DAV-Präsident eröffnet Deutschen Anwaltstag mit Ruck-Rede zu Legal Tech

Der Präsident des Deutschen Anwaltvereins Rechtsanwalt und Notar Ulrich Schellenberg bei seiner Eröffnungsrede auf dem 68. Deutschen Anwaltstag in Essen.

Es ist so weit: Der 68. Deutsche Anwaltstag ist am Donnerstag (25. Mai 2017) vom Präsidenten des Deutschen Anwaltvereins eröffnet worden.  Für zwei Tage kommen mehr als 1.600 Teilnehmer in Essen zusammen, um unter dem Motto „Innovationen und Legal Tech“ über die Veränderungen auf dem Markt für Rechtsdienstleistungen zu diskutieren. Damit ist der Deutsche Anwaltstag der größte Kongress, der sich mit der Zukunft des Anwaltsmarkts in der digitalisierten Welt beschäftigt – und zwar in allen Marktsegmenten der facettenreichen Anwaltschaft, die von der Strafrechtseinzelkanzlei über die Spezial-Boutiquen und mittelständische Allrounder bis hin zu internationalen Großkanzleien reicht.

Ulrich Schellenberg: Die Mandanten besser kennenlernen

Mit einer Ruck-Rede eröffnete DAV-Präsident Ulrich Schellenberg den Deutschen Anwaltstag. Er forderte die Anwaltschaft auf, die Chancen des digitalen Wandels zu ergreifen. Die Anwaltschaft müsse sich auf ihre Stärken besinnen. Sie sei Mitbewerbern immer dann überlegen, wenn „es nicht allein auf die Erteilung von Rechtsrat, sondern um die kreative Erarbeitung einer individuellen Lösung in einem konkreten Einzelfall ankommt“. Den Umbruch im Anwaltsmarkt benannte der Rechtsanwalt und Notar klar: „Legal Tech bricht mit einem Mythos des Anwaltsberufes: Legal Tech stellt unser Wissensmonopol in Frage.“ Die Mandanten wollten immer mehr, immer schneller und immer günstiger haben. Sie bestimmten den Kurs, der den Markt anwaltlicher Dienstleistungen von einem Anbieter- zu einem Nachfrager-Markt gemacht hätten. Schellenberg appellierte an die Anwaltschaft, Geschäftsmodelle und Arbeitsabläufe neu auszurichten und Legal Tech zu gestalten. „Es ist wichtig, dass wir die Bedürfnisse unserer Mandanten noch besser kennenlernen und uns davon verabschieden, dass allein wir wissen, was sie brauchen und was letztlich gut für sie ist“, sagte Schellenberg.

Berufsrechtliche Alltagsprobleme: Anwaltsgeheimnis und RVG-Anpassung

Den absoluten Schutz des Anwaltsgeheimnisses im neuen BKA-Gesetz begrüßte Schellenberg. Nachdrücklich forderte er unter starkem Applaus den Gesetzgeber auf, sich erneut mit der konkretisierten Fortbildungspflicht zu beschäftigen. Die Resolution der Satzungsversammlung von vergangener Woche nannte er ein klares Zeichen. Für die Qualitätskontrolle des besonderen elektronischen Anwaltspostfachs (beA) forderte Schellenberg einen unabhängigen Fachbeirat. Im Zusammenhang mit der Forderung von DAV und BRAK zu einer RVG-Anpassung betonte Schellenberg: „Auf gar keinen Fall kann die Anpassung der Anwaltsgebühren mit einer erneuten Anhebung der Gerichtsgebühren verknüpft werden.“ Die Belastungsgrenze des Bürgers sei erreicht.

Zur kompletten Rede von Ulrich Schellenberg

Heiko Maas: Chancen und Risiken der Digitalisierung

„Das Internet bringt mehr Freiheit, totale Regelungslosigkeit im Netz bringt aber nicht mehr, sondern weniger Freiheit“, sage Bundesjustizminister Heiko Maas. Er verteidigte seinen Gesetzentwurf gegen Hassbeiträge im Internet. Die Meinungsfreiheit werde nicht durch die Einhaltung der Gesetze gefährdet. Die Hassreden im Netz seien die wahren Angriffe auf die Meinungsfreiheit. „Die Durchsetzung des Rechts wird zu einer Grundfrage des digitalen Zeitalters“, sagte Maas. Für die Rechtspflege sah Maas Grenzen bei der Digitalisierung. Die Qualität der Rechtsberatung müsse gewahrt werden. Reine Erfolgshonorare bereiteten einer Kommerzialisierung des Rechts den Weg. Entscheidungen ohne Menschen seien am Ende „unmenschliche Entscheidungen“.

