Einstel­lungs­report: In guten wie in schlechten Zeiten

Famili­en­recht – wo Anwälte auch Psycho­logen sind

Was der Insolvenzrechtler für Unternehmen in der Krise ist, ist der Familienrechtler für den Menschen. Die rechtlichen Probleme der Mandantinnen und Mandanten in diesem Rechtsgebiet haben fast ausnahmslos eine zutiefst persönliche, oft sogar intime Ebene. Auch deswegen hat das Familienrecht wohl mit zahlreichen Klischees und Vorurteilen zu kämpfen, die dazu führen, dass es unter angehenden Juristinnen und Juristen oft als wenig attraktiv wahrgenommen oder gar verachtet wird. Familienrecht – da denkt man an Drama, Streit und verhärtete Fronten. Doch wird das Familienrecht zu Unrecht abgestempelt als etwas, das es gar nicht ist?

„Familienrecht ist die Verknüpfung von Leben und Recht“, sagt Eva Becker,Rechtsanwältin bei der Berliner Kanzlei Junggeburth & Becker und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht im Deutschen Anwaltverein. „Wer sich für Familienrecht entscheidet, wird nach der Uni direkt ins pralle Leben geworfen. Das ist definitiv eine große Herausforderung“. Denn wer die relevanten, meist zivilrechtlichen Normen beherrscht, kann sie noch lange nicht auf einen Fall anwenden. Hier ist Empathie und Menschenkenntnis in höchsten Maßen gefragt.

Dr. Fritz Osthold von der Sozietät Poppe aus Pinneberg bei Hamburg empfiehlt daher, sich auch psychologisch zu schulen: „In diesem Beruf hat man es nun einmal mit Katastrophen zu tun.“ Wer sich nicht einfühlen kann, scheitert oft schon daran, den Sachverhalt überhaupt richtig zu erkennen. Denn schon hier muss man die große Emotionalität von familienrechtlichen Auseinandersetzungen stets berücksichtigen und sich manchmal auch vor Manipulationen schützen. Es steht nun mal oft eine Menge auf dem Spiel. Deshalb gelten im Familienrecht auch bei der Einstellung andere Maßstäbe. Prädikatsexamen sind sicherlich nicht wertlos, geben aber wenig Aufschluss über die soziale Kompetenz und Empathie einer angehenden Anwältin oder eines Anwalts. Deshalb sind Noten und akademische Titel hier meist nebensächlich, stattdessen zählt etwa soziales Engagement und im Idealfall auch etwas Lebenserfahrung.

Dr. Lore-Maria Peschel-Gutzeit ist seit über 40 Jahren im Familienrecht tätig. Als Richterin und nach einer Karriere als Justizsenatorin in Hamburg und Berlin als Anwältin für Familienrecht in Berlin. „Menschen müssen angehört werden und es muss ihnen dabei geholfen werden, selbst Möglichkeiten zur Konfliktlösung zu entwickeln. Diesen Teil der Arbeit nenne ich Seelsorge.“

Der Begriff transportiert gut, worum es beim Familienrecht geht. Gleichzeitig weist er auf ein großes Problem im Familienrecht hin, denn eine wirkliche Ausbildung in der Psychologie hat hier niemand. Vor allem im Umgang mit Kindern, die oft an den Verfahren beteiligt sind, ist das problematisch. Dieser Umstand belastet auch Gerd Uecker von der Kanzlei Schneider Stein & Partner in Hamburg. „In einem Verfahren mit Kindern sind wir alle Laien – niemand kann sich angemessen mit ihnen beschäftigen. Daher bräuchte es die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Psychologen.“ Solange die nicht gegeben ist, ist die Beteiligung von Kindern an Scheidungs- oder Sorgerechtsverfahren ein rechtspolitisches Problem mit gravierendem Ausmaß.

Schauplatz familienrechtlicher Verhandlungen und Streitigkeiten ist dabei fast immer das Gericht. Das liegt auch an der Politik, denn ein gerichtliches Verfahren ist bei der Scheidung zwingend notwendig. Viele Kanzleien bieten zwar eine Mediation an, die Nachfrage ist jedoch eher gering. „An den Gerichten wird Streitschlichtung im Rahmen der Güteverhandlung quasi kostenlos angeboten. Damit können wir kaum konkurrieren“, erzählt Gerd Uecker.

Eigentlich nämlich eine gute Idee, diese Mediation. Im Gegensatz zur mündlichen Haupt­ver­handlung vor Gericht ist hier Zeit und Raum, die Dinge sorgfältig und ausführlich zu disku­tieren und zu verhandeln. Auch Dr. Fritz Osthold sieht in der Methode der Mediation großes Potenzial, er bezeichnet sie als „Knotenlöser“ des Famili­en­rechts.

Und ein weiteres großes Klischee behaftet das Familienrecht: Hier gibt es kein Geld zu verdienen. Doch hier widersprechen die Anwältinnen und Anwälte für Familienrecht zumindest teilweise: „Auch reiche Menschen lassen sich scheiden“, erinnert Uecker. Dennoch lässt die finanzielle Entlohnung im Vergleich zu anderen zivilrechtlichen Arbeitsfeldern oft zu wünschen übrig. Kompensiert werden kann das durch die emotionale Belohnung, die eine zufriedenstellende Einigung für Eltern und Kinder nach einer Scheidung oder einem Sorgerechtsstreit mit sich bringt. Menschen und Familien aus einer persönlichen Krise zu helfen, kann mit Geld kaum aufgewogen werden.

Und Zukunftssorgen muss sich das Familienrecht nicht machen – die Menschen werden weiter heiraten und sich scheiden lassen, Familien gründen und sie wieder auflösen. In dieser Hinsicht ist das Familienrecht ein zeitloses Rechtsgebiet, ein echter Dauerbrenner. Für Berufseinsteiger, die Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten aus der persönlichen Krise helfen wollen, ist das Familienrecht ein sicherer Markt. Allerdings trauen sich immer noch zu wenige Männer in dieses Rechtsgebiet.


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