Interview

Dr. Reni Maltschew - die Gesell­schaft gestalten im Öffent­lichen Recht

Das Verwaltungsrecht spaltet die Geister. Die einen hassen, die anderen lieben es. In der Ausbildung ein examensrelevantes Hauptrechtsgebiet, spielt es in der Praxis nur bei wenigen Anwältinnen und Anwälten eine Rolle.

Dr. Reni Maltschew ist seit September 2005 Rechtsanwältin und seit 2009 Fachanwältin für Verwal­tungs­recht. Geboren 1976 in Cottbus studierte sie von 1995 bis 2000 in Potsdam Jura. 2000 bis 2003 war sie wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin am Lehrstuhl für Bürgerliches-, Handels- und Wirtschafts­recht an der Universität Potsdam bei Prof. Dr. Jürgen Oechsler. Sie promo­vierte 2003 mit dem Thema „Der Rückerwerb eigener Aktien in der Weltwirt­schafts­krise 1929–1931“. Von 2004 bis 2005 absol­vierte sie das Referen­dariat in Berlin und Washington. Seit September 2005 ist sie Rechtsanwältin bei Loh Rechtsanwälte. 2010 wurde sie Partnerin. Ihre Spezi­al­ge­biete sind das Öffent­liche Baurecht (insbe­sondere Baupla­nungs-, Raumord­nungs- und Bauord­nungs­recht), das Staats-, Verwal­tungs- und Kommu­nal­recht sowie das Immis­si­ons­schutz­recht. Maltschew ist Richterin am Anwalts­ge­richtshof Berlin, stell­ver­tre­tende Kurato­ri­ums­vor­sit­zende der Theodor-Heuss-Stiftung und Vorstands­mit­glied des Berliner Anwalt­vereins. Sie ist verpartnert und hat einen Sohn.

 

Warum das Verwal­tungs­recht überhaupt nicht trocken ist und gerade Anwältinnen dort reüssieren können, verrät Reni Maltschew in Anwalts­blatt Karriere.

Warum sollte sich eine junge Juristin oder ein junger Jurist für das Verwaltungsrecht begeistern?

Für das Verwal­tungs­recht muss sich – da mache ich zwischen den Geschlechtern keinen Unter­schied – niemand faszi­nieren können, aber man kann es. Das ist eine Mentalitätsfrage. Ich kann Ihnen nur sagen, warum mir Verwal­tungs­recht Spaß macht: Das öffent­liche Recht fand ich immer spannend, weil es am dichtesten an der Politik – nicht nur der Kommu­nal­po­litik – ist, ohne dass ich jemals Ambitionen gehabt hätte, in die Politik zu gehen.

Verwaltungsrecht gilt als trocken. Richtig oder falsch?

Ganz falsch. Es ist wahnsinnig dicht am Leben dran. Ein Beispiel: Ich war vor zwei Tagen in einer Gemeinde beim Gemein­de­ent­wick­lungs­aus­schuss. Dort werden die Probleme der Gemeinde verhandelt. Wenn sie dann als Anwältin die schwie­rigen Sach- und Rechts­fragen so erläutern, dass es jeder – auch wer nichts mit Jura zu tun hat – versteht und der Bürgermeister einmütig den Beschluss erhält, den er sich gewünscht hat: Dann gehe ich mit einem ziemlich zufrie­den­stel­lenden Gefühl nach Hause. Das ist schön.

Am Schreibtisch folgt dann die trockene Arbeit.

Natürlich ist Verwal­tungs­recht auch Akten abarbeiten, wenn sie das als trocken bezeichnen wollen. Ich würde eher sagen, dass sie im Verwal­tungs­recht Durch­hal­tevermögen benötigen. Wer eine Promotion geschafft hat, der schafft auch ein längeres Gutachten oder einen ausführlichen Schriftsatz im Raumord­nungs­recht oder Baupla­nungs­recht. Das kann sogar Spaß machen.

Verwaltungsrechtsfälle gelten als langwierig. Richtig oder falsch?

Die Verfahren dauern lang, selbst Eilver­fahren laufen kaum unter einem Jahr. Man braucht in der Tat Geduld. Manchmal ist das im Sinne der Mandanten, häufig aber auch nicht.

 

 

Wie viel Spezialisierung ist im Verwaltungsrecht nötig?

Sehr viel. Das Verwal­tungs­recht deckt eine hohe Bandbreite ab – vom Asylrecht bis zum Raumord­nungs­recht, vom Erschließungsbei­trags­recht zum Gewer­be­recht und so weiter ... Wenn Sie sich da nicht auf ein Gebiet spezia­li­sieren, haben Sie eigentlich keine Chance. Sie brauchen Tiefe, um wirklich gut zu beraten. Ohne Beschränkung können Sie gar nicht Schritt halten mit der Entwicklung, zumal der Gesetz­geber wahnsinnig aktiv ist. Und wenn Sie die Öffent­liche Hand beraten, haben Sie mit spezia­li­sierten Juristen in den Behörden zu tun. Sie müssen also noch einen darauf­setzen, das heißt Hochs­pe­zia­li­sierung, um dem Mandanten immer einen Schritt voraus zu sein.

Ist der Trend zur Subspezialisierung unumkehrbar?

Ich halte das im Verwal­tungs­recht für unumkehrbar. Die Spezia­li­sierung auch in Teilbe­reichen geht weiter, weil die Mandanten nicht mehr gewillt sind, für einen Anwalt zu bezahlen, wenn sie die Antwort kostenfrei schneller und einfacher im Internet finden. Wenn Kolle­ginnen und Kollegen ganze Gutachten ins Internet stellen, werden die Mandanten nur noch zu Ihnen kommen, wenn sie die Antwort da nicht mehr kostenfrei finden. Und: Kolle­ginnen und Kollegen drängen auch in die spezia­li­sierten Bereiche, wenn sie im Massen­geschäft kein Geschäftsmodell mehr sehen. Also müssen Sie noch besser werden.

Sie waren wissenschaftliche Mitarbeiterin am wirtschaftsrechtlichen Lehrstuhl. Wo liegt der Hauptunterschied zwischen dem Zivilrecht und dem Öffentlichen Recht?

Der Haupt­un­ter­schied ist – ich will niemandem zu nahe treten, vor allem nicht den Zivil­rechtlern – der Tonfall bei Gericht. Ich habe den Fehler gemacht, einmal einen Nachbar­rechtss­treit am Amtsge­richt Schöneberg zu verhandeln. Ich war es nicht gewohnt, dass man sich gegen­seitig auch in der Anwalt­schaft persönlich runter­macht, um eine Show für den Mandanten abzuliefern.

Und im Juristischen?


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