Interview

Fehler­kultur – was ist das?

Fehler machen nur die anderen, die eigenen Fehler sind tabu. „Vertretbar wird das eigene Handeln schon gewesen sein, wenn auch vielleicht nicht perfekt, auf jeden Fall droht keine Haftung.“ Hand aufs Herz, welche Anwältin und welcher Anwalt hat nicht schon so gedacht? Und in der Tat: Das Motto des nächsten Deutschen Anwaltstags „Fehlerkultur in der Rechtspflege“ hat nicht nur Zuspruch gefunden. Warum der Deutsche Anwaltverein über Fehler von Juristen sprechen wird, fragte das „Anwaltsblatt“ den Präsidenten des Deutschen Anwaltvereins Ulrich Schellenberg.

Fehlerkultur, was ist das?

Fehler­kultur – das ist die Frage, wie ich mit dem Unver­meid­lichen, nämlich dem Fehler, umgehe. Und dass wir Fehler machen, ist eine Banalität. Wie wir damit umgehen, ist keine Banalität. Ich bin mir inzwi­schen sicher, dass die Anwalt­schaft, dass die Rechts­pflege insgesamt einen Nachhol­bedarf im Umgang mit Fehlern hat. Wir Anwältinnen und Anwälte neigen dazu, uns die Fehler schön zu reden: Na ja, so schlimm war es dann eben nicht, das geht schon noch. Geht es um den kulti­vierten Umgang mit Fehlern oder um mehr? Kein Zweifel, es geht um mehr. Auf der ersten Stufe geht es ganz sicher um den kulti­vierten Umgang mit dem Fehler. Dann in der zweiten Stufe kommt die Heraus­for­derung, wie wir aus diesem Fehler so lernen, dass wir tatsächlich besser werden.

Warum beschäftigt sich der Deutsche Anwaltverein mit Fehlerkultur?

Es geht um die Anwalt­schaft: Wer, wenn nicht wir?

Anwälte und Anwältinnen, die Fehler machen, ist das nicht Nestbeschmutzung?

Nein. Natürlich spricht man nicht gerne über eigene Fehler. Dem Unvermögen – erst recht dem eigenen – schaut man ungern ins Antlitz. Aber es ist der entschei­dende Schritt, zu akzep­tieren: Der Fehler gehört zu unserer alltäglichen Arbeit dazu. Das ist die wesent­liche Botschaft. Und daraus werden sich dann positive Effekte für unsere Profes­sio­na­li­sierung ergeben.

ReNos dürfen Fehler machen, Anwälte nicht. Bestimmt das Wiedereinsetzungsrecht das Bewusstsein?

Ganz klares „Ja“. Fristversäumnisse sind eindeutige Fehler, gleich­zeitig können sie meist geheilt werden. Da ist die Versu­chung groß, dass aus dem eigenen anwalt­lichen Versagen ein Fehler der hervor­ragend ausge­bil­deten und beständig kontrol­lierten ReNo wird. Weil es so ist, sind gerade die Instanz­ge­richte so misstrauisch: Wie komme ich genau diesen Fallge­stal­tungen wieder auf die Schliche, so dass sich das nicht auswächst?

Liegt häufig der größte Fehler darin, dass auf den ersten Fehler der zweite folgt?

Der geschei­terte Wieder­ein­set­zungs­antrag ist ganz sicher ein Beispiel, an dem man den Umgang mit dem eigenen Fehler sehr gut illus­trieren kann. Man will den eigenen Fehler selber so schnell wie möglich – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder ausbügeln und dann passieren tatsächlich inhalt­liche Fehler. Die Recht­spre­chung des BGH zu kennen und zu beachten, sie zügig in einen Wieder­ein­set­zun­gantrag fließen zu lassen, ist eine echte Heraus­for­derung. Gut beraten ist daher derjenige, der die Chance hat, die profes­sio­nelle Distanz so umzusetzen, dass er einen Kollegen, eine Kollegin bittet, dieses Wieder­ein­set­zungs­gesuch zu formu­lieren.

Die Angst vor der Anwaltshaftung sitzt tief. Machen Anwälte deswegen nie Fehler?

Die Haftung ist das eine, der Versi­che­rungs­schutz das andere. Wenn die persönliche Haftung droht, kann es natürlich um Existenzen gehen … auch dann ist profes­sio­neller Rat angezeigt. Gleichwohl gibt es unterhalb der Schwelle der Existenz­be­drohung die Beobachtung, dass Anwältinnen und Anwälte gerne glauben, dass sie es im Zweifel doch richtig machen und die anderen nur nicht richtig zugehört haben. Fehler wegzu­schieben ist viel bequemer, als sich damit ausein­an­der­zu­setzen.

Fürchten Anwälte die Aufdeckung des Fehlers mehr als den Fehler selbst?

Dem Gespräch über Fehler weichen Anwältinnen und Anwälte gerne aus. Das will der Deutsche Anwalt­verein mit dem Deutschen Anwaltstag ändern. Es ist ein erster Anstoß. Damit ist noch keine Fehler­kultur in der Anwalt­schaft imple­men­tiert.

Der sicherste Weg ist das Leitbild für die Mandatsarbeit. Selbst wenn etwas schiefgeht, gibt es immer einen Ausweg. Richtig oder falsch?

Also der sicherste Weg ist sicher der richtige Weg, nur den sichersten Weg immer zu beschreiten, hat seiner­seits wieder ganz erheb­liche Impli­ka­tionen. Es muss schnell gehen. Ist der sicherste Weg immer der schnellste Weg? Es muss möglichst kostengünstig sein. Ist der sicherste Weg immer der kostengünstigste Weg? Die alltägliche Praxis bietet viele sehr unter­schied­liche Schat­tie­rungen. Der sicherste Weg ist daher nicht immer der Weg, den Anwälte für ihren Mandanten gehen – und gehen können. Wir müssen uns einge­stehen, dass es fehler­ge­neigte Situa­tionen gibt. Termin­druck, Stress oder Komplexität: Da können Fehler noch schneller geschehen als sie einem ohnehin schon im alltäglichen Leben unter­laufen.

