Zweites Staats­examen

Klausur­taktik - Grund­regeln für die erfolg­reiche Klausur im Zweiten Staats­examen

Klausurenschreiben kann eine Kunst sein. Wenn vor lauter Detailkenntnissen der Überblick verloren geht, wird es Zeit, sich die Spielregeln des Klausurenschreibens in Erinnerung zu rufen – erst recht, weil im Zweiten Examen anders gespielt wird als in der ersten Prüfung. Der Autor – Rechtsanwalt bei Freshfields Bruckhaus Deringer LLP – teilt seine Erfahrungen: Er versorgt Examenskandidaten mit Tipps und Tricks für die optimale Klausurtechnik im Zweiten Examen. Wie gehe ich mit einer „Münzwurfklausur“ um? Warum sind Gesetzeskommentare nicht immer der rettende Anker? Wie setze ich das „Echo-Prinzip“ um? Warum sind Formalien so wichtig? Und warum ist von einer „Notklausurlösung“ eher abzuraten? Noch ein letzter Tipp der Redaktion: Das Skript gleich nach dem Ersten Staatsexamen das erste Mal lesen. Es wird sich lohnen.

Rechts­anwalt Dr. Daniel Schnabl, LL.M. (Miami) ist Partner im Frank­furter Büro der Kanzlei Fresh­fields Bruckhaus Deringer LLP im Bereich Dispute Resolution. Schwer­punkte seiner anwalt­lichen Tätigkeit sind nationale und inter­na­tionale Zivil­pro­zesse und Schieds­ver­fahren einschließlich Inves­ti­ti­onss­trei­tig­keiten. Er ist zudem auch als Schieds­richter in Schieds­ver­fahren tätig. Er ist mitver­ant­wortlich für die Referen­dar­aus­bildung im Bereich Dispute Resolution am Standort Frankfurt a.M. und war in der Vergan­genheit auch als Repetitor für ein großes deutsches Repeti­torium tätig. 

 

Ebenso wie im Ersten Staatsexamen hängt auch der Erfolg im Zweiten Staatsexamen zu einem entscheidenden Teil von der Fähigkeit ab, überdurchschnittlich gute Klausuren zu schreiben.1 Maßgeblich für diese Fähigkeit ist insbesondere eine gute Klausurtechnik.2 Auch im Zweiten Staatsexamen wird dies zuweilen vernachlässigt und wertvolle Punkte gehen ohne Not verloren.

Mehr noch als im Ersten Staatsexamen gilt der Rat, so viele Klausuren wie möglich zu schreiben. Mit zunehmender Anzahl geschriebener Klausuren gewinnt man ein Gefühl für die gängigen Klausurtypen im Zweiten Staatsexamen, eine Vorstellung davon, was die Prüfer erwarten3 sowie eine gewisse Routine in der Umsetzung der geforderten praktischen Arbeitsteile. Dies gibt Sicherheit, die in der Prüfungssituation im Zweiten Staatsexamen entscheidend sein kann. Wer nicht schon von der formalen Art der Aufgabenstellung überrascht wird, kann sich schließlich ganz auf die inhaltliche Umsetzung seiner Klausurlösung konzentrieren.

Insofern können und sollen die nachstehenden Grundregeln und Tipps keinesfalls die Teilnahme an einem Klausurenkurs ersetzen. Anliegen dieses Büchleins ist es vielmehr, die Erfahrungen des Verfassers weiterzugeben und so eine mögliche Hilfestellung für den Weg zum Klausurerfolg zu bieten. Der Beitrag richtet sich damit primär an Referendare aber auch an Studenten, die sich früh­zeitig einen ersten Überblick über die Klausurtechnik im Zweiten Staatsexamen im Vergleich zu der im Ersten Staatsexamen4 verschaffen wollen. Der Beitrag ist an den Gegebenheiten im Bundesland Hessen ausgerichtet, jedoch weitgehend auf die nördlichen Bundesländer übertragbar und mit entsprechenden Hinweisen zu den Besonderheiten der südlichen Bundesländer versehen.

I. Richtige Analyse des Aktenstücks

Bereits die richtige Analyse des Aktenstücks ist entscheidend. Die Anfor­de­rungen sind hier deutlich höher als im Ersten Staats­examen. Das Aktenstück im Zweiten Staats­examen ist im Gegensatz zum Klaus­ur­sach­verhalt im Ersten Staats­examen nicht bereits auf das ausschließlich rechtlich Relevante reduziert. Die Erarbeitung des rechtlich zu bewer­tenden Sachver­halts aus den bis zu zwanzig Seiten umfas­senden Aktenstücken ist vielmehr Teil der Aufgabe im Zweiten Staats­examen. Bereits hier unter­laufen nicht selten Fehler.

1. Bearbei­ter­vermerk

Als erster Arbeits­schritt sollte der Bearbei­ter­vermerk zweimal gründlich gelesen werden. Die Bearbei­ter­ver­merke im Zweiten Staats­examen sind deutlich umfang­reicher als im Ersten Staats­examen und umfassen nicht selten eine ganze Seite der Klausur­vorlage. Dement­spre­chend enthalten sie auch deutlich mehr Arbeits­an­wei­sungen, Hinweise und Einschränkungen. Die Durch­arbeit eines umfang­reichen Aktenstücks, ohne bereits zu wissen, welche Aufgabe auf dessen Grundlage erfüllt werden soll, ist nicht nur uneffektiv und damit zeitraubend, sondern meist auch verwirrend. Immerhin wird man ohne Kenntnis der konkreten Aufga­ben­stellung bei Durch­sicht des Aktenstücks in mehr Richtungen denken als nötig.

