Auf der Suche nach Sicherheit – und einem Job

Mit dem Flüchtlingsstrom erreichen auch viele syrische Juristen Deutschland. Sie lassen ein Land hinter sich, in dem Politik und Recht eng verwoben waren. Als Anwälte können sie hierzulande ohne Staatsexamen nicht arbeiten. Doch es gibt Alternativen.

Vier Anwälte und eine Anwältin aus Syrien berichten von ihren Erleb­nissen,Wünschen und Hoffnungen

Nashwan Al Hamo dreht unruhig an seinem Siegelring, wenn er über sein altes Leben spricht. Der Ring ziert feine Hände, die dreizehn Jahre lang Akten durchblätterten, Schriftsätze verfassten, Klientenhände schüttelten. Al Hamos Fälle stammten aus dem Straf- und Wirtschafts­recht. Nach dem Jura-Studiumin Damaskus und ein paar Jahren in einer Kanzlei hatte er sichmit seiner eigenen Kanzlei nieder­ge­lassen, gehei­ratet und drei Kinder bekommen, zwei Jungs und ein Mädchen, elf, acht und fünf Jahre alt. Anfang August schloss er die Tür seiner Kanzlei zum letztenMal, küsste Frau und Kinder und machte sich auf den Weg. Mit dem Schlauchboot nach Griechenland, im Laderaum eines Lkw auf der Autobahn über den Balkan bis nach Deutschland. „Ich habe die Asylbe­stim­mungen vieler Länder recher­chiert“, sagt Al Hamo, der nun mit fünf anderen in einem Container des Erstauf­nah­me­lagers Harburg im Süden von Hamburg wohnt, „und Deutschland schien mir die besten Chancen zu bieten.“ Al Hamo ist einer von Millionen. Laut UNHCR sind über sechs der rund 22 Millionen Syrer auf der Flucht vor Krieg und Gewalt – davon 3,6 Millionen innerhalb der syrischen Grenze und 2,4 Millionen im Ausland. Jeder dritte Syrer sucht also Schutz. Von den 900.000 Flüchtlingen, die bis Ende November 2015 Deutschland erreicht haben, sind mehr als die Hälfte Syrer auf der Flucht vor den Bomben im eigenen Land. Menschen aller Schichten sind unter ihnen, Ärzte, Lehrer, Pfleger, Arbeiter, Bauern und Rechtsanwälte wie Al Hamo. 30.000 von ihnen gab es bis zum Beginn des Bürgerkrieges in Syrien, organi­siert waren sie in Rechts­an­walts­kammern, wie Mazin Albalki erzählt, der in Stockholm das Syrien-Programm des Inter­na­tional Legal Assistance Consortium (ILAC) verant­wortet, einer Hilfs­or­ga­ni­sation, die in Krisen­re­gionen juris­tische Unterstützung anbietet. „Wenn man in Syrien einen guten Job wollte, etwa im diplo­ma­ti­schen Dienst oder einem Minis­terium, führte keinWeg an einem Jurastudium vorbei.“


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