Blockchain

Dr. Nina-Luisa Siedler im Interview

Block­chain - wenn sich Recht und Infor­matik verketten

Nicht leichter oder schwerer als in sonstigen wirtschaft­lichen Bereichen in Deutschland. Die Finanz­szene ist nicht dafür bekannt, dass sie besonders frauenfördernd sei. Das gilt aber auch für viele andere Branchen, eben auch für den Rechts- und Techno­lo­gie­be­reich. Vor kurzem war ich auf einer Veran­staltung und da twitterte jemand: „Sieben weiße Männer auf dem Panel; haben wir vor, unsere Zukunft ohne Frauen und Menschen aus anderen Kulturen zu bauen?“ Ich glaube, in Deutschland dominieren immer noch alte Verhal­tens­muster, durchaus auch bei jüngeren Männern und Frauen. Aber wenn sie darauf gestoßen werden, besitzen sie eine große Bereit­schaft, ein Mehr an Vielfalt zu unterstützen. Kuschelkurs oder knall­harter Wettbewerb?


Muss man sich in der Tech-Szene besonders gut durchsetzen können?

Ich sehe eine starke Tech-Community in Berlin, die nicht reflexartig die Ellen­bogen hochfährt. Das ist kein Haifisch­becken, aber auch kein Kuscheln. Jeden­falls begreift sich die Szene auch als Community und versucht, zusammen etwas aufzu­bauen.


Sie sind Partnerin in einer Großkanzlei. Haben es Frauen grundsätzlich schwerer in Sozietäten?

Ich bin zwiege­spalten: Ich sehe Frauen mit vielen Möglich­keiten und Fähigkeiten, die diese nicht nutzen und bewusst auch nicht nutzen wollen. Auf der anderen Seite: Es gibt überall in der deutschen Wirtschaft noch die berühmten Männerbündnisse und die gläserne Decke für Frauen beim Aufstieg. Ich glaube schon, dass man es im Ergebnis tatsächlich in Deutschland noch ein bisschen schwerer hat als seine männlichen Kollegen – jeden­falls dann, wenn man Familie und Kinder nicht komplett aufgeben will.

 

Rechtsanwältin Dr. Nina-Luisa Siedler, Berlin

Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist dem Nachwuchs ‒ egal ob weiblich oder männlich ‒ inzwischen ziemlich wichtig. Ihr Rezept?

Einfach machen. Jede und jeder sollte selbst­be­wusst sein Modell finden. Nine-to-fivewird im Anwaltsbüro ebenso wie in allen anderen beratenden Berufen nicht funktio­nieren. Also muss beruf­liche Flexi­bilität mit dem familiären Leben in Ausgleich gebracht werden. Das will gut organi­siert sein. Kein Mandant erwartet, dass sein Anwalt ausschließlich für ihn tätig ist, und Abwesen­heiten für Bespre­chungen etc. mit anderen Mandanten sind absolut akzep­tiert. Famili­en­zeiten müssen gleich gewichtet werden, sonst gehen sie konstant unter. Alles mit Augenmaß natürlich, wenn es in einem Mandat brennt, versuche ich ja auch, weniger dringende, beruf­liche Termine zu verschieben. Das ist ein täglicher Balance-Akt, dem sich im Beruf jeder selbst­verständlich stellt und in den die Familie mit ihrem Anspruch auf Verfügbarkeit im Alltag (also im Zweifel zu normalen Bürozeiten) schlicht einbe­zogen werden muss.


Was sollten Kanzleien bieten
, um die Work-Life-Balance zu verbessern?

