Kommentar

Hidden Champions in unseren Kanzleien

Die Anwalts­ge­hilfin als Schreib­kraft hat ausge­dient. Viele Anwältinnen und Anwälte ahnen gar nicht, was für ein Potenzial in ihren Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beitern steckt.

Stellen Sie sich, liebe Kolle­ginnen und Kollegen, mal folgendes vor: In einer laufenden Sache ist von „lawful limitation period“, „regular prescription period“ oder „general statute of limitation“ die Rede und Sie wissen nicht auf Anhieb den Unter­schied. Was machen? Sie könnten bei Google suchen oder das Deutsch-Englisch-Wörterbuch „Dietl/Lorenz“ zu Rate ziehen. Oder vielleicht Ihre Azubi im dritten Lehrjahr fragen. Sie wird mit hoher Wahrschein­lichkeit den Unter­schied zwischen gesetz­licher, regelmäßiger und allge­meiner Verjährungs­frist wissen. Hand aufs Herz, hätten Sie gewusst, dass Vertrag­seng­lisch und auch die Kenntnis von engli­schen Rechts­be­griffen zum Prüfungs­stoff für Rechts­an­walts- und Notar­fachan­ge­stellte gehört?

Die Beispiele könnten beliebig fortge­setzt werden. Wer notiert denn in einer Kanzlei Gerichts­termine verlässlich, weiß wann wogegen eine „befristete Erinnerung“ einzu­legen ist, wie man am besten und am schnellsten ein vorläufiges Zahlungs­verbot an mehrere Dritt­schuldner gleich­zeitig zugestellt bekommt oder einen Mehrver­gleich abrechnet? Wer hält einem lästige Mandanten vom Leib und weiß, wann ein Mandant wirklich ein so großes Problem hat, dass er wirklich „sofort“ zum Anwalt durch­ge­stellt werden muss? Es sind unsere gut ausge­bil­deten und verlässlichen Angestellten in unseren Sekre­ta­riaten. Sie tragen auch Sorge dafür, dass wir beruhigt in den Urlaub fahren können und wissen „Zuhause brennt nichts an“.

Vielleicht ahnen wir manchmal gar nicht, was für ein Potenzial in unseren Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beitern schlummert. Vielleicht wertschätzen wir diese Loyalität und das Fachwissen manchmal auch nicht genug – auch finan­ziell. Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass es immer schwie­riger wird Auszu­bil­dende zu finden. Und das kann man auch teilweise verstehen. Ein Grund: Sowohl die Ausbil­dungsvergütung als auch die Angestellt­engehälter sind bisweilen jenseits von Gut und Böse und sicher nicht geeignet „Begeis­terung“ für den Beruf hervor­zu­rufen.

Keine Legende, sondern Realität, ist es, dass man in Unter­haltssachen immer wieder diktiert, wenn der geschie­denen Ehefrau ein fiktives Einkommen angerechnet werden soll „auch als ungelernte Kraft könnte die Antrag­stel­lerin sich zum Beispiel als Putzfrau verdingen und dort auf 450 Euro-Basis einem Stundenlohn von 10 bis 12 Euro verdienen“. Welcher Hohn muss dies für die Mitar­bei­terin sein, die als top ausge­bildete Rechts­an­walts­fachan­ge­stellte zu einem niedri­geren Stundenlohn dieses Diktat schreibt. Sorgen wir also alle gemeinsam dafür, dass wir auch in Zukunft Anreize für eine Ausbildung und spätere Beschäftigung in unseren Kanzleien schaffen. Nicht nur durch eine leistungs­ge­rechte Bezahlung, sondern vor allem auch durch Vertrauen und Wertschätzung. Denn wir brauchen keine Gehilfen, sondern ausge­bildete Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beiter, die gut und gerne bei, mit und für uns arbeiten.


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