RVG-Anpassung: Das Bundesjustizministerium bereitet sie vor

Für die Anwaltschaft kündigte der Bundesjustizminister für die nächste Legislaturperiode eine RVG-Anpassung an. Die Gebührensätze müssten Schritt halten mit der Entwicklung der Tariflöhne. Zu dem Hinweis von Schellenberg zum Festschreiben der Gerichtsgebühren sagte er nichts.

Zur kompletten Rede von Heiko Maas

Deutschland kann den digitalen Wandel schaffen 

Der neue BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf stellte in seinem Festvortrag heraus, „wie die anwaltliche Beratung die digitale Transformation der Industrie unterstützen kann“. Die deutsche Wirtschaft sei für die digitale Welt gut gerüstet. Die Herausforderungen stellten sich aber in vielen Rechtsbereichen wie dem Urheberrecht oder dem Datenschutz. Und: Die Entwicklung laufe viel schneller als mancher denke, warnte Kempf. "Ich möchte nicht, dass der deutsche Mittelstand sagt: Wir haben zwar nichts falsch gemacht, verloren haben wir aber trotzdem." Die Anwaltsszene kennt Kempf gut. Er war lange Vorstandsvorsitzender der Datev eG, dann Präsident der Bitkom und ist seit diesem Jahr Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Legal Tech: Schwerpunkt am Freitag und Fachmesse „AdvoTec“

Welche Innovationskraft in der digitalen Transformation liegt, wird am Freitagmorgen in einer Schwerpunktveranstaltung komprimiert präsentiert werden. Unter dem Titel „Let’s Talk about Tech“ werden anwaltliche und nichtanwaltliche Experten aus dem In- und Ausland zu den Themen Big Data, Künstliche Intelligenz, IT in juristischen Projekten, Legal Tech und Pro-bono-Arbeit in kurzen und leicht verständlichen Präsentationen den Stand der Entwicklung demonstrieren. Besonders eingebunden wurden die Teilnehmer bei „Lobos Wundertüte“: Sie konnten online das Thema wählen, das nun lautet: „Wie das Internet politische und gesellschaftliche Verantwortung verändert – und welche Rolle Juristen dabei spielen“.

Herzstück des 68. Deutschen Anwaltstags auf dem Essener Messegelände ist die Fachmesse „AdvoTec“. Die Aussteller zeigen Anwältinnen und Anwälte die neuesten Angebote rund um die Anwaltskanzlei und für Freiberufler. Premiere auf dem Anwaltstag hat ein „Startup Corner“. Legal-Tech-Startups zeigen, was sie entwickeln und wo die Zukunft der Rechtsdienstleistung liegen könnte. Das Thema „Legal Tech“ greifen auch viele Veranstaltungen der DAV-Ausschüsse und DAV-Arbeitsgemeinschaften in Veranstaltungen auf, die zur Pflichtfortbildung nach der Fachanwaltsordnung (FAO) geeignet sind.

Zur kompletten Rede von Prof. Dieter Kempf

DAV ehrt Benno Heussen und Christoph Hommerich mit Ehrenzeichen

Die Digitalisierung der Rechtsdienstleistung darf nicht darüber hinweg täuschen, dass sich die deutsche Anwaltschaft - auch im internationalen Vergleich - seit langem bereits modernisiert hat. Der Deutsche Anwaltverein zeichnete daher am Mittwoch (24. Mai 2017) zwei  Pioniere der Forschung über den Anwaltsberuf und des Kanzleimanagements mit dem Ehrenzeichen der Deutschen Anwaltschaft aus. Die Preisträger Rechtsanwalt Prof. Dr. Benno Heussen und den Soziologen Prof. Dr. Christoph Hommerich haben das Wissen über die unternehmerische Führung von Kanzleien und die Anwaltsforschung entscheidend geprägt (hier die Pressemitteilung des DAV mit Auszügen aus der Laudatio des DAV-Präsidenten Ulrich Schellenberg).

Zur kompletten Laudatio von Felix Busse

DAV-Mitgliederversammlung: Drei neue Vorstandsmitglieder

In der Mitgliederversammlung des Deutschen Anwaltvereins am Mittwoch (24. Mai 2017) wurde ein Teil des Vorstands neu gewählt. Für die ausscheidenden Vorstandsmitglieder Rechtsanwalt Michael Eckert (Heidelberg), Rechtsanwältin Anke Haug (Renningen) und Rechtsanwältin Eva Kuhn (Köln) wurden erstmals in den DAV-Vorstand gewählt: Rechtsanwältin Dr. Annette Mutschler-Siebert (Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Vergaberecht, Berlin), Rechtsanwältin Dr. Vanessa Pickenpack (Köln) und Rechtsanwalt Dr. Fabian Widder (Vorsitzender des DAV-Ausschusses Rechtsdienstleistungsrecht).

 

Rechtsanwalt Dr. Nicolas Lührig, Berlin

 

 

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