Erster Gerichts­termin

Wie vertritt man vor Gericht? Anwaltsblatt Karriere begleitet einen Berufseinsteiger bei seinem ersten Gerichtstermin. Welpenschutz oder kaltes Wasser – vorbereiten kann man sich auf die Situation nur begrenzt.

Es gibt für alles ein erstes Mal, den ersten Gerichts­termin als Prozess­be­vollmächtigter einge­schlossen. Auch wenn manche alten Hasen sich wohl nicht mehr daran erinnern oder glauben, sie seien schon als Anwälte geboren: Wer heute vor Selbst­be­wusstsein nur so strotzt, hat auch mal klein angefangen – ist vielleicht mit weichen Knien und Magen­schmerzen vor die Richterbank getreten und hat sich gewünscht, einfach nur Reißaus zu nehmen. Tim Wiesenthal* ist diesen Initia­ti­ons­schritt hinein ins Anwalts­leben erst kürzlich gegangen.

Tür zur Anwaltschaft

Im Vorfeld des Gerichts­termins treffen wir uns, um über seine Erwar­tungen, Ängste und Hoffnungen zu sprechen. Wiesenthal – 28 Jahre alt, das Zweite Staats­examen im Rücken – hat gerade bei einer Verkehrs­recht­kanzlei im Norden Deutsch­lands angefangen. Nicht, weil das sein Traum war, sondern um einen Fuß in der Tür zu haben – der Tür zur Welt der erwach­senen Anwältinnen und Anwälte. Frisch aus dem Referen­dariat ist es zunächst schwer vorstellbar, dass jetzt einfach so losgelegt werden soll. Auf einmal gibt es keine wohlfor­mu­lierten Klausur-Sachver­halte mehr, die die wichtigen Infor­ma­tionen auf dem Silber­ta­blett servieren. Statt­dessen findet man sich an einem Schreib­tisch wieder, durch Berge von Akten wühlend, vor allem um kompetent und sein Geld wert zu wirken. Tim ergeht es an seinen ersten Tagen in der Kanzlei ähnlich. Doch nach und nach findet er Anschluss und erschließt sich seine Aufgaben.

Verkehrsrecht als Spezialisierung

Auch wenn das Verkehrs­recht zunächst inhaltlich wenig Heraus­for­de­rungen zu liefern scheint, gilt es, die Hürden des Kanzlei­alltags zu nehmen. Wenn das Telefon klingelt, steigt der Puls und obwohl er sich so viel Mühe gibt, merkt der Mandant am anderen Ende der Leitung doch, dass es ihm noch an Erfahrung fehlt. Eine seriöse und ordentlich zupackende Telefon­an­sprache muss her: „Rechtsanwälte Kraft und Kollegen*, Wiesenthal am Apparat“. Und plötzlich klappt‘s. Vor Gericht von Angesicht zu Angesicht mit Richterin und Gegen­ver­treter reicht die forsche Telefon­stimme nicht mehr. Statt­dessen ist Souveränität und Impro­vi­sa­ti­ons­talent gefragt. Denn spätestens da wird allen Betei­ligten klar sein, dass Tim jung ist. Die Frage, die bleibt und verun­si­chert: Wie werden die anderen darauf reagieren? Welpen­schutz oder kaltes Wasser – vorbe­reiten kann man sich auf die Situation nur begrenzt. Und doch kreisen die Gedanken und zeichnen Szenarien bis endlich der Termin steht und alles plötzlich konkret wird: Ein Mittwoch im Juli 2018, 14 Uhr Amtsge­richt Meldorf, in Ditmar­schen, gut 100 Kilometer nordwestlich von Hamburg, kurz vor der Nordsee.

