Einstellungsreport

Zeit ist das neue Geld - Flexible Arbeits­zeit­mo­delle im Anwalts­beruf

Digitale Start­hilfe

Bei den neuen Arbeitsabläufen helfen kann die Digita­li­sierung: Legal Tech, die elektro­nische Akte und externe Zugänge zu Intranet und Daten­banken sind für Anwältinnen und Anwälte, die in Teilzeit arbeiten, eine enorme Hilfe. Bei Pusch Wahlig kommt eine App zum Einsatz, die das Workload-Management innerhalb eines Mandats­teams erleichtern soll. Hier gibt es sogar einen „Panik-Knopf“, falls sich ein Team-Mitglied überlastet fühlt.

In der Kanzlei Baker McKenzie haben einige Associates selbst Hand angelegt und ein Compliance-Tool entwi­ckelt, welches die Arbeitslast für die Anwältinnen und Anwälte enorm verringert. Und natürlich muss auch auf „klassi­schen“ Wegen eine einwand­freie Kommu­ni­kation immer gewährleistet sein. Telefon­kon­fe­renzen, Video-Calls und regelmäßiger persönlicher Austausch sind bei flexiblen Arbeits­zeiten wichtiger denn je. So lässt sich durchaus einiges an Distanz überbrücken, wie die Kanzlei Quirmbach & Partner beweist: Ein Anwalt arbeitet in den Winter­mo­naten in Buenos Aires, eine Anwältin von Valencia aus. Wie kann das funktio­nieren? „Bei uns ist Flexi­bilität keine neuartige Entwicklung. Unsere Kanzlei ist von Anfang an so gedacht“, antwortet Rechtsanwältin Melanie Mathis.

Hier hat man durchweg gute Erfah­rungen mit verschie­densten zeitlichen und räumlichen Arbeits­zeit­mo­dellen gemacht. Trotzdem bleibt die indivi­duelle Beratung der Mandan­tinnen und Mandanten vor Ort und die Präsenz vor Gericht natürlich ein unver­zicht­barer Bestandteil der anwalt­lichen Arbeit. Der Fachanwältin für Verkehrs­recht ist das ganz recht: „Im Büro schmeckt der Kaffee immer noch am besten!“

Beim Sport (Tennis) am Laptop sitzender Mensch.
Auch Anwältinnen und Anwälte streben nach mehr Flexibilität in Sachen Arbeitszeiten.

 

Anspruch durch­setzbar?

Die Veränderungen im Bereich Flexi­bilität am Arbeits­platz sind also keine natürliche Entwicklung – sie wurden erkämpft, verhandelt und gefordert. Innovation will provo­ziert werden, sagt auch Dr. Tobias Pusch: „Im Großen und Ganzen ist die Anwalt­schaft nun mal eher konser­vativ und in dieser Hinsicht wenig experi­men­tier­freudig.“

Für Berufs­ein­stei­ge­rinnen und Berufs­ein­steiger heißt es daher, sich nicht unbedingt zufrieden zu geben, auch wenn alter­native Karrie­re­pfade oder Teilzeit modelle in vielen Kanzleien schon Gang und Gebe sind. Wenn keine der üblichen Lösungen sinnvoll erscheint, ist Kreativität und Initiative gefragt. Doch Vorsicht: Die Beweislast für effiziente und fleißige Arbeit liegt wohl immer bei denen, die nicht den ganzen Tag im Büro verbringen.

Wer seine Aufgaben außer Haus oder zu unkon­ven­tio­nellen Zeiten erledigt, muss sich gegenüber klassi­schen Büro-Platz­hir­schen wohl öfter recht­fer­tigen. Hier kann die alte Generation viel von den jungen Juris­tinnen und Juristen lernen. Doch unter einer Bedingung, erinnert Anwalt Dr. Ingo Strauß von Baker McKenzie: „Die Erwar­tungs­haltung an Anwälte, erreichbar zu sein, ist hoch. Doch es ist möglich, dies zu steuern und flexibel zu gestalten.“

Er fasst damit zusammen, was in den Gesprächen über moderne Arbeits­zeit­mo­delle oft anklingt: Solange die Mandan­tinnen und Mandanten zufrieden sind, geht eigentlich alles. Bei dieser Bedingung handelt es sich jedoch nicht um eine kleine Einschränkung, sondern um den Kern des Anwalts­berufs. Und dass bei dieser großen Verant­wortung eine Menge Arbeit anfällt, wird sich nie ändern.

Das Anwaltsblatt-Karriere-Team hat Fragebögen an zahlreiche Kanzleien gesendet.

Beteiligt haben sich an diesem Einstel­lungs­report:

  • Allen Overy
  • Baker McKenzie
  • Bird & Bird
  • Clifford Chance
  • Friedrich Graf von Westphalen
  • Gleiss Lutz
  • Hengeler Mueller
  • Noerr
  • Oppenhoff & Partner
  • Pusch Wahlig Workplace Law
  • Quirmbach & Partner
  • Simmons & Simmons
  • Taylor Wessing

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