Examensnoten

Der Wert der Examensnote schwindet

Die Note des ersten Examens hat für Juristen eine große Bedeutung. Sie ist nicht nur für den Berufszugang wichtig, sondern – weitaus früher – auch für den zeitnahen Einstieg in das Referendariat, bei der Bewerbung um begehrte Stationsplätze oder für ein LL.M.-Studium. Dass die Examensnoten angesichts unterschiedlicher Prüfungsanforderungen der Bundesländer (zum Beispiel Hausarbeits- oder Klausurexamen, Umfang des Prüfungsstoffes, zeitlicher Ablauf des Examens) seit jeher nur bedingt vergleichbar waren, tat dem bislang keinen Abbruch.

Neuer­dings ist aller­dings unsicher geworden, was eigentlich „die Examensnote“ ist. § 5 Abs. 1 des 2002 refor­mierten Deutschen Richter­ge­setzes spricht nicht mehr von der „ersten Staatsprüfung“, sondern von einer „ersten Prüfung“, die aus einer universitären Schwer­punkt­be­reichsprüfung und einer staat­lichen Pflicht­fachprüfung besteht. Der Bundes­ge­setz­geber hat sich also für eine gemischt staatlich-universitäre Prüfung entschieden und dadurch die juris­ti­schen Fakultäten aufge­wertet. Sie prüfen die bishe­rigen Wahlfächer nun in eigener Verant­wortung. Für die Note des ersten Examens bedeutet das: Sie setzt sich jetzt aus dem Ergebnis der staat­lichen Pflicht­fachprüfung und dem Ergebnis der universitären Schwer­punkt­be­reichsprüfung zusammen. Beide werden im Zeugnis aufgeführt. Zusätzlich wird eine Gesamtnote ausge­wiesen. In sie fließt das Ergebnis der staat­lichen Prüfung mit 70 Prozent und das der universitären mit 30 Prozent ein.

Welche dieser drei Noten ist nun „die Examensnote“? Rein rechtlich sicherlich die Gesamtnote. Sie spiegelt die Resultate aller maßgeblichen Prüfungs­leis­tungen wider. Bei Einstel­lungen in den Staats­dienst werden die zuständigen Behörden deswegen nicht umhin­kommen, maßgeblich auf die Gesamtnote abzustellen. Anderes gilt für den nicht­staat­lichen Bereich und speziell für einstel­lungs­be­reite Rechts­an­walts­kanz­leien. Sie können auf die Note abstellen, in welcher sich die juris­tische Leistungsfähigkeit eines Bewerbers am besten manifes­tiert. Dies kann durchaus die Gesamtnote sein – aber nur, wenn die Universitäten in ihrem Prüfungsteil Qualitäts- und Bewer­tungsmaßstäbe anlegen, die denen der staat­lichen Prüfung entsprechen.

Erste Erhebungen über die Ergeb­nisse der nach neuem Recht abgenom­menen Prüfungen lassen daran zweifeln. So soll im Freistaat Bayern der Noten­durch­schnitt der universitären Prüfung um etwa vier Punkte über dem der staat­lichen liegen. In Baden-Württemberg erreichten im Jahr 2007 etwa 54 Prozent aller Teilnehmer des staat­lichen Prüfungs­teils eine befrie­di­gende oder bessere Note, während es mehr als 75 Prozent der Examens­kan­di­daten gelang, eine entspre­chende Gesamtnote zu erzielen – was ebenfalls auf einen deutlich besseren Ausfall der universitären Prüfung hinweist. Sollte sich diese Tendenz bestätigen, wäre der Wert der Gesamtnote – und damit auch das gesetz­ge­be­rische Modell einer gemischt staatlich-universitären Prüfung – in Frage gestellt. Wahrschein­liche Folge wäre, dass die Perso­nal­ver­ant­wort­lichen speziell in der Anwalt­schaft vorrangig auf das Ergebnis des staat­lichen Prüfungs­teils abstellen. Im Extremfall könnten sie die Universitätsnote ignorieren. Die Hochschulen haben es daher selbst in der Hand, ob ihre Examens­noten in der Praxis ernst genommen werden.

Der Wert der Gesamtnote wird darüber hinaus unter einem weiteren Aspekt in Frage gestellt: Die schon bisher nur eingeschränkte Vergleich­barkeit der Examens­noten nimmt aufgrund der möglicher­weise unter­schied­lichen Benotungs­praxis der Universitäten noch weiter ab. Das kann den Wert des ersten Examens in seiner Funktion als Einstel­lungs­kri­terium relati­vieren und examens­fremde Faktoren wie Fremd­spra­chen­kennt­nisse, Praktika und sonstige Erfah­rungen noch stärker als bisher in den Vorder­grund rücken lassen – oder in letzter Konse­quenz gar zur Etablierung juris­ti­scher Einstel­lungs­tests führen.

Vor diesem Hinter­grund gilt: Berufs­ein­steiger sollten den Wert der universitären Schwer­punktnote unter den gegebenen Umständen nicht überschätzen. Perso­nal­ver­ant­wort­liche müssen künftig genauer hinschauen, von welcher Note die Rede ist. Und für die Universitäten gilt: Eine zu großzügige Benotungs­praxis wirkt kontra­pro­duktiv und kann – neben dem Bachelor-Master-Modell – zusätzlichen Druck auf die Insti­tution des ersten Examens ausüben. Denn am Ende heißt die Frage: Wozu der Aufwand?


Zurück