Einstel­lungs­report: In guten wie in schlechten Zeiten

Im Medizin­recht kommt vieles zusammen

Das Medizinrecht ist ein breites und vielseitiges Rechtsgebiet – und in seinen Teilgebietengrundverschieden. Auf welcher Seite man steht, macht hier einiges aus und verändert den beruflichen Alltag. Als ein „Querschnittsgebiet“ gilt das Medizinrecht, weil es vieles vereint: Das Arzthaftungsrecht als Klassiker, darüber hinaus aber auch die öffentlich-rechtlichen Regelungen, die für die Ausübung von medizinischen Berufen sowie bei der Unterhaltung von Arztpraxen und Krankenhäusern relevant werden.

Bei der Beratung von großen Unternehmen in Pharma- oder Gesundheitssektor ist echtes Wirtschaftsrecht gefragt. So braucht es im Medizinrecht absolute Multi-Talente, wenn Zivilrecht, Öffentliches Recht und manchmal sogar das Strafrecht zusammen kommen. Da eine Top-Beratung auf allen diesen Gebieten oft unmöglich zu vereinen ist, sind viele Medizinrechtler echte Spezialisten.

Einer von ihnen ist Dr. Paul Harneit, Rechtsanwalt bei der Kanzlei CausaConcilio in Kiel. Er erklärt, was das Medizinrecht so besonders macht: „Die rechtlichen Zusammenhänge sind gerade in Querschnittsgebieten wie dem Medizinrecht hochkomplex. Deshalb ist der Zugang zum Medizinrecht oft schwieriger zu finden als bei anderen Rechtsgebieten.“

Dass Harneit, wie viele seiner Kolle­ginnen und Kollegen, einen Doktor­titel hat, ist kein Zufall. Im Medizin­recht tummeln sich erfahrene Juristen, nicht wenige haben bereits eine akade­mische Karriere und Tätigkeiten in anderen Rechts­ge­bieten in ihrem Lebenslauf zu verzeichnen. Gerade, wenn es um die Vertretung der Behandler oder um die Beratung von Krankenhäusern oder Pharma-Unter­nehmen geht, herrscht im Medizin­recht ein Arbeit­salltag, der sich mit dem in den großen Wirtschafts­kanz­leien vergleichen lässt.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Bewerber, aber eben auch ihre Bezahlung. Dass das Medizinrecht trotzdem in eher kleinen oder mittleren Einheiten praktiziert wird, liegt am enormen Spezialwissen, das die Materie erfordert. Oft bringen Medizinrechtler schon einiges an Berufserfahrung mit – manche sogar als Mediziner und Ärzte. „Ein Vorteil, wenn man bereits die Sprache der Ärzte spricht und zum Beispiel die Abläufe im Krankenhaus kennt“, findet Harneit. Rechtsanwältin Victoria von Radetzky, Medizinrechtlerin in Hamm, hat es so gemacht. „Ich war vorher in der Verwaltung eines Krankenhauses tätig. Auch wenn man selbst dadurch bei weitem kein Arzt wird, bildet man sich medizinisch weiter und lernt die Abläufe kennen.“

In der Patientenvertretung dagegen herrscht weniger Glanz, dafür arbeitet man näher am Menschen. Hier braucht es ein ähnliches Fingerspitzengefühl wie im Insolvenz- oder Familienrecht. Prof. Dr. Martin Stellpflug, Rechtsanwalt für Medizinrecht und Professor an der Psychologischen Hochschule in Berlin, erläutert die Parallelen: „Bei der Patientenvertretung ist ein besonderes Maß an Verständnis und Empathie erforderlich, schließlich geht es um existenzielle Güter. Bei der eigenen Gesundheit steht etwas anderes auf dem Spiel als nur Geld.“

Rechtsanwältin Isabel Bals aus Köln hat sich genau darauf spezialisiert – und warnt: „Man darf die Dinge auch nicht zu sehr an sich heranlassen. Es braucht immer einen gesunden Abstand und Ausgleich zur Arbeit.“ Ein Hinweis darauf, dass es auch im Medizinrecht oft höchstpersönlich und psychologisch empfindlich werden kann. Nicht zufällig suchte Bals gerade einen Spezialisten für das Sozialrecht für ihre Bürogemeinschaft. „Eine typische Kombination in der Patientenvertretung“, erklärt sie.

In ihrem Beruf geht es um Gerechtigkeit für geschädigte Patienten. Und das entscheidet sich meistens erst vor Gericht. Bals sieht das kritisch: „Die meisten Verfahren könnten vermieden werden, wenn der Arzt sich – ohne unbedingt juristisch einen Behandlungsfehler einzuräumen – beim Patienten entschuldigen würde.“ Auch Rechtsanwältin Cornelia Süß berichtet: „Die meisten Mandanten kommen erst zu mir, wenn eigene Kommunikationsversuche mit dem Arzt gescheitert sind.“

Im Medizinrecht wirken sich die Digitalisierung und natürlich der technische und medizinische Fortschritt unmittelbar auf den Arbeitsalltag der Anwältinnen und Anwälte aus. „Durch die Medien sind die Patienten insgesamt besser über ihre Rechte informiert“, merkt Cornelia Süß an. Mit neuesten Behandlungsmethoden muss der Medizinrechtler genauso vertraut sein wie der Arzt.

Darüber hinaus spielt Datenschutz eine große Rolle, insbesondere seit der elektronischen Patientenakte. Und die Entwicklung geht weiter, konstatiert Rechtsanwalt Dr. Rudolf Ratzel, Gründer der Medizinrechtskanzlei Ratzel Rechtsanwälte in München: „Die Gesundheitsbranche ist ein großer Investmentmarkt. Die Zahl der branchenfremden und ausländischen Kapitalgeber steigt – und die wollen natürlich abgesichert sein.“ Es lässt sich also viel Geld verdienen im Medizinrecht – vor allem, wenn man mit den großen Playern spielt.


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