Interview

Fehler­kultur – was ist das?

Also der sicherste Weg ist sicher der richtige Weg, nur den sichersten Weg immer zu beschreiten, hat seiner­seits wieder ganz erheb­liche Impli­ka­tionen. Es muss schnell gehen. Ist der sicherste Weg immer der schnellste Weg? Es muss möglichst kostengünstig sein. Ist der sicherste Weg immer der kostengünstigste Weg? Die alltägliche Praxis bietet viele sehr unter­schied­liche Schat­tie­rungen. Der sicherste Weg ist daher nicht immer der Weg, den Anwälte für ihren Mandanten gehen – und gehen können. Wir müssen uns einge­stehen, dass es fehler­ge­neigte Situa­tionen gibt. Termin­druck, Stress oder Komplexität: Da können Fehler noch schneller geschehen als sie einem ohnehin schon im alltäglichen Leben unter­laufen.

Bei Piloten steht Teamarbeit im Vordergrund, bei den Ärzten gilt heute: Jeder Fehler ist ein Schatz.

So weit ist die Anwalt­schaft noch nicht. Fehler werden im Regelfall alleine ausge­macht. Das ist nach meinem Eindruck erstaun­li­cher­weise auch in Sozietäten so, solange sie noch unter einer bestimmten Schwelle zu halten sind. Der Fehler wird als Haftungs­thema verstanden. Abwehren ist angesagt. Dabei kann die Kanzlei aus Fehlern lernen, sie kein zweites Mal zu machen. Es gibt den Fehler in einem Graube­reich darunter, über den sollten wir ebenfalls sprechen. Der entdeckte, nicht kommu­ni­zierte Fehler ist am gefährlichsten.

Was muss passieren?

Ein Bewusst­seins­wandel ist nötig: „Anwälte sind auch nur Menschen“ und „Irren ist menschlich.“ Die Haftungs­recht­spre­chung erwartet, dass wir Anwältinnen und Anwälte vollkommen perfekt sind. Das sind wir nicht.

Brauchen wir mehr konkrete Standards?

Ich bin bei Standards außerordentlich skeptisch. Sie gaukeln Objek­tivität vor. Ich bin überzeugt, dass Qualität ganz viel mit persönlicher Verant­wortung zu tun hat. Die Anwaltstätigkeit ist von einem persönlichen Berufs­ethos geprägt, das kann ich nicht in Standards gießen. Wir sollten darüber sprechen, wenn man dem eigenen Anspruch nicht gerecht wird.

Sollten Anwälte und Anwältinnen auf mehr Teamarbeit setzen?

Gute Teamarbeit kann helfen, Fehler zu vermeiden, und eine Fehler­kultur umzusetzen, in der über Fehler gesprochen wird. Konse­quenzen aus Fehlern zu ziehen, ist immer eine Frage der Kommu­ni­kation. Kommu­ni­kation ist immer eine Frage des Teams. Das hilft.

Was bleibt den Einzelanwälten?

Sich zu vernetzen. Das gilt fachs­pe­zi­fisch, bei der Kanzleistra­tegie, bei IT-Fragen und natürlich bei der Frage: Wie gehe ich jetzt mit einem bestimmten Fehler um? Wie kann ich mich an einer bestimmten Stelle verbessern?

Ist mehr Fortbildung nötig?

Fehler­kultur ist keine Frage der fehlenden Qualität. Wir werden immer Fehler machen. Die Anwalt­schaft bildet sich insgesamt gut und verant­wor­tungs­be­wusst fort.

Was werden Anwältinnen und Anwälte über Strategien zur Fehlervermeidung auf dem Anwaltstag lernen?

Wir werden dieses Thema aus ganz vielen unter­schied­lichen Bereichen beleuchten. Der entschei­dende Wert wird darin liegen, dass jede Anwältin, jeder Anwalt ganz konkrete Anregungen für die eigene Praxis bekommen wird – Vielfalt zeichnet den Deutschen Anwaltstag aus.

„Hochmut kommt vor dem Fall“, sagt das Sprichwort. Benötigen wir mehr professionelle Demut?

Darüber lohnt das Nachdenken. Wir Anwältinnen und Anwälte sind dieje­nigen, die im Verhältnis zu unseren Mandanten wissen, wie Recht funktio­niert. Und wir haben jahrzehn­telang diesen Schatz verwaltet, wir haben ihn gegen Honorar geteilt. Da kann natürlich eine gewisse Form von Überheb­lichkeit entstehen. „Das lassen Sie mal meine Sorge sein“, ist ein Satz der Anwälten durchaus von den Lippen kommen kann. Sie mögen gute Gründe haben. Wenn sie mit einer kompe­tenten Mandant­schaft zu tun haben, dann wäre größere profes­sio­nelle Demut schon ein Schritt zu einer Fehler­kultur. Wir müssen gar nicht mehr immer alles sofort wissen. Im Mandan­ten­gespräch ist es akzep­tiert, dass wir danach prüfen, nachdenken und überlegen müssen.


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