Gerichtstermin

Während vor den Fenstern die grüne Landschaft vorbei­zieht, schlängelt sich der Zug Richtung Westerland und Tim Wiesenthal wirft einen letzten Blick in die Akte. Man weiß ja nie, was im Schlagab­tausch nützlich sein kann. Aber wird es den überhaupt geben? Fast schon gehen wir davon aus, dass der  Prozess­be­vollmächtigte der Versi­cherung den Weg in den Norden nicht auf sich nimmt. Es geht um die Erstattung von Unfall­kosten. Die Versi­cherung hat gezahlt, aller­dings nicht alles. Der Unfall­wagen war einige hundert Meter von der Werkstatt zum Lackierer auf dem Hänger trans­por­tiert worden. 80 Euro Verbrin­gungs­kosten? Auch mir stellt sich unwillkürlich die Frage, warum es sich für eine Kanzlei lohnen sollte, eine Versi­cherung auf 80 Euro zu verklagen. Tim erklärt, dass es um mehr geht als nur diese 80 Euro, denn wenn das Gericht zu ihren Gunsten entscheiden sollte, würde dieser Fall nur der erste sein in einer langen Reihe ähnlicher Fälle – irgendwann summieren sich auch diese geringen Streit­werte zu größeren Beträgen. Vor allem aber lohnt es sich für die Versi­che­rungen, die durch gezielte Kürzungen der Schadens­er­stattung aufgrund der Vielzahl der Fälle schlicht Geld einsparen. Die Kanzlei möchte diesem Kalkül im Interesse der Geschädigten Grenzen setzen, mit Waffen­gleichheit hat das wenig zu tun, wie wir später sehen sollen.

Die Bahnfahrt bietet Tim die Möglichkeit zur letzten Vorbe­reitung und mir die Gelegenheit, ihn davon mit Fragen abzulenken: „Bist du sehr nervös?“ „Ne, geht eigentlich. Ein bisschen vielleicht.“ „Musst du den Mandanten selbst anrufen, wenn‘s schief geht?“ „Ich glaube, das macht dann mein Kollege“. „Und wie läuft‘s mit der Wohnungs­suche?“ „Schlecht.“ Die Frage „ Wie stellst du dir die nächsten Jahre vor?“ erfordert dann doch längere Überlegung. Sicher ist, Tim Wiesenthal möchte etwas tun, in dem er Sinn erkennt, er sucht Heraus­for­de­rungen. Schon immer inter­es­siert ihn Straf­recht, im Referen­dariat übernimmt er freiwillig zahlreiche Sitzungs­dienste für die Staats­an­walt­schaft und ist heute sehr froh darüber. Denn dort musste er lernen, spontan zu sein und vor Gericht zu sprechen. Keine schlechte Übung für seinen ersten Auftritt als Anwalt.

Trotz dieser Affinität lässt er sich auch immer wieder auf Zivil­recht ein, denn im Kern geht es ihm um den Beruf, ums Anwaltsein, das für ihn nie in Frage stand. Daran ändert auch ein Jahr Verkehrs­recht und ein studen­ti­sches Leben mit wenig Gehalt nichts. Der Übergang zwischen Studen­tenbude und Mensafraß zum Eigenheim mit Kücheninsel ist eben fließend. Später kann sich Tim den Weg in die Selbstständigkeit vorstellen – Zeit und Geld selbst einteilen zu können, reizt ihn nach diesen ersten Monaten als angestellter Anwalt. Zweieinhalb Stunden ‒ und einmal umsteigen in Itzehoe ‒ später spazieren wir durch Meldorf. Der Name ist Programm – hier gibt es genau einen Penny, einen Kik und ein Amtsge­richt. Alles wirkt nordisch-verschlafen, auch die Einlass­kon­trolle am Gericht ist schon in den Sommer­ferien. Die verlas­senen Gänge riechen nach Politur.

