Logo Anwaltsblatt

Einstellungsreport

Zeit ist das neue Geld - Flexible Arbeits­zeit­mo­delle im Anwalts­beruf

Schreibtisch und Fahrrad

Zwölf Stunden am Tag im Büro verbringen? Darauf hat heute niemand mehr Lust. Familie und Freizeit spielen für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger im Anwaltsberuf eine genauso wichtige Rolle wie die Karriere. Wer beides verbinden will, muss daher neue Wege gehen. Doch wie stößt man Veränderungen bei der Arbeitszeitregelung an? Und wie reagieren die Kanzleien auf diese neuen Bedürfnisse? Die Antworten auf unsere Fragen suchen wir bei Anwältinnen und Anwälten, die Entwicklungen in diesem Bereich nicht nur beobachten, sondern sie mitbestimmen.

Home-Office, Teilzeit, Flexibilität am Arbeitsplatz – in der heutigen Arbeitswelt der Anwaltschaft sind diese Begriffe schon lange keine Fremdworte mehr. Das muss auch so sein, denn Studien beweisen, dass flexible Arbeitszeiten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Studierende und Berufseinsteigerinnen wie Berufseinsteiger mittlerweile mindestens genauso wichtig sind wie die Frage nach dem Gehalt oder die beruflichen Aufstiegschancen. Auf diese Entwicklungen müssen auch Anwaltskanzleien reagieren, ob in kleinen Sozietäten oder in der großen internationalen
Wirtschaftskanzlei. So werden aus individuellen Lösungen und Absprachen zunehmend einheitlich organisierte Modelle, „Career Tracks“ und attraktive
Angebote, um junge Juristinnen und Juristen zu locken.

Dr. Tobias Pusch ist in dieser Hinsicht ein Vorreiter der Branche. In seiner Kanzlei für Arbeits­recht – „Workplace Law“ heißt es hier – beschäftigt man sich tagtäglich mit Arbeits­zeit­re­ge­lungen und Innova­tionen rund um das Verhältnis von Arbeit­gebern und Arbeit­nehmern. Selbst­verständlich macht man bei Pusch Wahlig in dieser Hinsicht keine Ausnahme für die eigenen Leute. „Der Bewer­ber­markt hat Veränderungen im Bereich der Arbeits­zeit­mo­delle eindeutig verlangt. Sie sind also eine Reaktion auf die Bedürfnisse der Generation X“, erzählt uns der Anwalt im Interview. Das Entge­gen­kommen bei diesen Wünschen lohnt sich nicht nur für den guten Ruf und die Auszeich­nungen, die seine Kanzlei für ihre Fortschritt­lichkeit auf diesem Gebiet bereits erhalten hat. Teilzeit ist hier kein Selbst­zweck: Eine gesunde Work- Life-Balance führt zu einem besseren Klima am Arbeits­platz. Diese Begeis­terung für die anwalt­liche Tätigkeit setzt sich direkt in Produk­tivität um. Von diesem Phänomen berichtet auch Melanie Mathis, Partnerin bei der Kanzlei Quirmbach & Partner in Montabaur: „Das Gleich­ge­wicht von Arbeit und Leben ermöglicht die besondere Identi­fi­kation mit unserer Kanzlei. Und wer sich mit der Kanzlei identi­fi­ziert, arbeitet so gut wie er oder sie kann.“

Eine Frau tanzt balancierend auf einem Bein auf einer Straße.
Work-Life-Balance: Innovative Arbeitszeitmodelle sind auch im Anwaltsberuf die Zukunft.

 

Flexi­bilität wird zur Routine

Die vollumfängliche Unterstützung von Elternzeit und Teilzeitmodellen sowie individuelle Absprachen zu Zeit und Ort der Arbeit gehören mittlerweile zum Tagesgeschäft in den Personalabteilungen großer Anwaltskanzleien. Egal ob nur 20 oder doch 90 Prozent der Arbeitszeit, die flexiblen Lösungen werden mittlerweile von Berufsanfängern, Anfängerinnen und Erfahrenen gleichsam regelmäßig und gerne in Anspruch
genommen, teilt die Wirtschaftskanzlei Noerr mit. Hier heißt das Konzept: „Full- Service-Kanzlei“ – und dieser Begriff bezieht sich nicht auf die Mandantschaft. Mittlerweile arbeiten fast ein Fünftel aller Anwältinnen und Anwälte bei Noerr in Teilzeit – immer mehr schaffen es trotzdem bis in die höchste Ebene der Partnerschaft.

