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Einzelanwälte - drei erfolg­reiche Beispiele aus der Praxis

Der Einzelanwalt wird länger schon totgesagt. Doch als Einzelspezialist ist er lebendiger denn je: geringe Kosten, praxisnahes Spezialwissen und kompromisslose Mandantenorientierung sind seine Stärke. Drei Beispiele aus der Praxis, die zeigen, wie unterschiedlich Erfolgsmodelle aussehen können.

Wer sich mit 30 Jahren entschließt, neben einem Job als Unter­nehmer noch ein Jura-Studium zu beginnen, ist vielleicht waghalsig, jeden­falls aber kein Angsthase. Ohnehin entspricht in der Vita von Michael Bauer vieles nicht der „Norm“. Das Gymnasium schmeißt er nach der elften Klasse, besucht eine technische Fachober­schule, fährt dann zwanzig Jahre aktiv und haupt­be­ruflich mit eigener Konzession Taxi. Per Weiter­bildung holt er seine Hochschul­reife an der Uni Bonn nach. 1987, „nach längerer Bedenkzeit“, schreibt sich der jetzt zweifache Vater zum Studium in München ein, berufs­be­gleitend. „Während der Referendarzeit, als ich nicht so oft hinterm Steuer sitzen konnte, habe ich dann einen Fahrer angestellt“, erzählt der 62-Jährige.

Im ersten Jahr seiner Zulassung, 1996, chauf­fiert er nach der Kanzlei­arbeit noch Fahrgäste durch die bayerische Haupt­stadt. „Mandate kommen ja bei einem Neuling zunächst nur stückweise und es musste genug Geld fließen“, erinnert er sich. Die Geschichte vom „Taxler-Anwalt“ macht im Kolle­gen­kreis schnell die Runde. Die Lokal­presse wird auf ihn aufmerksam, Mund-zu-Mund-Propa­ganda und persönliche Empfeh­lungen verschaffen ihm zunehmend Mandate. Er startet in einer Bürogemein­schaft mit einem befreun­deten Kollegen, besucht umgehend Fortbil­dungen. „Ich habe sehr viel gelesen und versucht, schnell auf einen brauch­baren Wissens­stand zu kommen“, erklärt Bauer. Die Erfahrung im Umgang mit Leuten als Taxifahrer, habe ihm auch als Anwalt sehr geholfen. „Die letzte Schicht bin ich dann zum Oktoberfest 1997 gefahren“.

Als einer der ersten in München bringt er 2005 die notwen­digen Fallzahlen und Seminar­stunden für den seinerzeit neu geschaf­fenen Fachan­walts­titel im Verkehrs­recht zusammen und lässt diesen ins Münchener Telefonbuch eintragen – ein „werbe­wirk­sames Allein­stel­lungs­merkmal zu der Zeit“, wie er sagt. Bauer nutzt die Gunst der Stunde baut Fachkennt­nisse und Mandant­schaft konse­quent aus. Längst betreut er Klienten aus ganz Deutschland, Unfall­geschädigte ebenso wie Verkehrssünder oder Taxi-Unter­nehmer, wenn es um konzes­si­ons­recht­liche Fragen geht, Bauers Spezi­al­gebiet. „Wir haben zu 95 Prozent Aktiv­mandate, darunter viele Unfall-Geschädigte, die wir vertreten“, berichtet er. Von Rahmen­verträgen mit Versi­cherern macht er sich bewusst nicht abhängig, setzt lieber auf einen „breiten Mandan­ten­stamm“, um unabhängiger zu bleiben. Er gibt sich überzeugt: „Nur der Spezialist, der sich auf wenige Fachge­biete konzen­triert, wird sich langfristig am Markt behaupten können“.

Als früherer Mither­aus­geber einer verband­sunabhängigen Fachzeit­schrift für das Taxi-Gewerbe, kennt er das Geschäft von der Pike auf. Für etwa ein Drittel seiner Aufträge sorgen heute Stamm­kunden, ein weiteres Drittel läuft laut Bauer über Empfeh­lungen; den Rest der Klienten akqui­riere er über das Internet. Zentrales Akquise-Instrument dabei sei eine eigene, „vernünftig gestaltete Webseite mit quali­fi­zierten Inhalten“, selbst geschrie­benen Artikeln etwa oder fachlichen Erläuterungen zu konkreten Rechts­fragen oder aktuellen Entschei­dungen. „Einträge in Suchpor­talen kosten viel Geld“, urteilt der Praktiker, „bringen am Ende aber wenig bis nichts“. Entspre­chend schlank hält Bauer seine Kanzlei, die er gemeinsam mit einer halbtags aktiven Kollegin betreibt. Das Sekre­tariat wickelt vorübergehend ein Dienst­leister (E-Büro) aus Berlin ab, der die Anrufe für ihn steuert. „In der Praxis erledigen wir vieles über die E-Akte“, berichtet Bauer. Neben der Kanzlei-Software (RA Micro) und einer Juris-Flatrate für die vier Rechner im Netzwerk, hat er sich kürzlich einen neuen Server und eine neue Telefon­anlage zugelegt. Angefangen habe alles „mit Word, Telefon und einem kleinen Kopierer“, sagt Bauer, „über die Jahre ist das dann stetig gewachsen“.