Verhandlung

Vor dem Sitzungssaal treffen wir eine kleine Gruppe, die – wie wir vermuten – zu einer anderen Verhandlung gehört. Nach einer Weile stellt sich aller­dings heraus, dass die beiden Herrschaften neben uns – beide im Ditmar­scher „Schiebermützen-Partnerlook“ – in Wahrheit die Mandant­schaft sind. Dem Besitzer des Unfall­wagens war offenbar nicht klar, dass er nicht zum Termin hätte kommen müssen. Zuerst möchte er wissen, an wen er sich denn wegen des Gehalts­aus­falls wenden solle – und seinen Kumpel habe er vorsichts­halber auch mitge­bracht. Dass nun unerwartet der Mandant daneben sitzt, lässt die Anspannung bei Tim weiter wachsen. Als der Beklag­ten­ver­treter überra­schend doch auftaucht und mit sympa­thi­schem Lächeln vorschlägt, man könne doch schon früher beginnen, wenn alle da seien, freue ich mich schon für Tim. Der erste Eindruck soll täuschen. Der Kumpel des Mandanten und ich nehmen unsere Plätze auf den Publi­kumsstühlen ein und warten gespannt auf den Beginn der Verhandlung.

Leider werden die nächsten 25 Minuten sehr unangenehm. Nicht weil Tim Wiesenthal den Faden verliert oder sich verun­si­chern lässt, sondern weil der Gegen­ver­treter alles daran setzt, seine Unerfah­renheit auszu­nutzen und sich mit der Richterin gegen ihn zu verbünden. Und das alles vor den Augen des Mandanten. Es ist eine Situation, auf die man sich nicht vorbe­reiten kann und die man schnell hinter sich bringen möchte. Der Ton wird zunehmend schärfer und gleich­zeitig reden alle anein­ander vorbei. Die Richterin rügt Tim mehrmals, es sei nicht genügend vorge­tragen, dass die Verbrin­gungs­kosten überhaupt angefallen seien. Schließlich befände sich die Lackie­rerei nur wenige Meter von der Werkstatt entfernt. Tim hält mit der herrschenden Recht­spre­chung dagegen. Am Ende klingt an, dass der Versi­cherung Recht gegeben wird.

Das alles hier wirkt fast sinnbildlich für den krankenden Zivil­prozess: Auch im Verkehrs­recht gehen die Fallzahlen vor den Amtsge­richten zurück und nach dem, was der Schiebermützenmandant heute hier gesehen hat, wird er beim nächsten Unfall wohl eher nicht vor Gericht ziehen. Für Tim ist das Absurde am Zivil­prozess, dass ein Mandant verlieren kann, obwohl er eigentlich Recht verdient. Das mögen auch andere so sehen. Die junge Generation sollte sich auf Veränderungen des Altbe­kannten einstellen. Das zivil­ge­richt­liche Verfahren ist vielleicht in zehn Jahren nicht mehr der Fels in der Brandung, als den es heute viele noch sehen oder sehen wollen. Dass sich die Struk­turen verändern, liegt nicht nur am Erstarken der Gütever­handlung, auch jüngere anders und vorwärtsden­kende Anwalts- und Richterpersönlich­keiten werden den Wandel forcieren. Dabei ist der Weg in die Schlichtung nicht der Einzige, der wegführt vom Zivil­prozess, aber es ist sicher einer, der Zukunft hat – ein alter­na­tives Verfahren ist besser als ein schlechtes Gerichts­ver­fahren, das dem Rechts­frieden nicht dient.

Rückbli­ckend war das ein erster Termin, der Tim wohl eher in unguter Erinnerung bleiben wird und meinen Plan vereitelt, einen Text darüber zu schreiben, dass es nie so schlimm kommt, wie man vorher denkt. Dennoch, als wir eine halbe Stunde später den Zug verpassen und am Bahnsteig auf dem Boden Kekse futtern, lässt Tim das Erlebte Revue passieren: „Hätte ich am Ende noch zu Protokoll geben sollen, dass wir weiterhin anderer Rechts­auf­fassung sind? Da war ich mir nicht sicher. Naja, das lernt man dann wahrscheinlich mit der Zeit.“ Auf der Fahrt zurück reden wir kaum über Jura. Auch das will gelernt sein, ein guter Anwalt wird man wohl, wenn man auch mal den Blick schweifen lässt.

 

 


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