Das Angebot der Kanzleien geht heute schon weit über herkömmliche Teilzeit oder die Möglichkeit eines Sabbaticals hinaus, denn hervorragende Bewerberinnen und Bewerber lassen sich mittlerweile nicht mehr mit dem „Standardprogramm“ locken. Bei Hengeler Mueller etwa werden an einigen Standorten Kita-Plätze zur Verfügung gestellt, in zahlreichen Kanzleien ist es ganz selbstverständlich möglich, in Betreuungsnotfällen ein Eltern-Kind-Büro in Anspruch zu nehmen. Aber Familie ist längst nicht mehr der einzige anerkannte Grund, im Job etwas kürzer zu treten. Anwältinnen und Anwälte wollen reisen, mehr Zeit für ihre Hobbies oder den Sport haben, sich politisch engagieren oder akademisch weiterbilden. Auch deshalb ist
Teilzeit längst kein reines Frauenthema mehr. In unserer Umfrage bezeichneten fast alle befragten Kanzleien das Thema Arbeitszeitmodelle als gleich relevant für Frauen und Männer. Obwohl rein statistisch der Anteil an Frauen in Teilzeitmodellen immer noch recht deutlich überwiege, sei das Thema geschlechterunabhängig in den Büro-Etagen der deutschen Anwaltschaft angekommen. Bei dem Bestreben, diese Etagen weiblicher zu gestalten, kann eine gesteigerte Akzeptanz für flexible Arbeitszeitmodelle sicherlich helfen.

Anzugschuhe und Turnschuhe stehen sich gegenüber.
Turnschuh oder Lackschuhe? Auch als Anwältin oder Anwalt will man Beruf Familie und Freizeit ohne schlechtes Gewissen in Einklang bringen. (istock.com/deepblue4you)

Innova­tionen haben ihren Preis

Doch wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Natürlich sind die Veränderungen hin zu mehr Teilzeit und flexibleren Arbeits­mo­dellen auch eine große Heraus­for­derung für die Arbeitsabläufe der Kanzleien. Im Gespräch erfahren wir, wie man diese Schwie­rig­keiten umgeht. Projekte und Struk­turen lassen sich von Anfang an so planen, dass die Flexi­bilität mitge­dacht wird. Konkret bedeutet das, ein Team zusam­men­setzen, bei dem garan­tiert werden kann, dass Aufga­ben­ver­teilung, Kommu­ni­kation und Erreich­barkeit klar verteilt und für den Mandanten garan­tiert sind. Denn bei aller Veränderung: In der Anwalt­schaft bleibt höchste Priorität, in kürzester Zeit und auf höchstem Niveau auf Anfragen und Probleme der Mandan­tinnen und Mandaten zu reagieren.

Gerade in größeren Kanzleien bedeutet „Teilzeit“ für die Anwältinnen und Anwälte deshalb noch immer einen zeitlichen Aufwand, den man in anderen Branchen wohl als Vollzeit bezeichnen würde. Und trotzdem sieht Dr. Tobias Pusch auch bei der Teilzeit Grenzen: „Wenn es brennt, muss die Arbeit auch gemacht werden. Zu viel Teilzeit­arbeit ist daher für eine Kanzlei mit großer Verant­wortung eine Heraus­for­derung.“ Auch Dr. Oliver Bertram von der Großkanzlei Taylor Wessing berichtet von Hinder­nissen, aller­dings eher auf der anderen Seite: „Die eigent­liche Heraus­for­derung ist der Mandant, der es oftmals nicht akzep­tiert, mit zwei Ansprech­partnern zu arbeiten, die sich in wechsel­sei­tigen Abwesen­heits­zeiten vertreten.“ Doch das beruht wohl vor allem auf Gewohnheit. Wenn flexible Arbeitszeit lösungen sich zunehmend kanzlei- und rechts­ge­bietsübergreifend als produktiv erweisen und der Service für Mandan­tinnen und Mandaten nicht darunter leidet, wird sich auch die Begrüßung solcher Modelle auf Mandan­ten­seite bald einstellen.

Digitale Start­hilfe

Bei den neuen Arbeitsabläufen helfen kann die Digita­li­sierung: Legal Tech, die elektro­nische Akte und externe Zugänge zu Intranet und Daten­banken sind für Anwältinnen und Anwälte, die in Teilzeit arbeiten, eine enorme Hilfe. Bei Pusch Wahlig kommt eine App zum Einsatz, die das Workload-Management innerhalb eines Mandats­teams erleichtern soll. Hier gibt es sogar einen „Panik-Knopf“, falls sich ein Team-Mitglied überlastet fühlt.

