vom Gros der Veranstaltungsbesucher geteilt wurde.

 

Legal Tech als Herausforderung für die Praxis – aber auch als Chance

„Legal Tech ist eine Herausforderung und eine Chance für die Anwaltschaft: Bereits jetzt erfahren wir eine spürbare Modernisierung und stehen vor tiefgreifenden Veränderungen“, sagte Rechtsanwältin Nicole Narewski, Geschäftsführerin des Deutschen Anwaltvereins. Notwendig seien besonders auch Anpassungen im Bereich der Juristenausbildung, um diese auf die neuen Geschäftsmodelle auszurichten.

Die Grundlage der neuen Geschäftsmodelle ist laut Breidenbach die Standardisierung und Industrialisierung von Rechtsdienstleistungen. Hierbei werden repetitive Tätigkeiten auf hohem Niveau standardisiert, um eine Präzision zu erreichen, die Qualität in Massen produzierbar macht. Im Ansatz steht eine „Wissensatomisierung“, also die strukturierte Zerlegung von Wissen in einzelne Bausteine, welche später in logische Arbeitsprozesse eingebettet werden. Eine Herangehensweise, die wenig mit der juristischen Ausbildung, aber viel mit Programmierpraxis gemein hat. „Wir müssen eine Entscheidung treffen“, appellierte Breidenbach: „Wollen wir gestalten oder geschehen lassen?“

Ein Bereich, für den sich eine Optimierung durch Digitalisierung anbietet, ist  Compliance. Gerade für internationale Unternehmen ist die Erkennung und Vermeidung von Haftungsrisiken durch die Anwendung von unterschiedlichem nationalen Recht nicht immer einfach. Rechtsanwalt Alexander Schemmel präsentierte ein Programm, das hilft, Risikopotentiale zu erkennen und die präventive Einleitung von Gegenmaßnahmen ermöglicht.

Bei der Verwendung von Vertragsgeneratoren und Vertragsmanagementsystemen zeige sich der Vorteil für die Kanzleien laut Rechtsanwalt und Steuerberater Klaus-Lorenz Gebhardt vor allem auf lange Sicht. Der Gewinn an Effizienz und Qualität sei für erfahrene Kollegen möglicherweise kurzfristig noch gering, jedoch werde jungen Kollegen eine schnelle Einarbeitung ermöglicht und das in den Vertragsdokumenten enthaltene Wissen für alle Anwälte der Kanzlei zugänglich gemacht. So sei beispielsweise eine schnelle und sichere Anpassung von Verträgen bei Rechtsprechungsänderung möglich, unabhängig von der Person des Anwalts, der die Dokumente ursprünglich erstellt habe.

 

Blockchain – immer wieder Thema

Den zweiten großen Themenschwerpunkt bildeten „Blockchain-Technologien“, die basierend auf einer Vertrauensinfrastruktur die Ausführung von Transaktionen in dezentralen Netzwerken ermöglichen, wobei durch chronologische Speicherung des Hashweres des vergangenen Datensatz im Folgenden die Integrität gesichert wird. Sie kommen beispielsweise bei Smart Contracts zum Einsatz. Für Florian Glatz liegen die Vorteile der neuen Technologie vor allem in einer autonomen vertrauenswürdigen Prozessteuerung durch Software und der Schaffung einer globalen Infrastruktur für wirtschaftliche Aufgaben ohne territoriale Fragmentierung. Zukünftiges Ziel für die Weiterentwicklung auf diesem Gebiet sei die Entwicklung einer gemeinsamen Rechtsprogrammiersprache.

Daneben sind jedoch auch neue rechtliche Regelungen erforderlich, wie mit den Ergebnissen der neuen Technologien umgegangen werden soll. Denn zentrale Stellen erfüllen immer auch eine Kontroll- und Schutzfunktion für die Nutzer eines Systems, die bei Blockchain gleichsam effektiv ersetzt werden müssen. Gerade im Hinblick auf den unterschiedlichen nationalen Umgang mit der Thematik müssten hier neue intelligente Lösungen gefunden werden, so Rechtsanwältin Dr. Nina-Luise Siedler.

