Anwaltsmarkt

Die Zeit des „Business as usual“ ist vorbei

Die briti­schen Anwälte gelten als besonders innova­ti­ons­freudig. Derzeit disku­tieren sie darüber, wie guter Rechtsrat kostengünstig zu haben ist.

Die briti­schen Anwälte gelten als besonders innova­ti­ons­freudig. Derzeit disku­tieren sie darüber, wie guter Rechtsrat kostengünstig zu haben ist. Die Autorin beschreibt, wie sich eine Anwalt­schaft im globalen Wettbewerb wieder einmal neu erfinden will. Der Blick nach Großbritannien zeigt deutschen Anwälten, was in den nächsten Jahren auch auf sie zukommen könnte. Die Briten verlassen die EU. Weitge­hende Veränderungen werden sich auch dadurch ergeben. Der Brexit wird den Innova­ti­ons­druck auf die Kanzleien weiter erhöhen.

Die Middle Temple Lane in London ist eine der besten Anwalts­adressen, die England zu bieten hat. In einem Gebäudekomplex aus dem 14. Jahrhundert sind eine Bibliothek, Bespre­chungsräume und ein Ausbil­dungs­zentrum unter­ge­bracht. Der Middle Temple beher­bergt eine von insgesamt vier Anwalts­kammern für englische Barrister. Der ungewöhnliche Name leitet sich von den Tempel­rittern ab, denen das Areal einst gehörte. Wer durch die maleri­schen Gärten und stillen Gassen wandert, erliegt leicht der Versu­chung, das moderne London und die Hektik des Alltags in den umlie­genden Gerichtsgebäuden für einen Moment zu vergessen. Doch Zahlen bringen den Besucher schnell zurück ins 21. Jahrhundert: Ohne Frage, die briti­schen Anwälte sehen sich im Aufwind. Ihre Wachs­tums­raten lagen in den vergan­genen zehn Jahren durch­schnittlich bei 3,3 Prozent (Wirtschafts­wachstum in Großbritannien insgesamt: 1,2 Prozent).

Die Zahl der engli­schen Anwälte legte seit 2004 um mehr als 30 Prozent zu. Dieses Wachstum ist mit Deutschland vergleichbar. Zuletzt hatte der englische Anwalts­markt einen Wert von fast 26 Milli­arden Pfund. „Eine phänomenale Erfolgs­ge­schichte“, sagt Catherine Dixon von der Law Society, der Berufs­or­ga­ni­sation der Anwälte in England und Wales.

Wie fit sind die Kanzleien für die digitale Revolution?

Um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, hatten sich die Briten in den vergangenen Jahren sehr innovationsfreudig gezeigt. Am bekanntesten wurde das Ende des Fremdbesitzverbots, das umgangssprachlich „Tesco Law“ genannt wird. Der Name in Anlehnung an die britische Supermarktkette Tesco sollte zeigen, dass sich in Großbritannien nun auch Versicherungen oder Handelskonzerne in Kanzleien einkaufen oder sie sogar ganz übernehmen können. Wie fit sind die Kanzleien für die digitale Revolution? Inzwischen beschäftigt die Briten ein neues Thema. Sie stellen sich immer drängender die Frage, wie es gelingt, ihre Kanzleien für das Internet-Zeitalter fit zu machen. Außerdem erhöht eine geplante Gerichtsreform in England den Druck, anwaltliche Leistungen günstiger anzubieten als bisher. Beides sind offenbar keine leichten Aufgaben: Nach einer Untersuchung des Strategieberaters Altman Weil von 2014 gaben nur 13 Prozent der Befragten an, ihre Kanzlei sei für die Zukunft gut gerüstet. Im Januar veröffentlichte die Law Society einen Zukunftsbericht, der die Marschrichtung vorgibt: „Business as usual is not an option.“ Keine Kanzlei könne es sich erlauben, so weiterzumachen wie bisher.


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