Existenzgründung

Die Störfall­ex­perten - Eine Kanzlei im Netz neu erfinden

Das Netzwerk der Störfall­ex­perten sei auch ein Mittel, um der geballten Kraft der Großkanzleien Paroli bieten zu könnensagt Müggenborg. „Wir haben nicht deren Overhead-Kosten und können daher geringere Stundensätze berechnen. Wir zielen auf den riesigen Mittel­stand in Deutschland. Die Störfall­be­triebe und deren Nachbar­schaft. Die Großkonzerne brauchen unsere Expertise nicht, die haben sie intern.“ Das Störfall­recht, so hat es der Europäische Gerichtshof entschieden, muss inzwi­schen in jedem einzelnen Geneh­mi­gungs­ver­fahren angewendet werden, was früher nicht der Fall war. „Das hat eine große Rechts­un­si­cherheit geschaffen, die Behörden wissen auch nicht, wie sie damit umgehen sollen – und verzögern die Geneh­mi­gungen.“ Die Expertise der Störfall­ex­perten soll somit auch helfen, den dadurch entstan­denen und auf 25 bis 30 Milli­arden Euro geschätzten Inves­ti­ti­onsstau in Deutschland abzubauen. Ein Aspekt, der die Nachfrage nach dem Exper­tenteam weiter erhöhen dürfte, ist die Gefahr durch Terro­risten. Die Störfall­ver­ordnung nennt das „Abwehr von Eingriffen Unbefugter“.

Da müssen die Unter­nehmen Vorsorge treffen, besonders gegen Innentäter.

Geschäftsfeld Immobilien-Darlehen

Der erste Erfolg der Zusam­men­arbeit von Schmitz und Müggenborg wurde im Jahr 2014 auf einem ganz anderen Rechts­gebiet auf den Markt gebracht. Die Idee war das Gegenteil zu denStörfall­ex­perten: Massen­geschäft statt hochkom­ple­xer­hoch­kom­plexer Mandate. Der Widerruf von Immobilien-Darlehen wegen fehler­hafter Klauseln wurde zum neuen Tummel­platz (www.widerruf-immobi­li­en­dar­lehen.de) für den Umwelt- und Technik­rechtler. „Über das Internet Mandanten zu akqui­rieren, war auch für mich neu – bis ich Herrn Schmitz kennen­ge­lernt habe. Dass es so einen Sog entwi­ckelt, hätte ich auch nicht geglaubt. Das ist ungeheuer wirkungsvoll. Das musste ich auch erst lernen. Ich komme ja aus klassi­schen Kanzleien, habe sehr viel veröffent­licht, Kommentare heraus­ge­geben, Vorträge gehalten – habe mir so einen Namen gemacht. Aber das hier geht viel schneller. Zeitweise mussten wir die Google-Werbung abschalten, weil wir so viele Anfragen bekamen, dass wir die alle gar nicht mehr bewältigen konnten.“

In einem Jahr kamen 4.000 Mandate herein. „Wir haben eineeigene Datenbank entwi­ckelt mit den rund 1.000 einschlägigen Gerichts­ur­teilen und einem Klage-Generator, um unsere Effizienz zu steigern. Die insgesamt 47 Fehler in Wider­rufs­be­leh­rungen von Immobilien-Darlehen wurden mit den passenden Textbau­steinen hinterlegt, um sie durch eine rasch erzeugte Klage­schrift anzugreifen. „Das hat unsere Produk­tivität vervier­facht. Dafür konnten wir auch höhere Gehälter zahlen, denn gute Leute zu bekommen, ist das größte Problem“, berichtet Schmitz. Das Geschäft mit den Immobilien-Darlehen war aller­dings rasch vorbei, weil der Gesetz­geber auf Druck der Banken das Recht geändert hat. „Das läuft jetzt aus, aber wir betreuen immer noch zahlreiche Mandate – eine Weile trägt das noch“, sagt Müggenborg. Google hat sich eine goldene Nase an den Aachenern verdient. „Denen haben wir bis zu 16.000 Euro im Monat gezahlt. Gelohnt hat es sich natürlich trotzdem.“ Schnell und dann mit aller Kraft auf ein neues Thema aufspringen, das sei in Zeiten der Digita­li­sierung die notwendige Strategie für Anwälte. „Bei den VW-Rückrufen haben wir zum Beispiel auch überlegt, ob wir da einsteigen, es aber schließlich verworfen, um uns nicht zu verzetteln.“ Ein paar andere Ideen sind dafür noch auf Lager, aber nichts, worüber Schmitz und Müggenborg jetzt schon sprechen würden. „Wir haben noch einige Ideen, nur nicht genug Zeit, 80 bis 90-Stunden-Wochen sind die Regel – weil es so gut läuft.“


Zurück