Interview

Doris Kindermann - In meinem Beruf bin ich glücklich

Anwältinnen und Anwälte arbeiten nicht nur als Anwältin oder Anwalt. Um den Anwaltsberuf herum gibt es viele Tätigkeiten, die ziemlich viel mit Jura zu tun haben, für die aber niemand zwei Staatsexamina braucht. Insolvenzverwaltung oder Testamentsvollstreckung gehören dazu, auch die Betreuung. Mancher mag stutzen: Ist das nicht ganz hinten im BGB, wo aus dem Familienrecht schon fast das Erbrecht wird? Genau.

 

Betreu­ungs­recht: Mitten im Leben stehen und anderen den Rücken freihalten

Zur Person

Rechtsanwältin Doris Kindermann startete in Hamburg 1986 mit dem Jura-Studium im Fachbereich 17 der Universität Hamburg, an dem ursprünglich aufgrund einer Experimentierklausel im Deutschen Richtergesetz aus dem Jahre 1971 eine einstufige Juristenausbildung (mit nur einem großen Staatsexamen) ausprobiert wurde. Das erste Staatsexamen – nach Auslaufen der Experimentierklausel – legte sie 1993 ab. Danach absolvierte sie das Referendariat in Hamburg und London von 1995 bis 1997. Nach dem Zweiten Staatsexamen gründete sie 1997 die Sozietät Kindermann & Prange in Hamburg. Ihre Schwerpunkte sind das Betreuungsrecht und Sozialrecht.

Berufsbetreuung

Berufsbetreuer kann wirklich jeder werden. Warum sich durch zwei juristische Examina durchkämpfen?

Weil die Betrof­fenen uns brauchen.

Warum brauchen die Betroffenen gerade Anwältinnen und Anwälte in der Berufsbetreuung?

Es ist tatsächlich so, dass selbst meine Schwester zu mir gesagt hat: „Wieso? Das kann doch jeder machen.“ Aber das stimmt nicht. Wenn ein Mensch in einer Lebens­si­tuation ist, in der er die eigenen Angele­gen­heiten nicht mehr regeln kann, wird es in originär recht­lichen Bereichen schnell schwierig. Ohne juris­tische Kennt­nisse ist es nicht möglich, die Inter­essen der Betref­fenden angemessen wahrzu­nehmen. Es gibt natürlich Betreu­ungen, die so einfach sind, dass sie jeder machen kann. Die werden an ehren­amt­liche Betreuer verteilt.

 

Was ist denn eine einfache Betreuung?

Eine freund­liche alte Dame, die ein gutes Einkommen hat, im Heim lebt, und deren Rente, die im Idealfall direkt auf das Konto des Heimes fließt, bedarfs­de­ckend ist. Bei dieser Betreuten sitzt man eigentlich nur am Bett, spielt mal„ Mensch ärger dich nicht“, schreibt ab und an mal einen kleinen Höherstu­fungs­antrag an die Pflege­kasse, der auch sofort bewilligt wird, weil man so viel Unterstützung von dem Pflegeheim hat.

Und die Wirklichkeit?

Der Regelfall läuft eher so: Sie übernehmen eine Betreuung eines alten Menschen, der vielleicht gerade nicht kranken- oder pflege­ver­si­chert ist, der im Krankenhaus ist, aber bis auf weiteres nicht in die Häuslichkeit zurück kann, bei dem vielleicht auch zwei Mieten nicht gezahlt sind, das Konto gepfändet wurde, ein Pflegeheim gesucht wird und keiner weiß, wer es bezahlen soll. Natürlich will der Betref­fende aber möglichst bald in seine langjährige Wohnung zurückkehren und sie keines­falls aufgeben. Als Betreuer steht man dann vor der Situation, dass das Krankenhaus sagt: „Wir müssen den entlassen, bitte kümmern Sie sich.“

Und was können Anwältinnen und Anwälte jetzt besonders gut in der Berufsbetreuung?

Sich im Umgang mit Sozialämtern, Kranken­kassen und gegebe­nen­falls auch Angehörigen durch­setzen. Anwälten fällt es leichter als anderen Berufs­gruppen, die Lebens­sach­ver­halte der Betrof­fenen zu analy­sieren, ihre Bedürfnisse mit recht­lichen Ansprüchen zu synchro­ni­sieren und gegebe­nen­falls auch gegen mögliche Widerstände durch­zu­setzen.

Und was können Sozialpädagogen oder Altenpfleger besonders gut in der Berufsbetreuung?

Das ist ja eine Jedermann-Aufgabe. Sozialpädagogen und Psycho­logen sind keine Jedermänner. Wir haben es auch mit Menschen zu tun, die schwere psychische Störungen haben: Wahnvor­stel­lungen, Hallu­zi­na­tionen, Persönlich­keitsstörungen. Sie sind manchmal extrem misstrauisch, leben zurückgezogen. Jedermann sind die Ehren­amt­lichen, die – häufig nachdem die Kinder aus dem Haus sind – noch mal ein bisschen was Soziales machen wollen, aber nicht damit Geld verdienen müssen. Sie betreuen die alte Dame, die im Pflegeheim ist, oder einen alten Herrn. Ich erlebe hier in Hamburg, dass die Betreu­ungs­stellen ihr Personal ganz gut kennen. Man darf durchaus als Betreuer Wünsche äußern. Die Betreu­ungsbehörde weiß zum Beispiel bei mir, dass ich mit Menschen mit bipolaren Störungen oder mit Psycho­tikern zusam­men­ar­beite, oder auch mit Menschen mit Persönlich­keitsstörungen wie dem Messie-Syndrom. Man bekommt mit der Zeit ein Händchen dafür. Das funktio­niert manchmal sehr gut – und manchmal funktio­niert es auch gar nicht.

Die Betreuung findet in Feldern wie Gesundheit, Vermögen, Behörden, Heim und Wohnen statt. Wie viel Nicht-Jura steckt denn im Betreuungsrecht?


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