Interview

Babette Christo­phers - als Anwältin einen neuen Markt entwi­ckeln

Ja, so kann man es sehen. Gerade in den hierar­chi­schen Struk­turen, in denen wir in Deutschland immer noch denken – in den USA ist das schon ein bisschen anders –, können aus falsch verstan­dener Loyalität Regel­verstöße passieren, die nicht hinnehmbar sind.

Welche Rolle spielt „health care compliance“ heute schon beim Praxismanagement
oder Klinikmanagement?

Die Krankenhäuser finden diese Entwicklung spannend. Aber ich stelle immer wieder fest, dass sie auch noch ganz viele andere, brennendere Probleme haben. Bisher gibt es keine Verpflichtung, Compliance vorzu­halten. Die „health care compliance“ ist daher in deutschen Kliniken noch ein Zukunfts­thema, das Bewusstsein dafür entwi­ckelt sich erst langsam. Der Trend zu Medizi­ni­schen Versor­gungs­zentren für die ambulante Versorgung zeigt aber, dass im Gesund­heits­wesen Organi­sa­ti­ons­formen gewählt werden, die zur Steuerung irgendwann um Compliance-Systeme nicht mehr drum herum kommen. Die Kontroll­dichte bei Ärzten wird immer größer, auch eine Folge der Digita­li­sierung.

Und wie vermitteln Sie dann den Mandanten den Mehrwert von Compliance?

Klassisch mit Zahlen! Ich erläutere meinen Mandanten, was passiert, wenn sie einfach einen poten­ti­ellen Schaden hochrechnen. Ein gutes Beispiel ist der Klinik-Chefarzt ohne Kassen­arzt­zu­lassung, der aber aufgrund einer Ermächtigung auch vertragsärztlich …

… also wie ein Kassenarzt …

.. für eine besondere Leistung tätig werden kann, weil es Versor­gungslücken bei den Kassenärzten gibt. Die Ermächtigung ist höchstpersönlich. Chefärzte neigen aber zum Delegieren an andere Ärzte. Wenn die Kassenärztliche Verei­nigung das heraus­be­kommt, kann sie die Honorare vom Krankenhaus zurückver­langen, denn da ist der Chefarzt angestellt. Hier kann ein Compliance-System dafür sorgen, dass die recht­lichen Vorgaben einge­halten werden. Am Ende ist dieser Weg schlicht billiger.

Wie ist die Mischung zwischen Sozialrecht, Strafrecht und Zivilrecht?

Im Grunde durch­streift man bei der „health care compliance“ alle Rechts­ge­biete. Aktuell geht es um Themen wie die „Koope­ration im Gesund­heits­be­reich“, also wie Krankenhäuser auch mit nieder­ge­las­senen Ärzten koope­rieren können. Die Straf­vor­schriften zu Bestech­lichkeit (§ 299a StGB) und Beste­chung (§ 299b StGB) im Gesund­heits­wesen – 2016 in Kraft getre­tenen – schaffen Beratungs­bedarf. Aber auch Zivil­recht oder Steuer­recht können virulent sein, wenn man Risiko­felder analy­siert. Daher kann es auch durchaus passieren, dass ich einen Kollegen oder eine Kollegin für ein Spezi­al­problem mit ins Boot hole. Mein Kernbe­reich ist die Imple­men­tierung des Systems.

Was ist leichter: sich als Compliance-Spezialistin das Medizinrecht anzueignen
oder als Medizinrechtlerin die Besonderheiten der Compliance zu lernen?

Das Letztere (lacht), weil meine Erfahrungen als Medizinrechtlerin und mein Branchen-Know-how der Ausgangspunkt sind. Aus diesem Wissen kann ich letztlich beurteilen, wo Risiken liegen, die ein Compliance-System rechtfertigen. Compliance ist nicht verkaufbar, wenn sie zum Selbstzweck wird. Ausgangspunkt ist immer eine sorgfältige Risikoanalyse.

Was haben Sie in den USA von der Corporate Compliance gelernt?

In den USA sind die Gesetze schärfer. Die Unter­nehmen sind verpflichtet, ein Compliance-System vorzu­halten und dement­spre­chend ist der Markt viel größer. Es haben sich unzählige Kanzleien auf Compliance spezia­li­siert.

Ist eine Verpflichtung zur Compliance für Deutschland der richtige Weg?

Wenn es kein Papier­tiger wird, wie es manchmal beim Qualitätsmana­gement im Krankenhaus ist, dann ist das ein Weg. Entscheidend ist, dass Compliance gelebt wird und auch die Klinik­leitung für das Thema brennt. Compliance und Berufs­ethik liegen nahe beiein­ander. Wenn es gelingt, das zu vermitteln, dann macht auch das Personal mit.

Und wer entscheidet dann, ob das Compliance-System auch wirklich
„compliant“ ist?


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