 

Open Source-Mentalität fehlt der Anwaltschaft

Unternehmer Meng Wong ging davon aus, dass die Abbildung von Recht als Code vor allem von Entwicklern vorangetrieben wird. Dabei verwies er besonders auf Plattformen wir Github, die kostenfrei Software-Repositorys hosten und somit einer Vielzahl von Leuten Zugriff auf den Quellcode bieten und die Zusammenarbeit an Projekten ermöglichen. Eine solche Open Source-Mentalität sei derzeit in der Anwaltschaft noch selten zu finden.

Ein praktisches Beispiel für die Anwendung von Blockchain gab Rechtsanwalt Greg McMullen, Mitbegründer von Ascribe, einem Webdienst mit dem Onlineinhalte mit einem „Stempel“ über die Urheberschaft versehen werden können, der ermöglicht, sie sicher zu teilen und zu verfolgen, wo sich die eigene digitale Arbeit ausbreitet.

Im Vortragskomplex Künstliche Intelligenz waren Big Data und Machine Learning die Zentralen Themen. Unternehmer Paul von Bünau führte den Konferenzteilnehmern vor Augen, wie Deep Learning und Datafication Daten einen neuen Wert zukommen lassen. Datatfication ist ein moderner Technologietrend, bei dem viele Aspekte unseres Lebens in rechnergesteuerte Daten umgewandelt und die Informationen dadurch verwertbar werden. Wo vor wenigen Jahren höchstens unser Bankkonto erfasst war, liegen heute in zu nahezu allen Bereichen unseres Lebens digitalisierte Daten über uns vor. Auch für Rechtsanwalt und Legal Tech-Blogger Dr. Micha-Manuel Bues waren die Daten der Ausgangspunkt und das Zentrum der Entwicklung Künstlicher Intelligenz.

 

Künstliche Intelligenz: Lernen an Beispielen

Rechtsanwalt und Unternehmer Dr. Sven von Alemann sieht Systeme Künstlicher Intelligenz als künftiges Grundwerkzeug des Rechtsanwalts. Durch Deep Learning, das auf dem Lernen anhand von Beispielen anstatt anhand von Regeln basiert, ist die Analyse unstrukturierter Inhalte möglich und die Extraktion des semantischen Wissens, das in diesen Daten steckt. Für die anwaltliche Praxis könnte dies bei der Vertragsanalyse eine softwarebasierte Vorprüfung bedeuten, die dem Anwalt relevante Klauseln aufzeigt, sodass er sich nur auf deren Feinanalyse konzentrieren muss – also auf seine anwaltliche Kernkompetenz.

 

Gewinner des Hackathons präsentieren Pitches

Im Anschluss an die Vorträge präsentierten die Gewinner des vorangegangenen Hackathons ihre Pitches. Während des zweitägigen, von Workshops begleiteten Wettbewerbs haben 100 Juristen, Legal Engineers und Entwickler in interdisziplinären Teams an neuen softwarebasierten Ansätzen für die Zukunft des Rechtsdienstleistungsmarktes gearbeitet.

 

Legal Tech muss vom Nutzer denken

Am Ende der Veranstaltung wurden die in Breakout-Sessions zu den drei Themenbereichen aufgeworfenen Fragen der Konferenzteilnehmer in einer Podiumsdiskussion aufgegriffen. Besonders bewegte die Anwältinnen und Anwälte  nach wie vor die Abgrenzung von Legal Tech-Unternehmen als sinnvolle Ergänzung oder erstzunehmende Konkurrenz zum Anwaltsberuf. Schnell wurde deutlich: Um einen gegenseitigen Vorteil aus den technologischen Entwicklungen zu ziehen, muss Legal Tech vom Nutzer her gedacht werden. Das gilt für über Internetplattformen angebotene Rechtsdienstleistungen, die sich nach den Bedürfnissen der Mandanten richten müssen. Es gilt aber ebenso für Softwarelösungen für den Anwaltsalltag, bei denen sich Juristen der Frage stellen müssen, welche Arbeitsprozesse effektiver gestaltet werden können und wo konkreter Bedarf an Arbeitserleichterungen besteht.

So zeigte die Berlin Legal Tech-Konferenz, dass die Zukunft von Legal Tech nicht nur abstrakte Theorie ist, sondern auch für Anwälte ganz praktisch sein kann.

 

Nora Zunker, Berlin

Die Autorin studiert Jura an der Humboldt-Universität und schreibt regelmäßig für Anwaltsblatt und Anwaltsblatt Karriere.

 

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