Es empfiehlt sich, die nach dem Bearbei­ter­vermerk anzufer­ti­genden Klaus­ur­teile kurz stich­punkt­artig auf Skizzen­papier festzu­halten, so dass man im Eifer des Gefechts keinen Aufga­benteil vergisst.

Tipp: Sind zum Beispiel in einer Anwaltsklausur ein materielles Gutachten, Zweckmäßigkeitserwägungen und ein Schriftsatz bzw. Mandantenschreiben verlangt, kann man sich zum Beispiel eingerahmt notieren: 1) Gutachten, 2) Zweckmäßigkeitserwägungen, 3) Schriftsatz.

Dies mag banal klingen. Dennoch passiert es auch erfah­renen Klausur­ver­fassern gelegentlich, dass gefor­derte Klaus­ur­teile schlicht im Zuge der inten­siven Ausein­an­der­setzung mit einem anderen Klaus­urteil vergessen werden. Dies kann nicht geschehen, wenn man die gefor­derten Klaus­ur­teile hervor­ge­hoben auf Notiz­papier stets im Blick hat und bereits erledigte Teile abhakt. Das Erfassen des Bearbei­ter­ver­merks sollte nicht mehr als fünf Minuten in Anspruch nehmen.

2. Erster Überblick

Ein umfang­reiches Aktenstück nimmt manchmal unerwartete Wendungen. So kann sich zum Beispiel eine teilweise Klagerücknahme oder Erledig­terklärung erst auf der letzten Seite des Aktenstücks finden und dem Fall damit eine entschei­dende Wendung geben. Will man sich ersparen, vom Verlauf der Gescheh­nisse überrascht zu werden und während der gründlichen Durch­arbeit des Aktenstücks überflüssige Überle­gungen anzustellen, empfiehlt sich eine erste grobe Durch­sicht des Aktenstücks unmit­telbar nach dem Erfassen des Bearbei­ter­ver­merks. Auch dafür genügen circa fünf Minuten, in denen man sich die einzelnen Dokumente der Akte kurz anschaut.

Jurastudent versinkt hinter einem Stapel Bücher.
Juraklausuren schreiben zu lernen, will erprobt sein. Mit jeder Klausur lernt ihr dazu.

3. Gründliches Lesen

Erst danach folgt die gründliche Durch­sicht des Aktenstücks. Auch wenn der zeitliche Druck einer Examensklausur dies zuweilen nicht zulässt, sollte Ideal­vorgabe sein, das Aktenstück zweimal gründlich zu lesen, um sicher zu gehen, keinen maßgeblichen Aspekt übersehen zu haben. In der Klausur­realität wird es jedoch häufiger so aussehen, dass nur ein einma­liges besonders gründliches Lesen und eine nochmalige Durch­sicht lediglich der entschei­denden Akten­teile möglich ist.

Bereits beim gründlichen Durch­lesen ist es empfeh­lenswert, recht­liche Assozia­tionen am Rand der Akte kurz zu notieren. Die Vertiefung eines Problems oder gar der Griff zum Kommentar ist jedoch in diesem Stadium der Klausur ein absolutes Tabu. Was wirklich ein recht­liches Problem darstellt, erschließt sich nämlich nicht selten erst, nachdem man sich einen Gesamtüberblick verschafft hat. Einen Gesamtüberblick kann man jedoch kaum bekommen, wenn man bereits bei der Einar­beitung absetzt und sich in recht­lichen Detail­fragen verliert.

Tipp: Hände weg vom Kommentar während der Einarbeitung in das Aktenstück!

4. Erarbeitung des Falles

Bereits während des gründlichen Lesens des Aktenstücks sollte es mit etwas Klausur­praxis gelingen, den rechtlich zu lösenden Fall relati­ons­tech­nisch zu erarbeiten, sprich Strei­tiges von

Unstrei­tigem, sowie Entschei­dungs­er­heb­liches von Unerheb­lichem zu trennen. Dem Anfänger hilft hier häufig die Arbeit mit einem sog. T-Blatt, um Strei­tiges und Unstrei­tiges ausein­ander zu halten. Mit zuneh­mender Klausur­praxis kann man eventuell auf diese Hilfe­stellung verzichten bzw. eine eigene Technik der Aufbe­reitung von Strei­tigem und Unstrei­tigem entwi­ckeln.

Unabdingbar ist dagegen die Erstellung eines Zeitstrahls, auf dem man sich die Gescheh­nisse des Falles mit zugehörigem Datum veran­schau­licht. Dieses Instrument ist nicht nur hilfreich, um einen guten Überblick über den Fall zu bekommen, sondern auch eine wertvolle Hilfe bei der Fertigung des Tatbe­stands bzw. des sonstigen sachver­halts­dar­stel­lenden Teils der Aufgabe.


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