Porträt

Mandanten Akquise im Netz - Youtube-Star Christian Solmecke im Porträt

Youtube-Star? Influencer? Erfahrene Kollegen rümpfen über den Kölner Rechtsanwalt Christian Solmecke die Nase. Und gucken sich seine Videos doch neugierig an. Wie kaum ein anderer hat der Anwalt die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie im Netz verstanden – und nutzt sie für seinen Job.

  • Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln
  • 2001 bis 2002 LL.M. (Master of Laws im Bereich IT- Recht), Zusatzstudium an den Universitäten Hannover und Leuven (Belgien) im Rahmen des European Legal Informatics Study Programme (www.eulisp.com); Spezialisierung im IT-Recht, Medienrecht, Vertragsrecht
  • 2002 Harvard Law School, Cambridge, USA (Seminar IT-Recht)
  • 2002 bis 2004 Referendariat OLG Bezirk Düsseldorf; Stationen: PwC Veltins/Heussen (IT- und Telekommunikationsrecht), Höller Rechtsanwälte (Domainstreitigkeiten, Vertragsrecht), Bezirksregierung Düsseldorf (Sperrung von Internetseiten)
  • 2004 bis 2006 Rechtsanwalt in der Kanzlei Michael Rechtsanwälte und Notare
  • 2006 bis 2009 Rechtsanwalt bei Wilde & Beuger in Köln
  • Seit 2010 Gesellschafter der Kanzlei Wilde Beuger Solmecke in Köln
  • Sonstige Tätigkeiten Bis 2004 freier Journalist und Radiomoderator (u.a. für den Westdeutschen Rundfunk)

 

Einer spricht – viele hören zu. So war das damals, als der junge Student Christian Solmecke beim WDR die Nachrichten vorlas. „Es ging darum“, sagt er heute über den Job, „jeden Sachverhalt der Welt in fünf Sätzen erklären zu können. Eine perfekte Übung für jeden Juristen.“ Man könne immer alles auch kürzer sagen. „Juristen neigen ja dazu ausschweifend zu werden, Berufs­krankheit.“

Im Grunde macht Christian Solmecke heute immer noch das gleiche. Er spricht, und Hundert­tau­sende hören zu. Seinen Youtube-Kanal der Kanzlei WBS haben fast 500.000 Menschen abonniert. Nicht wenige Influ­encer träumen von dieser Reich­weite. Solmecke hat sie sich mit Ausdauer und Pionier­geist aufgebaut, gegen Widerstände aus den eigenen Reihen, trotz einer statt­lichen Zahl von Abmah­nungen von Kollegen aus der Branche. Die Videos. Solmeckes Videos, sie sind rund fünf Minuten lang und in ihnen behandelt der Anwalt in einem eigens einge­rich­teten Studio alle Rechts­fragen, die dem Bundesbürger in seinem Leben über den Weg laufen könnten.

„Ticket auf Super­markt-Parkplatz: Muss ich zahlen?“

„DSGVO-Wahnsinn: So absurd wird es wirklich, wenn man sich dran hält.“

„Minis­terin Klöckner feiert Nestle, Rezo übt Kritik, dürfen Politiker Unter­nehmen loben?“

„Darf man Firmen­logos in Videos oder auf Webseiten verwenden?“

Per Youtube erreicht man die Mandanten

Längst ist Christian Solmecke eine Berühmtheit in der Branche und darüber hinaus. Wie kaum ein anderer hat er verstanden, das Internet für seine Zwecke zu instru­men­ta­li­seren. Selbst­zweck ist der Aufwand keines­falls, sondern schlicht Akquise. Wenn seine Kolle­ginnen und Kollegen golfen gehen, um Mandate anzubahnen, knipst Solmecke das Studio­licht an und erreicht seine Follower.

Über diese unverblümte Art der Marken­bildung schimpfen nicht wenige Kollegen und holen schnell mal einen Stempel raus: Enfant terrible nennen sie Solmecke dann schon mal. Aber warum eigentlich? Im Kern sind es uranwalt­liche Fähigkeiten, die Solmecke beherrscht – übersetzt ins Netz – befeuert auch von klassi­scher Öffent­lich­keits­arbeit, wie sie auch viele Kolle­ginnen und Kollegen nicht ablehnen würden: Da sind die vier- bis fünfhundert TV-Auftritte der vergan­genen Jahre, die unzähligen Zitie­rungen in deutschen Zeitungen und Magazinen von Stern, Spiegel, Zeit bis zur Lokal­zeitung. Solmecke ist überall. Er hat auch früher als die meisten kapiert, dass TV-Präsenz zwar wichtig, aber schlechter steuerbar als Youtube ist. Er muss Journa­listen vertrauen, dass sie aus seinen Zitaten nicht fehlerhaft montieren, bei Youtube kann er solange korri­gieren, bis und wie es ihm passt.

Warum macht er das alles?

Solmecke lacht. Und erzählt, wie er nach dem Referen­dariat in einer kleinen Kanzlei seiner Heimat­stadt Gevelsberg bei Köln seine Karriere begann. „Ich war ein typischer Feld-, Wald- und Wiesenanwalt und habe mir bis Mitter­nacht die Finger wund getippt“, sagt Solmecke. „Und weil ich am Anfang noch Luft hatte, habe ich etwas großspurig angekündigt, nicht in einer Kanzlei arbeiten zu wollen, die keine eigene Website hat.“ Also kümmert sich der junge Anwalt um eine Seite und startet einen Jura-Blog, als das die meisten noch für Spielerei hielten. „Ich wusste, dass ich mir dringend irgendwie ein eigenes Geschäft aufbauen musste.“

Das ist einer dieser Solmecke-Sätze, die er nebenbei sagt und die vielleicht eine Menge über sein Selbst­verständnis als Rechts­anwalt erzählen. Geschäft aufbauen: Darum geht es natürlich überall, ob beim Einzelanwalt, in der Boutique oder der Großkanzlei. Alle erfolg­reichen Anwälte tragen auch das Unter­nehmer-Gen in sich. Nur leben das nicht alle mit der gleichen Noncha­lance wie Solmecke aus. Macht ihn das zu einem schlech­teren Anwalt?

In Grevelsberg fängt er an, Mandanten zu sammeln, die einer Branchen­buchab­zocke auf den Leim gegangen waren. „Ich habe im dritten Jahr als Associate dann damit mehr Umsatz gemacht als einer der Partner dort.“ Sein Arbeits­prinzip schon damals: Das Zusam­men­tragen sich gleichender Fälle, deren Atomi­sierung in einzelne Aufga­ben­schritte und das quasi­in­dus­trielle Bearbeiten der Mandate. Eine Art analoges Legal Tech, bevor es den Begriff überhaupt gab.

 


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