Webseite, Flyer und Visiten­karten hat er eigenhändig gestaltet. „Als Anwalt, Unter­nehmer und passio­nierter Webde­signer bin ich für externe Dienst­leister vermutlich einfach zu kritisch“, sagt David Stader. Auch der neue Standort der Kanzlei, auf dem Werksgelände einer umgebauten Fabrik für Straßen laternen im Kölner Westen, sei Dank seines Loft-Charakters „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen. Nach dem Studium in Trier stieg er vor vier Jahren in die Kanzlei seines Vaters ein und lenkt sie nun von Köln aus in neues Fahrwasser. „Unser Thema ist der Verbrau­cher­schutz mit Spezia­li­sierung auf das Bank- und Kapital­markt­recht“, erläutert der 31-jährige. Als Honoraranwalt der Verbrau­cher­zen­trale Düsseldorf streitet er mit Banken und Sparkassen. Zur Mandant­schaft zählen nicht nur Ver braucher, sondern auch Unter­nehmen, „aber wir vertreten ausschließlich Kunden, arbeiten nie auf Insti­tuts­seite“, erläutert Stader.

Die Entscheidung, sich mit seinem Vater zusammen zu schließen fiel erst spät, mit dem 2. Examen. Der Senior habe das laufende Geschäft zuletzt nur noch von zu Hause aus betrieben, um Kosten zu reduzieren. „Es gab eigentlich nur noch ihn und sein Diktiergerät“, erzählt David Stader. Sein ursprünglich avisiertes Berufsziel – angestellter Anwalt in einer mittelständischen Kanzlei – hat er verworfen, „weil das letztlich doch nur ein Sachbe­ar­beiter-Job ohne kreativen Spielraum ist“. Letzte Gewissheit gab die Anwalts­station in einer Medien­rechts­kanzlei, wo er Urheber­recht zu bearbeiten hatte.

„Danach habe ich angefangen, meine eigenen Vorstel­lungen von einer Kanzlei zu entwi­ckeln“, erzählt der Junganwalt. Der neue Business-Plan und das Kanzlei-Logo entstanden während einer Auslandsstage in New York. Der Gesetz­geber und die Recht­spre­chung zu den Anfor­de­rungen an die Wider­rufs­be­leh­rungen von Verbrau­cher­verträgen (Immobi­li­en­kre­diten) bescherten den Staders eine Vielzahl von Mandaten mit hohen Streit­werten. Die zunächst in Köln Deutz gemie­teten Kanzleiräume wurden bald zu klein. Doch trotz des schnellen wirtschaft­lichen Erfolges war dem Berufs­ein­steiger von Beginn an klar, dass sich die Geschäftsstra­tegie künftig würde ändern müssen: Die Verbrau­cher­zen­trale sei „nach wie vor wichtig“, erläutert der Bankrechtss­pe­zialist, „aber wir konnten uns nicht ausschließlich darauf verlassen“. Heute mache der Anteil an Mandaten, die aus der Tätigkeit für die Verbrau­cher­zen­trale hervor­ge­gangen sind, noch etwa 50 Prozent aus. „Die andere Hälfte findet über das Internet, persönliche Empfeh­lungen oder Folge­ak­quise den Weg in unsere Kanzlei“, sagt Stader.

Vater und Sohn achten auf eine schlanke Kosten­struktur: „Wir vermieten die nicht oder nur zeitweise von uns genutzte Infra­struktur – Büros, Empfang, Konfe­renzraum, Technik, Reinigung – zum Pauschal­preis an andere Berufsträger.“ Die Gesamt­kosten und „ein kleiner Gewinnanteil für unseren Aufwand“ (Stader) werden auf alle Mieter umgelegt. Einfache Sekre­ta­ri­ats­ar­beiten und Telefon­dienste erledigen „quali­fi­zierte Studenten“. Im Übrigen komme daten­bank­ba­sierte Software zum Einsatz. Zurzeit sind vier Straf­ver­tei­diger und ein Arbeits­rechtler aus zwei anderen Kanzleien in den Räumen.

