Interview

Babette Christo­phers - als Anwältin einen neuen Markt entwi­ckeln

Was haben Sie in den USA von der Corporate Compliance gelernt?

In den USA sind die Gesetze schärfer. Die Unter­nehmen sind verpflichtet, ein Compliance-System vorzu­halten und dement­spre­chend ist der Markt viel größer. Es haben sich unzählige Kanzleien auf Compliance spezia­li­siert.

Ist eine Verpflichtung zur Compliance für Deutschland der richtige Weg?

Wenn es kein Papier­tiger wird, wie es manchmal beim Qualitätsmana­gement im Krankenhaus ist, dann ist das ein Weg. Entscheidend ist, dass Compliance gelebt wird und auch die Klinik­leitung für das Thema brennt. Compliance und Berufs­ethik liegen nahe beiein­ander. Wenn es gelingt, das zu vermitteln, dann macht auch das Personal mit.

Und wer entscheidet dann, ob das Compliance-System auch wirklich
„compliant“ ist?

Letzt­endlich entscheidet sich das im Straf­ver­fahren über Rechts­verstöße. Im Idealfall erkennt schon der Staats­anwalt, dass die Verant­wort­lichen des Unter­nehmens heraus sind, weil sie ein funktio­nie­rendes Compliance-System instal­liert und gelebt haben. Wenn das System als Schutz­schild von der Staats­an­walt­schaft nicht akzep­tiert wird, entscheidet am Ende das Gericht.

Das heißt, wenn im Unternehmen vorsätzliche Straftaten passieren, muss man
sein Compliance-System nachschärfen?

Vorsatz kann man mit Compliance nicht wirklich ausmerzen. Wer betrügen will, kann Fährten legen und Umwege wählen, um seine Tat zu verdecken und sein Ziel zu erreichen. Das kann man mit Compliance nicht aufdecken. Bei Compliance geht es darum, zu schulen, Wissen zu vermitteln und Fehler zu vermeiden, die aus Unkenntnis oder fahrlässig geschehen.

Alle klagen über den Wettbewerbsdruck. Wie schwer ist es heute, als Einzelanwältin
zu arbeiten?

Egal, ob Einzelanwältin oder in einer Sozietät: Das Geschäft ist immer wellen­artig. Entweder, man wird völlig überlaufen, oder man fürchtet, nichts mehr zu tun haben. Damit muss ich klar kommen.

Wie viel Vorerfahrung braucht man heute als Kanzleigründerin?

Das lässt sich mit einem Satz nicht beant­worten. Es kommt auf die Persönlichkeit und die Vorer­fah­rungen an. Wenn sie oder er in einem Spezi­al­be­reich gute Kennt­nisse hat, über gute Kontakte in eine bestimmte Branche verfügt, dann kann man starten. Und wenn man gleich­zeitig auch ein Gefühl für den Umgang mit Menschen hat, kann es erfolg­reich werden. Wer aller­dings vielleicht ein perfekter Jurist oder eine perfekte Juristin ist, aber nicht gern mit Menschen umgeht, sollte sich die Kanzleigründung zwei Mal überlegen.

Also Branchenerfahrung und Menschenkenntnis?

Ja, aber nicht nur Menschen­kenntnis, sondern man muss Lust auf Menschen haben.

Wie innovativ muss man heute als Einzelanwältin sein?

Sie müssen sich heute auf dem Anwalts­markt immer wieder neu erfinden. Sie müssen sich – ohne jetzt ständig auf die Mitbe­werber zu schielen – ständig hinter­fragen: Bin ich auf dem richtigen Weg? Muss ich etwas ändern?

Wie sieht gutes Anwaltsmarketing heute aus?

Wenn sie auf einem echten Spezi­al­gebiet tätig sind, wie das bei mir der Fall ist, brauchen sie ein gutes Netzwerk. Publi­zieren in den entspre­chenden Fachzeit­schriften gehört dazu, und sie müssen raus aus dem Büro, Menschen treffen. Die Kolle­ginnen und Kollegen in ihrem Rechts­gebiet müssen wissen, was sie genau beackern. Jeder Anwalt, jede Anwältin hat heute Sachen auf dem Tisch, bei denen er im Grunde denkt, dass könnte jemand anderes besser bearbeiten. Gerade Einzelanwälte können vom Koope­rieren profi­tieren.

Der Medizinrechtler, der alles kann, den gibt es eigentlich schon gar nicht mehr?

Den gab es noch nie (lacht). Das Kranken­haus­recht, das Vertrags­arzt­recht, das Pharma­recht, das Medizin­pro­duk­terecht ‒ es gibt extrem kompli­zierte Sparten des Medizin­rechts. Das kann keiner allein.

Und worauf kommt es denn beim Marketing tatsächlich am Ende an?

Poten­tielle Mandanten müssen genau erkennen können, was ich richtig gut kann. Und dann ist den Mandanten Zuverlässigkeit extrem wichtig. Was sie ankündigen, müssen sie einhalten. Wenn das klappt, werden sie auch schnell weiter­emp­fohlen.

