Blockchain

Dr. Nina-Luisa Siedler im Interview

Block­chain - wenn sich Recht und Infor­matik verketten

In der jüngeren Vergangenheit gab es die Tendenz, immer mehr zu zentralisieren. Amazon, Ebay, Facebook und Co. sind Beispiele. Diese internetbasierten Anbieter schöpfen als Mittler zunehmend größere Teile der Wertschöpfung ab. Für die eigentlichen Anbieter von Waren und Dienstleistungen bleibt so weniger übrig. Dieser Trend trifft nun auf eine Gegenbewegung. Die Blockchain ist genau mit dem Ziel entwickelt worden, wieder unmittelbar ‒ peer-to-peer ‒ den Austausch von Waren und Dienstleistungen zu ermöglichen. Und wenn das Erfolg hat, also wirklich in der Masse direkte Transaktionen zwischen Anbietern und Abnehmern ermöglicht, könnte das die Macht der großen (Internet-)Mittler brechen. Irgendwann wird die Technologie so weit sein.


Dann sind nachher nicht mehr die Großen die mächtigsten Unternehmen, sondern die, die die Server und Netze haben …

Ja, genau! Lösen wir tatsächlich die Mittelsmänner ab oder ersetzen wir nur die heutigen Mittler durch andere Mittelsmänner? Das ist eine zentrale Frage. Die heute dominanten Mittler wollen natürlich verhindern, dass sie abgelöst („disrupted“) werden und setzen auf Angebote mit „permissioned“ oder private Blockchains. Ganz klar. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass sich auch im öffentlichen, für jeden zugänglichen public Blockchain-Bereich viel tun wird.


Wo sind heute noch die Grenzen der Blockchain-Technologie?

Grenzen bestehen momentan noch im Hinblick auf die Skalier­barkeit, also die Anwendung für die Masse. Die Techno­logie verbraucht heute noch zu viel Rechner­ka­pazitäten und Energie. Daher lohnt das Nachdenken über die Konsens­me­cha­nismen. Und: Die Benut­zer­freund­lichkeit ist noch nicht ausrei­chend.


Ist der Hype um Legal Tech übertrieben?

Die vielen Veranstaltungen haben ihre Berechtigung. Gerade in Massenverfahren, die sich erst durch Automatisierung für Kanzleien rechnen, sehe ich ein großes Spielfeld. Bei uns in den Großkanzleien kommt Legal Tech vor allem als Service für effizientere Bearbeitung der Fälle zum Einsatz (bei Due Diligences und der automatisierten Erstellung von Entwürfen), aber bei aller Standardisierung bleibt am Ende eben doch ein Bereich der Beratung, den auch künstliche Intelligenz nicht in den Griff bekommt.


Wo spielt die Musik von morgen und was ist „The Next Big Thing“?

Wir müssen uns grundsätzlich bewusst sein, dass alles, was techno­lo­gisch geht, auch gemacht wird ‒ ob wir das nun wollen oder nicht. Wenn man diese Erkenntnis für sich akzep­tiert hat, ist die konse­quente Folge ein Bedürfnis mitzu­ge­stalten. Diese Erkenntnis muss gerade in Deutschland noch eine breitere Öffent­lichkeit erfahren. Die Politik beginnt aktuell erst, sich mit den neuen Phänomenen ausein­an­der­zu­setzen.


Was bedeutet das für das Beratungsgeschäft der Kanzleien von morgen?

Die Blockchain hat unmittelbar für die Kanzleien noch geringe Bedeutung. Aber sie wird neue Beratungsfelder mit sich bringen. Sie eröffnet denjenigen gute Chancen, die keine Scheu besitzen, sich mit Technologie auseinanderzusetzen. Die Mandanten von heute werden sich mit dezentralen Technologien wie der Blockchain, aber auch 3d-Printing, beschäftigen müssen.


Sie kommen aus der Fin Tech-Welt. Wie viel technisches Verständnis muss man als Anwältin oder als Anwalt haben?

Ich glaube, schon einiges! Natürlich muss ich nie irgend­einen Code schreiben oder gar auch nur lesen können, soweit geht es nicht. Man braucht aber schon eine gesunde Neugier.


Reicht Neugier oder muss es mehr sein?

Wenn man neugierig genug ist, dann kommt das Mehr von alleine.


Haben es Frauen leichter oder schwerer in der Legal- und Fin Tech-Welt?


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