Portrait

Gudrun Doering-Striening: Es geht ums Zuhören

In ihrer Kanzlei erfährt Dr. Gudrun Doering-Striening viel über menschliche Schicksale. Um ihren Mandanten zu helfen reicht es bei Weitem nicht aus, sich nur mit einem Rechtsgebiet auszukennen.

 

  • 1976 – 1982_____Studium in Bochum und Frankfurt am Main
  • 1982 /1983_____Referendariat OLG Frankfurt am Main
  • 1983 – 1986_____ wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für öffentliches Recht in Frankfurt am Main
  • 1987 – 1989_____Fortsetzung des Referendariats OLG Hamm
  • Seit 1989_______selbstständige Rechtsanwältin,
  • Seit 1993_______Fachanwältin für Sozialrecht,
  • Seit 1997_______Fachanwältin für Familienrecht
  • 2004 – 2012_____stellvertretende Vorsitzende des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Sozialrecht im DAV
  • Seit 2005_______Dozentin im Sozial-, Erb- und Familienrecht, unter anderem für die Deutsche Anwaltakademie
  • 2009___________Mitinitiatorin des Deutschen Seniorenrechtstages der Arbeitsgemeinschaft Sozialrecht im DAV
  • 2010 – 2011_____Mitglied am Runden Tisch „Sexueller Missbrauch“ als Vertreterin für den Deutschen Anwaltverein; 2012 bis 2017 Mitglied im Fachbereich des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs
  • 2014___________Auszeichnung durch den DAV mit dem Ehrenzeichen der Deutschen Anwaltschaft (AnwBl 2014, 744)

 

 

Ein Wohnzimmer eher. Oder eine Thera­pie­praxis. Aber eine Anwalts­kanzlei? Niemand würde den gemütlichen Raum mit den niedrigen Sesseln, dem weichen Teppich und den impres­sio­nis­ti­schen Bildern in einer Kanzlei verorten. Doch genau da ist er: mitten im Essener Szene­viertel Rüttenscheid, im zweiten Stock eines unschein­baren Miets­hauses, in der Kanzlei von Gudrun Doering-Striening. „Hier bin ich auf Augenhöhe mit meinen Mandanten“, sagt die Anwältin und lehnt sich in einem der Sessel zurück. Hier sei der Raum für die emotio­na­leren Dinge.

Wenn es um Gerech­tigkeit nach einem Schei­dungs­krieg geht, um die Aufteilung des Vermögens nach dem Tod oder die körperliche Gewalt, die eine Mandantin oder ein Mandant erfahren hat, dann seien das Themen, deren Zusammenhänge komplexer sind als die pure Rechtslage sie beschreiben. Im Laufe ihrer 29 Berufs­jahre sei dieses Zimmer einfach so entstanden. Eine natürliche Konse­quenz aus ihren Erfah­rungen als Rechtsanwältin, die sich lange im Opfer­recht bewegt hat, Fachanwältin für Famili­en­recht und für Sozial­recht geworden ist und heute das Senio­ren­recht entwi­ckelt.

 

Ich kann die Menschen nicht heilen, aber ich kann sie aus ihrer Opferrolle holen.

 

„Ich bin keine Thera­peutin“, sagt die 61-Jährige und lacht, als würde sie das oft gefragt werden. Darum geht es nicht. Es geht um den etwas anderen Zugang zum Menschen im Mandanten, um die Frage: Was braucht er eigentlich? Dass ihre Reise sie einmal in emotio­nalere Rechts­ge­biete führen würde, hätte sie als Studentin noch nicht gedacht. Mit 21 Jahren engagiert sie sich zwar ehren­amtlich im Weissen Ring, doch ihre Tätigkeit als ehren­amt­liche Außenstel­len­lei­terin in der Hilfs­or­ga­ni­sation für Krimi­nalitätsopfer gibt sie noch während des Studiums auf. „Das hätte für mich ein Geschmäckle gehabt“, sagt sie. Der Verdacht, zukünftige Mandanten über eine Hilfs­or­ga­ni­sation zu rekru­tieren, wäre zu naheliegend gewesen. „Vermi­schen sich privates Engagement und Beruf, kommt das gar nicht gut an.“

Doch ihre Zeit mit den Opfern von Sexual­straf­taten, Missbrauch und Überfall lässt sich auch nicht verdrängen. Sie will mehr erfahren über das Thema und belegt das Fach Vikti­mo­logie, das Anfang der 1980er Jahre noch in den Kinder­schuhen steckt. Das Wohl der Opfer, merkt sie, spielt im Rechts­system eine erschre­ckend geringe Rolle. Kommt ein Täter ins Gefängnis, wird die Akte geschlossen. Dass dem trauma­ti­sierten Opfern damit nicht geholfen ist, wird nicht thema­ti­siert. Sie fokus­siert ihr Studium auf Straf-, speziell Opfer-, und Sozial­recht und promo­viert zum Thema „Opferentschädigungs­recht“ an einem Lehrstuhl für öffent­liches Recht.

Das öffent­liche Recht dominiert die Referendarzeit und der Weg zum Fachanwalt für Verwal­tungs­recht scheint vorge­zeichnet. Es ist 1989 und Vermögen und Immobilien aus der DDR müssen auf die ursprünglichen Eigentümer übertragen werden. „Das war histo­risch gesehen spannend“, sagt sie. Mehr ist es dann auch nicht. Wie an einem unsicht­baren roten Faden wird sie wieder in Richtung Mensch und Schicksal gezogen. In einem Verge­wal­ti­gungs­prozess fällt ein Neben­kla­ge­ver­treter aus – das ist ihr Auftritt. Sie schafft es, dass das trauma­ti­sierte Opfer nicht vor Gericht aussagen muss und trotzdem zu seinem Recht kommt. Von da an steht Doering-Striening immer häufiger im Gericht. Der Gerichtsaal wird so etwas wie ihr Zuhause. Neue Rechts­ge­biete sind gefragt, um umfassend beraten und helfen zu können, zum Beispiel das Famili­en­recht wegen der häuslichen Gewalt. „Wenn das Problem einen engagierten Famili­en­rechtler braucht, dann muss man einer sein“, erklärt Doering-Striening ihren Weggang aus dem öffent­lichen Recht.


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