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Hambur­gi­scher Anwalt­verein

Ein umtrie­biger Verein – der wächst

Sie kommen aus allen Fachgebieten, aus kleinen und mittelständischen Anwaltsbüros, aus Boutiquen und Großkanzleien und es werden immer mehr. Während Vereine deutschlandweit um ihre Mitglieder kämpfen, kann sich der Hamburgische Anwaltverein über mangelnden Zulauf nicht beklagen. Warum das so ist, kann sich Geschäftsführerin Claudia Leicht auch nicht ganz erklären. „Vielleicht liegt es an unserem vielseitigen Programm“, sagt sie und wirkt selbst etwas verwundert. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden Andreas Schulte hat sie im hinteren Trakt des Hamburger Landgerichts eine neue Ära eingeleitet. Der Verein profiliert sich über seinen starken Netzwerkgedanken. Aber auch über sein ausgeprägtes Engagement in der Stadt und seine vielen Fachseminare, Vortragsreihen und Expertenforen mit renommierten Sprechern.

Fortbildung, Netzwerk und morali­scher Kompass

„Ich würde uns als umtrie­bigen Verein bezeichnen“, sagt Andreas Schulte. „Wir beraten unsere Mitglieder, wenn es um Marketing-Strategien, Finanz- und Businesspläne oder Büroorga­ni­sation geht – aber wir vernetzen sie auch mitein­ander, indem wir Bälle, Filma­bende und Dinner organi­sieren.“

 

„Wir beraten unsere Mitglieder, wenn es um Marketing-Strategien, Finanz- und Businesspläne oder Büroorganisation geht – aber wir vernetzen sie auch miteinander, indem wir Bälle, Filmabende und Dinner organisieren.“

Obwohl die Hälfte der 3.500 Vereins­mit­glieder über 50 Jahre alt ist, engagiert sich der Verein recht ausge­wogen für alle Genera­tionen. Beim „Treffen junger Juristen“ etwa begegnen junge Rechtsanwälte Staatsanwälten, Richtern und Notaren. „Die haben oft Hemmungen und Berührungsängste vorein­ander“, weiß Schulte. „Aber in ungezwun­gener Atmosphäre erzählen sie sich von ihren Sorgen, Ängsten und Vorur­teilen und entdecken Gemein­sam­keiten“. Schließlich seien sie im Berufs­leben ständig mitein­ander konfron­tiert und das baue oft Missverständnisse auf. Für Schulte, der als Anwalt im gewerb­lichen Rechts­schutz arbeitet, sei es wichtig, die Berufs­gruppen unbedingt auch fachübergreifend mitein­ander zu vernetzen. Beim Gänseessen zum Thema „Law meets Tax“ tauschen sich Steuer­be­rater mit Anwälten aus. Dort stellen sie sich gegen­seitig Fachfragen, deren Antworten sie sich sonst mühsam selbst zusam­men­re­cher­chieren müssten.

Aber das ist nicht der einzige Grund, warum Anwälte die Nähe des Vereins suchen. In Schultes Augen liegt es auch daran, dass der Verein immer mehr Profil und rechts­po­li­ti­sches Engagement zeigt, indem er sich etwa für geflüchtete Juristen aus Syrien engagiert, Filma­bende zu Menschen­rechts­themen organi­siert oder Initia­tiven wie „Palandt umbenennen“ unterstützt. „Otto Palandt war einer der einfluss­reichsten Juristen des Dritten Reiches und ist noch heute Namens­geber von Deutsch­lands wichtigstem juris­ti­schen Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB)“, sagt der Rechts­anwalt. Heute ist von Palandts natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Gedan­kengut im BGB nichts mehr übrig, Palandt hat auch streng­ge­nommen keinen Paragraphen selbst kommen­tiert, das waren andere. Doch der BGB-Kommentar trägt noch immer seinen Namen. „Wie kann ein solches Standardwerk den Namen eines linien­treuen Nazis tragen?“, fragt sich Schulte. Für solche und andere Initia­tiven wird er sich in Zukunft mit dem Verein engagieren.

Der Verein verfolgt einen ganzheit­lichen Ansatz mit seinem Engagement. Er steht auch für das Selbst­verständnis, die Identität und Haltung des Anwalts selbst. Wie steht es um meinen inneren morali­schen Kompass? Wer will ich sein als Anwältin, als Anwalt? Wie kann ich das erreichen?

Der Anwalt­verein wandelt sich mit den Zeiten

So dachten die Organi­sa­toren des 1904 gegründeten Hambur­gi­schen Anwalt­vereins nicht zu jeder Epoche. Das sei auch nicht nötig gewesen, sagt Claudia Leicht. „Die Zeiten für Anwälte waren mal wesentlich ruhiger.“ Sie erinnert sich noch an große Ordner voller Bewer­bungen. Damals kamen die Mitglieder, blätterten sie durch und schrieben sich die Infor­ma­tionen der Kandi­daten daraus ab. Heute gibt es eine Online-Stellenbörse. Auch Schulte kennt Anekdoten von früher: „Freitagnach­mittags war manchmal schon Feier­abend für Anwälte“. Er zeigt auf einen Zeitungs­ar­tikel an einer Wand des Anwalt­vereins. Darauf berichtet das Hamburger Abend­blatt über einen Anwaltsball in den 1950er Jahren. Männer im Smoking und Frauen im Abend­kleid sind darauf zu sehen. „Die schlossen dann am Freitagnach­mittag ihre Kanzleien, weil sie sich für den Ball frisch machen mussten“, sagt er. Heute wäre das absolut undenkbar.

Die Bälle der Hamburger Juristen gibt es aber immer noch. Heute finden sie an Samstagen statt und gehören zu den belieb­testen Veran­stal­tungen. Auch Leicht und Schulte freuen sich auf die Nächte mit gutem Essen, Liveband und DJ-Programm. Es läge auch an solchen Zusammenkünften, dass Hamburger Anwälte, Richter, Staatsanwälte und Notare Netzwerke schaffen.

Für Leicht als Geschäftsführerin gehe es stets darum heraus­zu­finden, was Anwältinnen und Anwälte wirklich wollen und brauchen für ihre Karriere. Für sie steht fest, dass es über das reine Vermitteln von Wissen hinausgeht. Auch Andreas Schulte ist froh, dass der Verein alles andere als eine Alther­ren­ver­an­staltung ist. So war es vielleicht einmal. So wird es aber nie mehr sein.

 


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