In der Kanzlei Baker McKenzie haben einige Associates selbst Hand angelegt und ein Compliance-Tool entwi­ckelt, welches die Arbeitslast für die Anwältinnen und Anwälte enorm verringert. Und natürlich muss auch auf „klassi­schen“ Wegen eine einwand­freie Kommu­ni­kation immer gewährleistet sein. Telefon­kon­fe­renzen, Video-Calls und regelmäßiger persönlicher Austausch sind bei flexiblen Arbeits­zeiten wichtiger denn je. So lässt sich durchaus einiges an Distanz überbrücken, wie die Kanzlei Quirmbach & Partner beweist: Ein Anwalt arbeitet in den Winter­mo­naten in Buenos Aires, eine Anwältin von Valencia aus. Wie kann das funktio­nieren? „Bei uns ist Flexi­bilität keine neuartige Entwicklung. Unsere Kanzlei ist von Anfang an so gedacht“, antwortet Rechtsanwältin Melanie Mathis.

Hier hat man durchweg gute Erfah­rungen mit verschie­densten zeitlichen und räumlichen Arbeits­zeit­mo­dellen gemacht. Trotzdem bleibt die indivi­duelle Beratung der Mandan­tinnen und Mandanten vor Ort und die Präsenz vor Gericht natürlich ein unver­zicht­barer Bestandteil der anwalt­lichen Arbeit. Der Fachanwältin für Verkehrs­recht ist das ganz recht: „Im Büro schmeckt der Kaffee immer noch am besten!“

Beim Sport (Tennis) am Laptop sitzender Mensch.
Auch Anwältinnen und Anwälte streben nach mehr Flexibilität in Sachen Arbeitszeiten.

 

Anspruch durch­setzbar?

Die Veränderungen im Bereich Flexi­bilität am Arbeits­platz sind also keine natürliche Entwicklung – sie wurden erkämpft, verhandelt und gefordert. Innovation will provo­ziert werden, sagt auch Dr. Tobias Pusch: „Im Großen und Ganzen ist die Anwalt­schaft nun mal eher konser­vativ und in dieser Hinsicht wenig experi­men­tier­freudig.“

Für Berufs­ein­stei­ge­rinnen und Berufs­ein­steiger heißt es daher, sich nicht unbedingt zufrieden zu geben, auch wenn alter­native Karrie­re­pfade oder Teilzeit modelle in vielen Kanzleien schon Gang und Gebe sind. Wenn keine der üblichen Lösungen sinnvoll erscheint, ist Kreativität und Initiative gefragt. Doch Vorsicht: Die Beweislast für effiziente und fleißige Arbeit liegt wohl immer bei denen, die nicht den ganzen Tag im Büro verbringen.

Wer seine Aufgaben außer Haus oder zu unkon­ven­tio­nellen Zeiten erledigt, muss sich gegenüber klassi­schen Büro-Platz­hir­schen wohl öfter recht­fer­tigen. Hier kann die alte Generation viel von den jungen Juris­tinnen und Juristen lernen. Doch unter einer Bedingung, erinnert Anwalt Dr. Ingo Strauß von Baker McKenzie: „Die Erwar­tungs­haltung an Anwälte, erreichbar zu sein, ist hoch. Doch es ist möglich, dies zu steuern und flexibel zu gestalten.“

Er fasst damit zusammen, was in den Gesprächen über moderne Arbeits­zeit­mo­delle oft anklingt: Solange die Mandan­tinnen und Mandanten zufrieden sind, geht eigentlich alles. Bei dieser Bedingung handelt es sich jedoch nicht um eine kleine Einschränkung, sondern um den Kern des Anwalts­berufs. Und dass bei dieser großen Verant­wortung eine Menge Arbeit anfällt, wird sich nie ändern.

Das Anwaltsblatt-Karriere-Team hat Fragebögen an zahlreiche Kanzleien gesendet.

Beteiligt haben sich an diesem Einstel­lungs­report:

  • Allen Overy
  • Baker McKenzie
  • Bird & Bird
  • Clifford Chance
  • Friedrich Graf von Westphalen
  • Gleiss Lutz
  • Hengeler Mueller
  • Noerr
  • Oppenhoff & Partner
  • Pusch Wahlig Workplace Law
  • Quirmbach & Partner
  • Simmons & Simmons
  • Taylor Wessing

Zurück