Anwaltsausbildung

FAQ: Wie läuft eigentlich ein Zivil­prozess ab?

Justizzentrum Aachen, Gerichtssaal.

Darauf bereitet kein Jura-Examen vor: Wie läuft der Zivilprozess ab – was muss die Anwältin oder der Anwalt im ersten Mandat beachten, um sich nicht vor dem eigenen Mandanten, der Gegenseite und dem Gericht zu blamieren? Anwaltsblatt Karriere verrät, worauf es ankommt.

  1. Mandat: Der Anwaltsvertrag (Mandat) wird angebahnt und ab - geschlossen. Vergütungsvereinbarung und Haftungsbeschränkungsvereinbarung können sinnvoll sein. Die Prozessvollmacht ist zu erteilen. Prozesskostenhilfe kann in Betracht kommen. All dies gilt für die Vertretung des Klägers genauso wie für die Vertretung des Beklagten.
  2. Vor der Klage: Mit der Mandantin sind die Verfahrensziele zu klären. Gibt es Interessen, die nicht durch einen vollstreckbaren Titel erfasst werden können? Mediation und/oder andere Mittel außergerichtlicher Konfliktbeilegung sind zu erörtern. Tatsachen sind zu klären und Beweismittel zu beschaffen. Im Zivilprozess gilt der Beibringungsgrundsatz (im Gegensatz zur Amtsmaxime). Gibt es Ausschluss- oder Verjährungsfristen? Bei Zahlungssachen kann ein Mahnverfahren vorzugswürdig sein.
  3. Klageschrift: Die Klageschrift enthält – nach Schlüssigkeitsprüfung – die Tatsachen mit Beweisangeboten (§ 253 ZPO). Sie ist an das zu - ständige Gericht zu übermitteln. Nach Eingang der Klageerwiderung kann ein weiterer Vortrag geboten sein. Wegen des Beschleunigungsgrundsatzes sollte in der Regel kein Vortrag (etwa für die Berufungsinstanz) zurückgehalten werden.
  4. Und der Beklagte?: Mit dem Mandanten werden Verteidigungsmöglichkeiten erörtert. Kommen Erfüllung oder Anerkenntnis nicht in Betracht, folgen Verteidigungsanzeige und Klageerwiderung. Eine Widerklage ist zu erwägen.
  5. Vor der mündlichen Verhandlung: Das Gericht bestimmt ein schriftliches Vorverfahren oder frühen ersten Termin. Möglich sind vorbereitende Hinweise des Gerichts, die mit der Mandantin erörtert werden müssen. Häufig ist die Anordnung des persönlichen Erscheinens der Parteien.
  6. Vor der Terminstunde: Der jungen Anwältin ist zu empfehlen, rechtzeitig vor der Terminstunde einzutreffen, um einen Eindruck von der Verhandlungsführung des Gerichts, der Sitzordnung und der Atmosphäre zu gewinnen. Das ist Grundlage für anwaltliche Rhetorik. Es ist sinnvoll, dass der Anwalt, der den Termin wahrnimmt, Sachbearbeiter ist oder aber (mindestens) die Sache und die Mandantin kennt. Mündliche Verhandlungen sind in der Regel öffentlich.
  7. Aufruf der Sache: Vor dem Saal sind die Termine auf der sogenannten Rolle aufgezeichnet. Nicht immer erfolgt der Aufruf der Sache auf dem Flur. Auch deshalb empfiehlt es sich, vorzeitig im Saal zu sein.
  8. Sitzordnung: An der Stirnseite befindet sich die Richterbank (eine Richterin beim AG, ein Einzelrichter oder die Kammer mit drei Richtern beim LG).
    Die Platzierung von Kläger und Beklagtem wird in Deutschland regional unterschiedlich gehandhabt. In Nordrhein-Westfalen sitzt der Kläger rechts vor der Richterbank. Nachfragen schadet nicht.
  9. Und die Robe?: Bundesweit ist vor den Landgerichten das Tragen der Robe üblich; das gilt auch für fast alle Amtsgerichte. Die Robe sollte als Zeichen dafür getragen werden, dass Richter und Anwälte auf derselben Augenhöhe handeln. Für Männer ist weder die weiße Krawatte noch ein weißes Hemd Pflicht. Gepflegte Kleidung ist Teil von Anwaltsethos und Anwaltspathos.
  10. Im Termin: Führt das Gericht kein Rechtsgespräch, sollte es der Anwalt beginnen, um Eingriffsmöglichkeiten zu klären. Die mündliche Verhandlung ist ein entscheidender Moment der gebotenen Interessenvertretung. Sachlichkeit und Engagement sind gefordert. Bei der Befragung von Zeugen sind Grundsätze der Verhandlungs- und Zeugenpsychologie einzusetzen. Folgt das Gericht dem eigenen Rechtsstandpunkt, sollte
    eher geschwiegen werden. Läuft es nicht gut, hilft ein kurzes Plädoyer zu den Tatsachen und den Rechtsfolgen.
  11. Verfahrensbeendigung: Möglich ist ein Prozessvergleich, der grundsätzlich mit der Partei erörtert werden muss. Fällt – in der Regel nach einer Spruchfrist – ein Urteil, sind Anträge auf (Tatbestands-)Berichtigung und/oder Urteilsergänzung zu erwägen. Gegebenenfalls sind Rechtsmittel mit dem Mandanten zu erörtern.

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