Interview

Dr. Reni Maltschew - die Gesell­schaft gestalten im Öffent­lichen Recht

Der wichtigste Unter­schied ist tatsächlich der Amtser­mitt­lungs­grundsatz. Zivil­rechtler arbeiten ganz anders als Verwal­tungs­rechtler. Und ein weiterer Unter­schied: Dicke Bretter bohren, viel Ausdauer zeigen, das ist für Verwal­tungs­rechtler üblich. Das mag im Zivil­recht nicht überall so sein. Ich bin froh, dass es Kolle­ginnen und Kollegen gibt, die alle anderen Rechts­ge­biete inklusive Straf­recht, Asylrecht, Famili­en­recht, Arbeits­recht abdecken … und dass ich dafür Verwal­tungs­recht machen darf.

Wie sind Sie zum Verwaltungsrecht gekommen?

Ich mochte Verwal­tungs­recht immer schon, auch an der Uni, obwohl es nicht mein Spitzenfach war. Das zeigt, dass der Nachwuchs nicht immer alles von den Noten abhängig machen sollte. Studium und Referen­dariat fordern nicht das ab, was dann hinterher im Anwalts­beruf den Erfolg ausmacht. Was hat das Verwal­tungs­recht in der Anwalt­spraxis mit dem Verwal­tungs­recht im Studium gemeinsam? Nicht viel [lacht].

Wo liegen die Unterschiede?

Die Praxis ist viel breiter. Naturgemäß deckt das Studium nur einen kleinen, sehr kleinen Ausschnitt ab und führt nur ein. Was heute meinen Anwalt­salltag prägt, kam im Studium gar nicht vor: Raumord­nungs­recht, Regio­nalpläne, Landes­ent­wick­lungspläne, Normen­kon­troll­ver­fahren – wenn Sie mal davon gehört haben, ist das schon viel. Das alles ist spannend, kann ich Ihnen versi­chern. Auf den Klassikern im Studium – Abschleppfälle, Gewer­be­entzug oder ein Platz­verweis – kann keine Kanzlei ein Geschäftsmodell aufbauen.

Was lernt man nicht auf dem Weg zum zweiten Staatsexamen, was man als Anwältin im Verwaltungsrecht benötigt?

Es ist so viel, was die jungen Menschen nicht mitbe­kommen. Es fängt bei den sozialen Fähigkeiten an. Als Anwalt oder Anwältin brauchen Sie nicht nur für den eigenen Mandanten, sondern auch für die Gegen­seite Einfühlungsvermögen. Und dann der Klassiker: Sie lernen nach wie vor nicht unter­neh­me­ri­sches Denken. Sie werden als Einheits­ju­risten ausge­bildet. Das ist nicht schlecht. Aber als Anwältin in einer Kanzlei – egal, welcher Größe, auch wenn Sie Einzelanwalt sind, aber natürlich auch, wenn Sie Partnerin in einer größeren Einheit wie hier sind – müssen Sie ein Gefühl für Kosten haben, sich mit Personalführung beschäftigen und Akquise von Mandaten lernen.

Ihr Tipp?

Wenn Sie nicht zu den wenigen gehören, die diese unter­neh­me­ri­schen Talente mitbringen, kann ich den jungen Kolle­ginnen und Kollegen nur empfehlen: Suchen Sie sich einen guten Mentor oder eine gute Mentorin – das sollte nach meiner Auffassung nicht der unmit­telbare Vorge­setzte sein. Es sollte ein Partner aus einem anderen Bereich der Kanzlei oder sogar aus einer anderen Sozietät sein, den man einfach wirklich alles fragen kann. Der Berliner Anwalts­verein hat ein Mento­ren­pro­gramm, das sehr erfolg­reich ist, weil die Mentoren natürlich auch vom Nachwuchs lernen.

 

 

 

Baurecht ist eine Männerdomäne, sowohl im Zivilrecht als auch im öffentlichen Recht. Haben Sie Tipps für junge Anwältinnen, um sich durchzusetzen?

Vergessen Sie die Geschlech­ter­trennung. Die Durch­set­zungsfähigkeit brauchen Sie im Anwalts­beruf, egal, ob Sie Frau oder Mann sind. Ich sage das jetzt bewusst: Es gibt auch junge Asses­soren, denen ein bisschen Selbst­be­wusstsein nicht schaden würde. Entscheidend ist: Wie wirkt jemand im Gespräch?

Und was ist Ihnen dann wichtig?

Ich gebe zu, dass ich anfangs als Arbeit­geber nach Menschen gesucht habe, die mir ähnlich waren. Mittler­weile habe ich festge­stellt, dass man gut beraten ist, jemanden zu suchen, der anders als man selbst ist. Diese Person kann etwas abdecken, das man selbst nicht bedienen kann – und das schafft produktive Ergeb­nisse. Personalführung ist auch ein Lernprozess.

Und was ist unverzichtbar?

Es gibt Bewerber, die haben fabel­hafte Examen, sind von der Papierlage großartig, aber denen gelingt es nicht, einen Draht zum Gegenüber aufbauen. Wer menschen­scheu ist, ist im Anwalts­beruf sicherlich falsch.


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