Die Kanzleien werden zunehmend flexibler. Home Office wird langsam normal, ebenso Sabba­ticals. In Anwalts­kanz­leien ist vor allem die hohe, zyklische Zeitbe­lastung immer noch ein Problem, aber die ehemals starre Erwartung an zeitlicher Präsenz ‒ unabhängig von der tatsächlichen Auslastung ‒ bricht zunehmend auf. Wir haben sehr gute Erfah­rungen gemacht mit Teilzeit-Anwälten, die trotz grundsätzlich fester Arbeits­zeiten ihre Mandate zuverlässig managen und zur Not auch mal vom Spiel­platz aus dringende Anfragen an Kollegen weiter­leiten und sicher­stellen, dass die Mandanten gut betreut sind. Das erfordert natürlich die grundsätzliche Bereit­schaft, sein Smart­phone einigermaßen im Auge zu behalten.


Wie wird sich der Anwaltsberuf in den nächsten zehn Jahren verändern?

Bei den Großkanzleien werden immer seltener die Heerscharen von Juniors gebraucht. Die so genannte Leverage, also das Verhältnis von Partner zu angestellten Anwältinnen und Anwälten wird sinken, auch durch die Entwick­lungen im Legal Tech Bereich. Die indivi­duelle Beratung auf hohem Niveau gewinnt wieder an Bedeutung. Aber ich kann nur für den winzigen Ausschnitt der Großkanzleien sprechen.


In der Juristenausbildung findet Legal Tech praktisch nicht statt. Was sollte ich mir anschauen, um mitreden zu können?

Offen sein für Techno­logien jedweder Art. Bitte sich nicht in der Bibliothek hinter seinen Büchern verschanzen und den Computer nur zum Formu­lieren seines Word-Dokuments für die Hausarbeit nutzen … sondern versuchen, zu begreifen, wie diese digitale Welt funktio­niert, auch wenn einen danach kein Prüfer im Examen fragen wird.


Was braucht eine junge Juristin, ein junger Jurist, um in der Tech-Szene zu starten?

Neugier und soziale Kompe­tenzen braucht jeder Anwalt, jede Anwältin. Das Spezielle am Tech-Bereich ist, dass man keine Berührungsängste haben darf. Nur dann wird es gelingen, die eigenen Ansichten infrage stellen zu lassen. Und man muss die Gabe haben, das gute alte BGB für neue Rechts­fragen fruchtbar zu machen. Das schafft nicht jeder, wenn sich ein Rechts­problem nicht eins zu eins im Recht spiegelt.


Eine Schlussfrage: wovor sollte man sich als Berufseinsteiger hüten?

Vor dem Dünkel des Vollju­risten ‒ und vor der Erwartung, dass man an einem Ort anfängt und nach fünf Jahren tatsächlich noch das Gleiche tut. Alle zwei Jahre erfinde ich mich quasi neu. Das wird nicht weniger werden. //

 

Rechtsanwältin Dr. Nina-Luisa Siedler (Jahrgang 1970) studierte Jura an der Universität Bielefeld und legte das erste Examen 1995 ab. An der Universität Bielefeld promo­vierte sie. Danach absol­vierte sie das Referen­dariat im OLG-Bezirk Hamm. 1999 stieg sie als Associate in eine Berliner Kanzlei ein, die später im EY Law-Verbund aufging. Ein Jahr lang, von 2002 bis 2003, arbeitet sie als Associate bei McKee Nelson LLP in New York. 2005 wurde sie Partnerin bei EY Law Luther Menold und wechselte Mitte 2006 zu DLA Piper in die deutsche Finance und Projects Group. 2007 war sie im Londoner Büro von DLA Piper tätig. Im April 2017 eröffnete sie mit acht Anwälten das Berliner Büro von DWF, einer techno­lo­gie­ori­en­tierten, inter­na­tio­nalen Sozietät. Siedler ist auf Finanz­trans­ak­tionen spezia­li­siert. Sie ist verhei­ratet und hat zwei Kinder (6 und 8 Jahre alt).

 

 

Das Gespräch mit Rechtsanwältin Dr. Nina-Luisa Siedler führten Rechtsanwältin Nicole Narewski und Rechtsanwalt Dr. Nicolas Lührig

 


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