Interview

Ali B. Norouzi - Die letzten Roman­tiker unter den Juristen

Er lebt von den Fehlern der anderen. Denn auch Polizisten, Staatsanwälte und Richter sind nicht perfekt. Wenn fast alles verloren scheint, hoffen die Verur­teilten und ihre Straf­ver­tei­diger auf seinen Riecher: Gibt es einen Fehler im Urteil, der so schwer wiegt, dass es aufge­hoben wird? Damit gehört Ali B. Norouzi zu den wenigen Anwälten, die – ohne Zulassung beim Bundes­ge­richtshof – tatsächlich dort auftreten. Doch mündliche Verhand­lungen in Revisi­ons­sachen haben Selten­heitswert: Was an Revisionen im Straf­prozess spannend ist, fragte Anwalts­blatt Karriere Ali B. Norouzi.

Zur Person

Rechts­anwalt Ali B. Norouzi (Jahrgang 1976) wurde als Sohn persi­scher Eltern in Darmstadt geboren. Er studierte Rechts­wis­sen­schaften in Saarbrücken, Québec und Tübingen. Erstes (2002) und zweites (2008) Staats­examen legte er in Baden-Württemberg ab. Von 2003 bis 2008 war er wissen­schaft­licher Angestellter am Lehrstuhl für Europäisches Straf­recht und Straf­pro­zess­recht von Prof. Dr. Joachim Vogel an der Universität Tübingen. Er wurde 2007 mit einer Arbeit zum trans­na­tio­nalen Beweis im Straf­ver­fahren promo­viert. 2008 stieg er in die Spezi­al­kanzlei für Straf­rechts­re­vision von Gunter Widmaier in Karlsruhe (damals noch Redeker Sellner Dahs & Widmaier) als Rechts­anwalt ein. 2010 folgte dann die Gründung der gemein­samen Sozietät Widmai­erNo­rouzi Rechtsanwälte, die 2012 nach Berlin umzog. Nach dem überra­schenden Tod von Gunter Widmaier 2012 hat er die Kanzlei alleine fortgeführt. Norouzi ist verhei­ratet und hat drei Kinder (zwei Töchter und einen Sohn).

 

Was zählt am Ende beim Anwalt? Der Jahres­gewinn, der Erfolg, das Berufs­ethos, die Gerech­tigkeit?

Die Mischung. Der anwalt­liche Beruf setzt eine gewisse wirtschaft­liche Unabhängigkeit voraus. Das ist die Basis der Freiheit. Insoweit ist es nicht ganz unwichtig, aus der anwalt­lichen Tätigkeit wirtschaft­liche Befrie­digung zu schöpfen – oder: Es sollte sich lohnen, wofür man eintritt. Anderer­seits ist natürlich der schnöde Mammon nicht alles. Man muss im Blick haben, wofür man arbeitet und wie am Ende die Ergeb­nisse aussehen. Das Ethos als solches bleibt ein bisschen im luftleeren Raum hängen, wenn man es nicht konkret auf ein Mandat zuspitzen kann.

Wie misst der Revisi­ons­anwalt seinen Erfolg?

Das ist schwierig. Als Revisi­ons­ver­tei­diger sage ich: Die Niederlage ist die Schwester, mit der man leben muss. Revisionen haben statis­tisch eine sehr, sehr geringe Erfolgs­aus­sicht. Auch wenn man in diesem Fach spezia­li­siert ist und eine Erfolgs­quote hat, die spürbar besser ist als der statis­tische Schnitt, muss man damit leben, dass man am Ende einen guten zweiten Platz macht. Deshalb ist es wichtig, wenn man sich, aber auch der Mandant am Ende sagen kann: „Ich würde es beim zweiten Mal noch einmal genauso machen. Ich habe alles versucht.“

Wo liegt der Charme des Revisi­ons­rechts, wenn Revisionen selten erfolg­reich sind?

Meine Frau hat einmal zumir gesagt, ich hättemeinen Charakter zum Beruf gemacht; nämlich bei anderen die Fehler zu suchen. Sie sehen, Vorlieben für Rechts­ge­biete können sehr persönlich sein. Im Ernst: Der Charme beim Revisi­ons­recht liegt für mich darin, dass es ein sehr, sehr „wissen­schaft­liches“ Rechts­gebiet ist. Ich war lange an der Universität und habe über das Revisi­ons­recht den Übergang in die Praxis gefunden. Man kann in die Tiefen gehen, nicht nur Fragen oberflächlich ankratzen, sondern jeden Stein des Verfahrens noch mal versuchen zu wenden und auf seine recht­liche Relevanz hin prüfen. Vor allem: Das Revisi­ons­recht hinterlässt ein bleibend schönes Gefühl, wenn sie eine Revision gewinnen und am Ende ihren Fall in BGHSt lesen.

Wie viel Hartnäckigkeit braucht ein Revisi­ons­anwalt?

Sehr viel. Noch wichtiger als Hartnäckigkeit ist Frustra­ti­ons­to­leranz.


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