Beim Marketing setzt die Kanzlei im Netz auf Inhalte aus der eigenen Praxis, sowie Social Media. „Die Leute wollen sich nach unserer Erfahrung in Fällen wieder­finden, die schon mal irgendwo gelaufen sind“, erläutert Stader. Jüngster Testballon sind eigen­pro­du­zierte Interview-Sequenzen für Youtube-Channel, die Stader mit gelie­henem Equipment selbst produ­ziert. Die Idee hinter dem Konzept: „10 einge­blendete Fragen – 10 Antworten vom Experten vor der Kamera.“

Ist das Grund­recht auf Eigentum auch ein menschen­recht­liches Thema? Für Stefan von Raumer steht das außer Frage. Der Experte für Vermögens- und Resti­tu­ti­ons­recht beschäftigt sich seit 25 Jahren regelmäßig mit Fällen politi­scher Verfolgung, die zu einem Verlust von Eigentum geführt haben. „Resti­tution heißt dann, man versucht mit beste­henden Gesetzen zu arbeiten, um eine Form der politi­schen Wieder­gut­ma­chung für die Mandanten zu erreichen“, erklärt der Einzelanwalt aus Berlin. Neben der juris­ti­schen Arbeit gilt es auch, histo­rische Aufar­beitung für drei Epochen deutscher Geschichte zu leisten: die NS-Zeit, die Zeit der sowje­ti­schen Besatzung im Osten Deutsch­lands sowie die spätere DDR.

Von Raumer zählt heute zu den versier­testen Kennern der Materie in Deutschland, spezia­li­siert sich früh. Er veröffent­licht schon als Referendar erste wissen­schaft­liche Beiträge und Kommentare, hält bundesweit und inter­na­tional Vorträge und ist mittler­weile Autor und Heraus­geber des Handkom­mentars „EMRK Europäische Menschen­rechts­kon­vention“. Vor allem als Anwalt von Menschen, die durch die „Boden­reform“ der Sowjets zwischen 1945 und 1949 zwangsent­eignet wurden und ihre Grundstücke, Industrie- oder Gewer­be­be­triebe ersatzlos verloren, hat sich Stefan von Raumer national und inter­na­tional einen Namen gemacht. Streit­werte in bis zu dreistel­liger Millionenhöhe sind eigentlich klassi­sches Großkanzlei-Revier. „Ich bin da als Einzelanwalt erfolg­reich, weil ich hochgradig spezia­li­siert bin“, sagt Stefan von Raumer. In seiner Kanzlei beschäftigt er nur eine Fachkraft für das Sekre­tariat. Doch in einer lukra­tiven Nische profi­tiert er vom Wettbe­werbsund Perso­nal­kos­ten­druck bei den Großen mit ihrer starren Kosten­struktur.

Anders als ein hoch spezia­li­sierter Einzelkämpfer seien die Großkanzleien gezwungen, früher auf Markt­ent­wick­lungen zu reagieren. Die Zahl der Resti­tu­ti­ons­mandate jedoch sei begrenzt. Schon jetzt zeichne sich aufgrund der Zeitläufe absehbar ein Ende ab. Dadurch entwickle sich das Geschäftsfeld für die Branchen­riesen kosten und haftungs­tech­nisch zum Balan­ceakt. Ein angestellter Kollege für das Spezi­al­gebiet sei in einer Großkanzlei dauerhaft kaum auszu­lasten, fehlende Expertise werde so zum „Haftungs­risiko“. „Folge ist, dass meine früheren Konkur­renten mir jetzt ihre Resti­tu­ti­ons­mandate auf dem Silber­ta­blett präsentieren“, sagt Stefan von Raumer. Bei Großverfahren schließt er Koope­ra­ti­ons­verträge mit größeren Einheiten oder er bindet Profes­soren renom­mierter Lehrstühle und deren wissen­schaft­liche Mitar­beiter ein.

Seit Ende der 1990er Jahre hat er seinen Aktions­radius erweitert und bearbeitet sowohl Verfas­sungs­be­schwerden für Karlsruhe als auch Indivi­du­al­be­schwerden vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschen­rechte in Straßburg, ein inter­essanter Markt. Kanzleien und Anwälte hierzu­lande hätten noch nicht erkannt, dass man auch mit der EMRK „Geld verdienen kann“. Vielen sei nicht bewusst, „dass die EMRK alle Grund­rechte unserer Verfassung vollständig abbildet.“ Bei Menschen­rechten nur an Asyl, Folter oder Straf­recht zu denken, greife zu kurz: „Ich mache in Straßburg auf europäischer Ebene eigentlich nichts anderes, als ich als Verfas­sungs­rechtler in Karlsruhe mache“, sagt von Raumer, „denn es gibt ja auch in der EMRK ein Eigentums recht, ein Diskri­mi­nie­rungs­verbot oder das Ehe- und Famili­en­recht.“ Sogar Fragen des staat­lichen Glücksspiel­mo­nopols könnten Gegen­stand einer Menschen­rechts beschwerde sein, „weil auch ein Glücksspiel­be­trieb eigen­tums­geschützt sein kann“. Der Erfolg gibt Stefan von Raumer Recht und die Freiheit, ein Drittel seiner Arbeitszeit in ehren­amt­liches Engagement sowie juris­tische Entwick­lungs­hilfe in Osteuropa für die IRZ-Stiftung zu stecken. //


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