Deutscher Anwaltstag 2018

Fehlent­schei­dungen von Schieds­richtern

Mehr Gerechtigkeit im Sport durch Überprüfung von Schiedsrichterentscheidungen? Dr. Christian Deckenbrock, Akademischer Rat der Universität zu Köln und zugleich Schiedsrichter in der Hockey-Bundesliga sowie Turnieroffizieller für den internationalen Hockey-Verband mit Einsätzen auf allen Ebenen einschließlich von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, widmete sich beim Deutschen Anwaltstag auf der Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Sportrecht den Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern im Feldhockey und im Fußball.

Welche Entscheidungsfehler gibt es bei Schiedsrichtern und wie unterscheiden sie sich in Definition und Rechtsfolge?

Die Ordnungen der Verbände sehen hierzu­lande üblicher­weise vor, dass ein Einspruch gegen die Spiel­wertung eines Meister­schaftss­piels nur wegen eines (spiel­ent­schei­denden) Regel­verstoßes der Schieds­richter statthaft ist, nicht aber wegen einer fehler­haften Tatsachent­scheidung. Während der Unpar­tei­ische bei einer Tatsa­chen­ent­scheidung auf einen von ihm (falsch) erkannten Sachverhalt die dafür richtige Regel anwendet, also einem Wahrneh­mungs­fehler unter­liegt, liegt ein Regel­verstoß vor, wenn ein Schieds­richter auf den von ihm festge­stellten Sachverhalt nicht die richtige Regel anwendet, also eine falsche Rechts­folge auf der Basis seiner tatsächlichen Wahrneh­mungen ausspricht.

Warum ist die Ungleichbehandlung von Tatsachenentscheidungen und Regelverstößen problematisch?

Die bislang übliche Diffe­ren­zierung wirft vor allem unbefrie­di­gende Abgren­zungs­pro­bleme auf. Ob ein Regel­verstoß oder eine Tatsa­chen­ent­scheidung vorliegt, hängt in erster Linie von der nur äußerst beschränkt nachprüfbaren Einlassung des Schieds­richters ab. Erkennt er etwa ein Tor an, obwohl er das Spiel kurz zuvor durch einen Pfiff unter­brochen hat, liegt eine Tatsa­chen­ent­scheidung vor, wenn er unwider­legbar zu Protokoll gibt, dass der Ball nach seiner Wahrnehmung die Torlinie vor seinem Pfiff überschritten hat. Dass sich aus den Video­bildern objektiv das Gegenteil ergibt, ist in diesem Zusam­menhang ohne Bedeutung.

Wie sollte mit Fehlentscheidungen umgegangen werden?

Fehlent­schei­dungen von Schieds­richtern, egal ob Tatsa­chen­ent­scheidung oder Regel­verstoß, dürfen nicht nachträglich im Wege eines auf Spiel­wie­der­holung gerich­teten Einspruchs überprüft werden. Sie dürfen nur von den Unpar­tei­ischen selbst im Spiel bis zur Spiel­fort­setzung geändert werden. Ein wichtiges Hilfs­mittel kann insoweit der Video­beweis darstellen. Der Reiz und die Attrak­tivität sport­licher Wettkämpfe leben davon, dass die Spiele auf dem Feld und nicht am grünen Tisch entschieden werden. Eine Ausnahme ist allein für Spiel­ma­ni­pu­la­tionen bzw. vorsätzlich getroffene Regel­verstöße anzuer­kennen. Das bedeutet nicht, dass ein Verband nicht die Möglichkeit hat, gegenüber einem Schieds­richter, der mangels ausrei­chender Kenntnis einen Regel­verstoß begangen hat, Konse­quenzen zu ergreifen. Der Schutz der Tatsa­chen­ent­scheidung sollte auch nicht mehr länger einer nachträglichen sport­ge­richt­lichen Ahndung von gravie­rendem Fehlver­halten eines Spielers, das der Schieds­richter bereits während des Spiels falsch bewertet hat, entge­gen­stehen. Er beschränkt sich richti­ger­weise nur auf das konkrete Spiel.

Ist der Videobeweis die Lösung für mehr Gerechtigkeit im Sport?

Es lässt sich nicht leugnen, dass dank des Video­be­weises die Anzahl klarer Fehlent­schei­dungen abgenommen hat. Nach Angaben des DFB konnten mithilfe des Video-Assis­tenten 64 solcher Fehlent­schei­dungen in der vergan­genen Bundes­li­gasaison verhindert werden. Aller­dings: Der Begriff „Video­beweis“ sugge­riert eine Objek­tivität, die längst nicht immer gegeben ist und auch nicht gegeben sein kann. Mensch­liche Fehler lassen sich bei „Inter­pre­ta­ti­ons­ent­schei­dungen“ auch mithilfe der Technik nicht vollständig vermeiden, zumal bei der Entschei­dungs­findung erheb­licher Zeitdruck besteht. Fehler­freiheit wird es auch künftig nicht geben, und manchmal kommt es sogar erst aufgrund des Video­be­weises zu einer Fehlent­scheidung. Mehr Gerech­tigkeit bedeutet daher nicht zwingend, dass das Ender­gebnis tatsächlich „gerecht“ ist.

Welche neuen Fehlerquellen birgt der Einsatz des Videobeweises?

Am häufigsten kommt es vor, dass der Video-Assistent die falsche Entscheidung des Unpar­tei­ischen bestärkt. Hier lässt sich immerhin sagen, dass diese falsche Entscheidung auch zu früheren Zeiten ohne Video so getroffen worden wäre. Der Super-Gau für den Video­beweis sind aber Entschei­dungen oder Entschei­dungs­emp­feh­lungen des Video-Assis­tenten, die zu einer Korrektur der ursprünglich richtigen Entscheidung des Feldschieds­richters führen. Hier ist der Diskus­si­ons­bedarf naturgemäß besonders hoch.

Wie weit kann und sollte die technische Überprüfung von Fehlern im Sport gehen, ohne den Charakter einer Sportart zu verändern?

Es ist richtig, dass der Video­beweis nicht beliebig oft und bei jedem Vorfall, also auch bei einem Einwurf oder einem einfachen Foulspiel im Mittelfeld, einge­setzt werden darf. Der Spiel­fluss muss gewahrt sein, eine Überprüfung auf klare Fehlent­schei­dungen mit poten­ziell besonders großem Einfluss auf das Ergebnis beschränkt sein. Diese Beschränkung darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch aus manchem vermeintlich nur kleineren Schieds­rich­ter­fehler das spiel­ent­schei­dende Tor folgen kann. Auch insoweit gilt: Eine hundert­pro­zentige „Gerech­tigkeit“ kann es im Sport nicht geben.

 

Das Interview führte Nora Zunker, Berlin


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