Examensnoten

Attraktive Beschäftigungsmöglich­keiten gibt es auch ohne Doppelprädikat

Mancher Nachwuchs­jurist wird in seinen Kinder­tagen ein Buch aus der Feder Michael Endes gelesen haben, in dem Ende die litera­rische Figur des Herrn Tur Tur geschaffen hat: Ein eigentlich fried­fer­tiger, hilfs­be­reiter Herr, der nichts dafür kann, dass sich andere wegen seiner schein­baren Größe vor ihm fürchten. Herr Tur Tur ist nämlich ein Schein­riese: Je weiter man von ihm entfernt ist, desto größer scheint er. Je näher man ihm kommt, desto kleiner wird er – und wenn er vor einem steht, ist er von ganz normaler Statur.

Sobald der Nachwuchs­jurist seine Kinderbücher gegen den Schönfelder ausge­tauscht hat, begegnet ihm ein neuer, furcht­einflößender Riese, der die Frage aufwirft, ob er real oder ein Schein­riese ist: Das Doppelprädikat, also eine Prüfungsnote von mindestens vollbe­frie­digend oder besser in beiden juris­ti­schen Prüfungen. Die Ehrfurcht, mit der über das Doppelprädikat gesprochen wird, trans­por­tiert nicht nur die Botschaft, dass es sich um einen sehr realen Riesen handelt. Sie vermittelt denje­nigen, die es erreichen, zugleich die Gewissheit, sich entspannt an der reichlich gedeckten Tafel des juris­ti­schen Arbeits­marktes nieder­lassen zu können, während jene, die das Doppelprädikat nicht erreichen werden, sorgenvoll auf die Krumen warten müssen, die von der Tafel herab­fallen.

Trotz der wahrge­nom­menen großen Bedeutung ist das Doppelprädikat in seiner tatsächlichen Bedeutung freilich eine unbekannte Größe: Wie viele Absol­venten die vollju­ris­tische Ausbildung mit dem begehrten Doppelprädikat abschließen, wird statis­tisch nicht regelmäßig nachge­wiesen. Die jährlich publi­zier­tenPrüfungs­sta­tis­tiken legen zwar offen, wie viele Prüflinge in beiden Prüfungen eine Prädikatsnote erzielen: Im Ersten Juris­ti­schen Staats­examen waren es bis zu dessen Auslaufen zwischen 13 und 16 Prozent der Kandi­daten, in der Ersten Juris­ti­schen Prüfung zuletzt zwischen 29 und 37 Prozent. In der Zweiten Juris­ti­schen Staatsprüfung schwankt der Anteil der Prädikate seit Mitte der 1990er Jahre zwischen 15 und 20 Prozent. Nicht bekannt ist freilich, wie viele der Prüflinge mit einem Prädikat in der ersten Prüfung auch in der zweiten Prüfung ein Prädikat erreichen. Das Soldan Institut ist dieser Frage in einer Studie mit jungen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten nachge­gangen (die in ihren Prüfungs­leis­tungen fast exakt der Gesamtheit aller Prüflinge entsprechen). Sie ergab, dass in beiden Prüfungen nur 13 Prozent der Befragten eine Prä dikatsnote erreichten. Rund 45 Prozent derje­nigen, die in der ersten Prüfung ein Prädikat erzielten, konnten diese überdurch­schnitt­liche Leistung also in der Zweiten Prüfung nicht wieder­holen.

Da dieser Wert unter Geltung des mittler­weile nicht mehr abgenom­menen Ersten Staats­ex­amens ermittelt wurde, in dem die Prädikats­quote spürbar niedriger war als in der nunmehr maßgeblichen Ersten Juris­ti­schen Prüfung, ist davon auszu­gehen, dass der Anteil der Doppelprädikate in der jüngeren Vergan­genheit leicht zugenommen hat – wenngleich die Noten­ver­teilung in der Zweiten Juris­ti­schen Staatsprüfung mit 15 bis 20 Prozent Prädikats­noten diesen Anteil zwangsläufig begrenzt.


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