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Frauen auf der Überholspur: Wie verändert das die Anwalt­schaft?

Die nachrückenden Anwalts­no­ta­rinnen und Anwalts­notare sind nicht nur deutlich jünger – sie sind auch zu einem Drittel weiblich. Auffällig ist, dass die Zahl der Anwalts­notare zwar von 2016 auf 2017 gesunken ist. Aber die Zahl der Anwalts­no­ta­rinnen ist von 775 auf 833 gestiegen. Laut Uwe Jürgen Fischer, Rechts­anwalt und Notar in Berlin und Vorsit­zender der Arbeits­ge­mein­schaft Anwalts­no­tariat, liegt das unter anderem daran, dass Frauen das bessere Examen schreiben.

Die Examensnote wird mit der Notarprüfung verrechnet. Das sei aber nicht der einzige Grund: „Im Anwalts­be­reich kommt der Termin­druck von außen“, sagt er. „Im Notariat bestimmt jeder seinen Takt selbst.“ Das Notariat biete eine ausge­gli­chenere work-life-balance und somit gute Voraus­set­zungen für die Gründung einer Familie.

Zudem ist der Stundenlohn häufig höher. „Da macht sich die Betreuung leichter, als wenn Sie in einer Anwalts­kanzlei sitzen und auf Mandanten warten“, sagt Fischer.

Am belieb­testen unter Frauen sind zwar insgesamt die Fachan­walt­schaften Famili­en­recht (5.490 Fachanwältinnen), gefolgt von Arbeits­recht (2.982 Fachanwältinnen). Auffällig ist neuer­dings das große Interesse an Unter­nehmen. Insgesamt arbeiten 6.129 Frauen zugleich als Rechtsanwältin und Syndi­kus­rechtsanwältin.

55 Prozent der Syndi­kus­rechtsanwälte ohne Zulassung als nieder­ge­las­sener Anwalt (1.577 Anwältinnen) sind weiblich. Das liegt zum einen daran, dass es die spezi­fische Zulassung als Syndi­kus­rechts­anwalt erst seit 2016 gibt. Zum anderen sei die Tätigkeit im Unter­nehmen vor allem für Menschen, die Familien gründen wollen, inter­essant, meint Dr. Clarissa Freun­dorfer, Syndi­kus­rechtsanwältin bei der Deutschen Bahn und Vorsit­zende der Arbeits­ge­mein­schaft Syndi­kusanwälte im DAV.

„Die Arbeits­zeiten sind häufig flexibler als in Kanzleien“, erklärt Freun­dorfer. „Unter­nehmen bieten häufig mehr Möglich­keiten, in Teilzeit zu arbeiten, und auch das Nutzen von Elternzeit ist dort kein Makel.“

Work-life-Balance ist längst kein Frauenthema mehr

Freun­dorfer geht aber nicht davon aus, dass der Anteil der Anwältinnen in Unter­nehmen in Zukunft exponen­tiell steigt. Denn Work-life-Balance sei längst kein Frauenthema mehr und auch Männer gingen zunehmend in Elternzeit. Die Syndi­kus­rechtsanwältin glaubt auch nicht, dass mit einer steigenden Anzahl von Frauen in der Anwalt­schaft das Niveau der Gehälter insgesamt sinke.

Der Wettbewerb um die Talente sei weiterhin hoch. Aber: „Der steigende Anteil von Frauen in der Anwalt­schaft wird die Arbeits­be­din­gungen nachhaltig verändern“, sagt sie.

Die ersten Veränderungen hat Dr. Alexandra Nöth, Vorsit­zende der AG Anwältinnen, bereits im Laufe ihrer Karriere erfahren. Als sie ihr viertes Kind bekam, gab es bereits private Kinder­ta­gesstätten und die Schulen hatten sich auf berufstätige Eltern einge­stellt. Heute kann die Ausbildung zum Fachanwalt um die Erzie­hungszeit verlängert werden.

Anwältinnen haben die Möglichkeit, kurzzeitig Sprin­ge­rinnen für die Phase um die Geburt zu organi­sieren. Denn Elternzeit oder Arbeit in Teilzeit sei gerade für Selbstständige immer noch schwierig, so Nöth – weil die Mandanten erwar­teten, dass sie ihre Anwältin jederzeit erreichten. „Deshalb sollten Frauen auch die Mandanten diszi­pli­nieren“, rät sie.

Frauen müssten sich in der Anwalt­schaft vieles erkämpfen. Zwar würden derzeit mehr Frauen als Männer zugelassen. „Aber zugleich wechseln mehr Frauen in die Justiz, in Unter­nehmen oder in Behörden“, gibt Nöth zu bedenken. Dort hätten sie Anspruch auf Urlaub, müssten nicht während einer Krankheit arbeiten und könnten auch mal ein Jahr pausieren. „Die Rahmen­be­din­gungen für Anwältinnen und Anwälte und für ihre Renos müssen sich ändern, damit wir nicht noch mehr Frauen verlieren“, sagt sie. Nöth zieht die Kanzleien in die Verant­wortung – aber auch die Frauen selbst.

„Um an der Front stand­zu­halten, gibt es Mecha­nismen, die man erlernen kann“, sagt sie. Zum Beispiel Kurse, in denen Frauen lernen, sicher zu stehen, auch in Stress­si­tua­tionen tief zu atmen, vor Gericht mit kräftiger Stimme zu sprechen und unange­messene Sprüche männlicher Kollegen zu kontern.

Nöth engagiert sich auch für Seilschaften zwischen Frauen. Anwältinnen aus verschie­denen Rechts­ge­bieten organi­sieren sich in Netzwerken, wo sie die Möglichkeit haben, sich gegen­seitig um Rat zu fragen und sich Jobs als Referen­tinnen zu vermitteln – zum Beispiel im Rahmen des Mento­rin­nen­pro­gramms der Arbeits­ge­mein­schaft Anwältinnen.

Im Rahmen des DAV-Projekts „Anwältinnen und Anwälte in die Schulen“ besuchen Anwältinnen regelmäßig Klassen – und zeigen den Schülerinnen, dass es möglich ist, Mutter zu sein und zugleich Anwältin.

Insgesamt biete die Selbstständigkeit im Anwaltsjob auch Vorteile: „Wer frei ist, kann auch mal einen Mandanten ablehnen und sich seine Fortbil­dungen selbst aussuchen“, sagt sie.

Und selbst in kleinen Kanzleien, ohne Kita, ohne Möglichkeit, ein Jahr zu pausieren, ließe sich mit wenig Mitteln viel erreichen. „Dann nimmt man das Kind eben einfach mit“, sagt Nöth. „Und arbeitet nicht von 9 bis 18 Uhr, sondern flexibel.“


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