Bei Piloten steht Teamarbeit im Vordergrund, bei den Ärzten gilt heute: Jeder Fehler ist ein Schatz.

So weit ist die Anwalt­schaft noch nicht. Fehler werden im Regelfall alleine ausge­macht. Das ist nach meinem Eindruck erstaun­li­cher­weise auch in Sozietäten so, solange sie noch unter einer bestimmten Schwelle zu halten sind. Der Fehler wird als Haftungs­thema verstanden. Abwehren ist angesagt. Dabei kann die Kanzlei aus Fehlern lernen, sie kein zweites Mal zu machen. Es gibt den Fehler in einem Graube­reich darunter, über den sollten wir ebenfalls sprechen. Der entdeckte, nicht kommu­ni­zierte Fehler ist am gefährlichsten.

Was muss passieren?

Ein Bewusst­seins­wandel ist nötig: „Anwälte sind auch nur Menschen“ und „Irren ist menschlich.“ Die Haftungs­recht­spre­chung erwartet, dass wir Anwältinnen und Anwälte vollkommen perfekt sind. Das sind wir nicht.

Brauchen wir mehr konkrete Standards?

Ich bin bei Standards außerordentlich skeptisch. Sie gaukeln Objek­tivität vor. Ich bin überzeugt, dass Qualität ganz viel mit persönlicher Verant­wortung zu tun hat. Die Anwaltstätigkeit ist von einem persönlichen Berufs­ethos geprägt, das kann ich nicht in Standards gießen. Wir sollten darüber sprechen, wenn man dem eigenen Anspruch nicht gerecht wird.

Sollten Anwälte und Anwältinnen auf mehr Teamarbeit setzen?

Gute Teamarbeit kann helfen, Fehler zu vermeiden, und eine Fehler­kultur umzusetzen, in der über Fehler gesprochen wird. Konse­quenzen aus Fehlern zu ziehen, ist immer eine Frage der Kommu­ni­kation. Kommu­ni­kation ist immer eine Frage des Teams. Das hilft.

Was bleibt den Einzelanwälten?

Sich zu vernetzen. Das gilt fachs­pe­zi­fisch, bei der Kanzleistra­tegie, bei IT-Fragen und natürlich bei der Frage: Wie gehe ich jetzt mit einem bestimmten Fehler um? Wie kann ich mich an einer bestimmten Stelle verbessern?

Ist mehr Fortbildung nötig?

Fehler­kultur ist keine Frage der fehlenden Qualität. Wir werden immer Fehler machen. Die Anwalt­schaft bildet sich insgesamt gut und verant­wor­tungs­be­wusst fort.

Was werden Anwältinnen und Anwälte über Strategien zur Fehlervermeidung auf dem Anwaltstag lernen?

Wir werden dieses Thema aus ganz vielen unter­schied­lichen Bereichen beleuchten. Der entschei­dende Wert wird darin liegen, dass jede Anwältin, jeder Anwalt ganz konkrete Anregungen für die eigene Praxis bekommen wird – Vielfalt zeichnet den Deutschen Anwaltstag aus.

„Hochmut kommt vor dem Fall“, sagt das Sprichwort. Benötigen wir mehr professionelle Demut?

Darüber lohnt das Nachdenken. Wir Anwältinnen und Anwälte sind dieje­nigen, die im Verhältnis zu unseren Mandanten wissen, wie Recht funktio­niert. Und wir haben jahrzehn­telang diesen Schatz verwaltet, wir haben ihn gegen Honorar geteilt. Da kann natürlich eine gewisse Form von Überheb­lichkeit entstehen. „Das lassen Sie mal meine Sorge sein“, ist ein Satz der Anwälten durchaus von den Lippen kommen kann. Sie mögen gute Gründe haben. Wenn sie mit einer kompe­tenten Mandant­schaft zu tun haben, dann wäre größere profes­sio­nelle Demut schon ein Schritt zu einer Fehler­kultur. Wir müssen gar nicht mehr immer alles sofort wissen. Im Mandan­ten­gespräch ist es akzep­tiert, dass wir danach prüfen, nachdenken und überlegen müssen.

Das Motto des Anwaltstags bezieht sich auch auf die Rechtspflege. Das umfasst Richterinnen und Richter. Ein Wort zur Fehlerkultur in der Justiz?

Fehler­kultur ist dort genauso wichtig. Das Vertrauen in die Justiz muss gesichert werden, in Teilen muss die Justiz es zurückgewinnen. Das gelingt, wenn ich zum Teil offen­sicht­liche Fehler als offen­sicht­liche Fehler bezeichnen kann. Gute Kommu­ni­kation – ebenso gegenüber den Rechts­su­chenden – gehört dazu.

Eine Schlussfrage: Die Arbeitsgemeinschaft Kanzleimanagement wird auf dem Anwaltstag fragen: Mein schönster Fehler und was ich daraus gemacht habe? Welcher war Ihr schönster Fehler?

Ich habe Fehler gemacht, die überhaupt nicht schön sind. Lehrreich war für mich der Fall, als eine fertige und unter­schriebene Berufungsbegründung bei einem Schränkchen in die Ritze an der Wand gerutscht ist. Sie ist nie bei Gericht einge­gangen. Keiner hat es in der Kanzlei verstanden. Die Ritze haben wir dann später abgeklebt.

Was hat der Mandant gesagt?

Der Mandant war nicht begeistert. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass die Berufung keine Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.

 


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