Wie wichtig ist der Preis heute bei anwaltlicher Dienstleistung?

Wichtig. Ich bemerke immer wieder, dass Mandanten die Kanzleien abklappern und den Stundensatz abfragen. Für manchen Mandanten kommt es halt auf den Stundensatz an. Wenn man aber eine bestimmte Expertise mitbringt und zügig arbeitet, verliert der Stundensatz an Bedeutung.

Sie haben sich letztlich mehrmals selbstständig gemacht mit Sozietäten, jetzt als
Einzelanwältin. Was hat Sie dazu bewegt, so unternehmerisch unterwegs zu sein?

Ich habe mir das selber nie einge­stehen wollen. Ein Persönlich­keitstest hat mir aber in den USA gezeigt, dass ich starke Führungs­qualitäten habe und dass ich gerne führe. Ich gestalte gerne.

Was bedeutet für Sie Unternehmertum?

Unter­neh­mertum bedeutet für mich eigene Wege gestalten, für sich selbst verant­wortlich sein und, ja, etwas zu bewegen.

Können Sie mir dem Organ der Rechtspflege noch etwas anfangen?

Klar. Als Organ der Rechts­pflege fühle ich mich den Grund­prin­zipien unseres Staates verpflichtet. Aber natürlich muss ich Geld verdienen und will auch nicht verhehlen, dass man sich natürlich auch über die Einnahme und den Erfolg identi­fi­ziert.

Wann würden Sie einer jungen Absolventin die Selbstständigkeit empfehlen?

Also ich bin ehrlich: Ich würde einer Absol­ventin nicht empfehlen, sich als Einzelanwältin selbstständig zu machen. Ohne Anwalts­er­fah­rungen kann man heute wohl nicht mehr gründen … das Anwalts­geschäft muss man lernen – egal ob Frau oder Mann.

Braucht sie einen Fachanwaltstitel?

Nicht zwingend.

Branchenkenntnis?

Ja, und Kontakte .. und man muss gelernt haben, Fälle zu handhaben.

Wie wichtig sind heute Titel wie der Doktor oder LL.M?

Im Medizin­recht noch immer wichtig. Ärzte verbinden vor allem mit dem Doktor­titel Reputation.

Was ist die größte Herausforderung für eine Anwältin, einen Anwalt, wenn sie Familie und Beruf in Einklang bringen möchte?

Die Zeiten für Beruf und Familie aufein­ander abzustimmen. Es gibt Zeiten, in den sie einfach zu Hause sein müssen. Am Ende hat man zu häufig das Gefühl, den Kindern, aber auch der Arbeit nicht gerecht worden zu sein.

Haben Sie einen Tipp, wie man das am besten managen kann?

Ruhig bleiben und sagen, es geht nicht mehr. Man tut, was man kann. Mehr geht nicht. Als Einzelanwältin zerren wenigstens die Kollegen und Kolle­ginnen nicht mehr an einem.

Muss sich in den Sozietäten etwas ändern?

Es gibt in den Sozietäten oft noch die Haltung: Es kann nur derjenige Partner werden, der Vollzeit tätig ist. Das halte ich für totalen Unfug. Man kann auch mit weniger als 40 Arbeits­stunden in der Woche eine gute Anwältin sein.

Was ist das Minimum, was man schaffen kann. Ab wann kann man nicht mehr seriös Anwältin sein?

Es kommt darauf an, wie viele und welche Mandate man macht … an der Stundenzahl kann man das nicht festmachen. Viel wichtiger ist die Frage, wie man mit Mandatss­pitzen umgehen kann. Das kommt vor. Dafür braucht man eine Lösung.

Wie managen Sie Ihre Arbeitsbelastung?

Indem ich hin und wieder ehrlich sage, dass ich jetzt ein Mandat nicht annehmen kann. Ich habe als junge Anwältin gelernt, dass das Ablehnen von Mandaten ein No-Go ist. Heute weiß ich, dass es besser ist, ein Mandat abzulehnen und einen guten Kollegen oder eine gute Kollegin zu empfehlen. Das dient dem Netzwerk und dem Mandanten habe ich trotzdem geholfen.

Welchen Tipp würden Sie einer jungen Berufsanfängerin geben, wie sie mit dem Thema „Familiengründung“ umgehen soll?

Da gibt es keine Tipps, weil es eine sehr indivi­duelle Frage ist. Aber wenn man das Gefühl hat, man hat den richtigen Partner, dann sollt man nicht schieben …

Was kann die Jugend von Ihnen lernen?

Gehe deinen Weg. Mach das, was dir Spaß macht, und lass dich nicht von poten­zi­ellen Hinder­nissen abhalten. Hinder­nisse kann man überwinden.

Und was können Sie heute von der Jugend lernen?

Wir können von der Jugend lernen, wie Grenzen überwunden werden können. Die sind heute so digital unterwegs, da komme ich manchmal nicht mit. Wenn der Nachwuchs dieses digitale Know-how in Kanzleien einbringen kann, sollten die Kanzleien sich darüber freuen.


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