Zweites Staats­examen

Klausur­taktik - Grund­regeln für die erfolg­reiche Klausur im Zweiten Staats­examen

XI. Begründen Sie stets mit recht­lichen Argumenten

Ebenso wie im Ersten Staats­examen ist die recht­liche Begründung und Argumen­tation für die Bewertung der Klausur entscheidend. Auch hier birgt der Kommentar als Hilfs­mittel Risiken.

Die Kommen­tar­fund­stelle ersetzt keines­falls die recht­liche Begründung. Vermeiden Sie am besten generell die Angabe von Kommen­tar­fund­stellen. Bemühen Sie sich statt­dessen stets, anhand der juris­ti­schen Ausle­gungs­me­thoden Ihr Ergebnis nachvoll­ziehbar zu begründen. Viel zu selten wird in Klausuren die Gelegenheit genutzt, dem Korrektor rechts­me­tho­dische Kennt­nisse und rechts­me­tho­di­sches Vorgehen zu zeigen. Die absoluten „Basics“ juris­ti­scher Methodik, gewis­sermaßen das juris­tische Handwerkszeug, nämlich die Ausle­gungs­me­thoden (Auslegung nach Wortlaut, Sinn und Zweck, Syste­matik und Gesetz­ge­bungs­ge­schichte), der Umkehrschluss und der Erst-Recht-Schluss, werden nicht häufig genug zur Begründung der Lösung von Rechts­pro­blemen verwendet.

Tipp: Begründen Sie Ihr Ergebnis juristisch – zum Beispiel mit dem Wortlaut der Norm oder deren Sinn und Zweck.

Für die bloße Anein­an­der­reihung von Rechts­be­haup­tungen – mögen diese auch im Ergebnis zutreffend sein und im Einklang mit der höchstrich­ter­lichen Recht­spre­chung stehen – gibt es auch im Zweiten Staats­examen keine Punkte.

XII. Setzen Sie das „Echo-Prinzip“ um

Deutlich mehr als im Ersten Staats­examen finden sich im Zweiten Staats­examen in der Klausur­vorlage selbst gewichtige Hinweise auf die recht­liche Lösung des Falles. In Gerichts­klau­suren tragen die Parteien meist recht­liche Argumente vor, die den Weg zu den zu lösenden recht­lichen Problemen weisen. Selbst in Anwalts­klau­suren lassen die Klausur­steller den Mandanten nicht selten recht­liche Argumente – freilich in Laien­sprache – vortragen. Diese in der Vorlage enthal­tenen Hinweise sollten bei der Lösung unbedingt abgear­beitet werden. Denn die Recht­s­ar­gu­mente der Parteien stellen letztlich die verklau­su­lierten Rechts­fragen der Klausur – die der Aufga­ben­steller beant­wortet haben will – dar. Hier hilft es vielleicht, wenn man sich die Recht­s­ar­gu­mente der Betei­ligten wie tatsächliche Fragen an den Klausur­be­ar­beiter vorstellt.

Beispiel: Vertritt zum Beispiel der Kläger in seiner auf § 816 Abs. 1 Satz 1 BGB gestützten Klage die Rechtsansicht, es könne nicht angehen, dass der unberechtigte Veräußerer seines PKW einen Verkaufserlös, der über den Wert des PKW hinausgeht, behalten darf und überdies sei er ohnehin mit der Veräußerung nicht einverstanden, so sind damit die folgenden Fragen an den Klausurbearbeiter verbunden:

1) Ist nach § 816 Abs. 1 Satz 1 BGB der objektive Wert der Sache oder das tatsächlich Erlangte heraus­zu­geben?

2) Bedarf es für § 816 Abs. 1 Satz 1 BGB einer ausdrücklichen Geneh­migung oder liegt bereits eine konklu­dente Geneh­migung in Form der Klage­er­hebung vor?

Hält man sich so die recht­lichen Frage­stel­lungen der Klausur klar vor Augen, läuft man nicht Gefahr, die Fragen, die die Klausur stellt, unbeant­wortet zu lassen. Man würde schließlich auch in einem reinen Frage-Antwort-Test nicht einen Teil der Fragen unbeant­wortet lassen.

Es liegt auf der Hand, dass nicht alle von den Parteien vorge­brachten recht­lichen Erwägungen zutreffend sind. Die Aufgabe besteht insofern darin, auch die rechtlich unzutref­fenden Argumente abzuar­beiten und kurz zu begründen, warum diese nicht durch­greifen. Dies bedeutet jedoch nicht, die Parteien des „Klausur­rechtss­treits“ zu belehren.

Schreiben Sie also in einer Urteilsklausur nicht:
Der Kläger geht fehl in der Annahme, dass oder:
Rechtlich abwegig ist das Argument des Beklagten, dass…

Dies ist nicht nur anmaßend und schlechter Stil, sondern auch in der Praxis nicht üblich. Vergessen Sie nicht, dass Sie letztlich ein praktisch verwert­bares Arbeits­er­gebnis vorlegen sollen. Wahren Sie also auch bei der Bearbeitung der rechtlich unzutref­fenden Argumente eine Objek­tivität und Sachlichkeit, welche die Parteien auch in der Praxis erwarten dürften. Dies gelingt schon dadurch, dass Sie den Bezug des abgelehnten Recht­s­ar­gu­ments zu der Prozess­partei vermeiden.

Schreiben Sie zum Beispiel schlicht: Der Fälligkeit des Anspruchs steht letztlich auch nicht entgegen, dass…

Ein Jurastudent schreibt seine Klausur sitzend an einem Tisch.
Beim Schreiben der Juraklausur im 2. Staatsexamen ist es ebenfalls von Bedeutung, die Formalien sicher zu beherrschen.

 

XIII. Sichere Beherr­schung der Formalien

In den Klausuren des Zweiten Staats­ex­amens wird fast durchweg auch ein prakti­sches Arbeits­er­gebnis verlangt. Zu den gängigen Varianten gehören: Zivil­urteil, Beschluss, Schriftsatz (zum Beispiel Klage bzw. Klage­er­wi­derung, Einspruch, Antrag auf einst­wei­ligen Rechts­schutz), Ankla­ge­schrift, Straf­befehl, Haftbefehl, Straf­urteil, straf­recht­liche Revisi­onsbegründung, verwal­tungs­ge­richt­liches Urteil, Beschluss und Wider­spruchs­be­scheid.

Hierbei gilt es unbedingt die formalen Anfor­de­rungen an diese prakti­schen Arbeits­auf­gaben einzu­halten. Die Klausuren werden von Praktikern korri­giert, denen Fehler im formalen Bereich sofort ins Auge fallen. Es gibt hier leider mehr Punkte zu verlieren als zu gewinnen. Für ein rein formal perfektes Arbeits­er­gebnis wird es kaum einen Zusatz­punkt geben. Umgekehrt werden jedoch bei Fehlern im formalen Bereich schnell Punkte abgezogen.

Zumindest die gängigen Klausur­va­ri­anten müssen daher soweit verin­ner­licht sein, dass sie auch in der Prüfungs­si­tuation ohne lange Überle­gungen abrufbar sind. Hier hilft neben der bereits angespro­chenen umfas­senden Klausur­praxis durch die Fertigung möglichst vieler Übungs­klau­suren, das Anlegen einer eigenen Muster­sammlung, die man sich vor jeder Übungs­klausur und im Ernstfall zwischen den einzelnen Examens­ter­minen noch einmal überblick­artig anschauen kann. Bereits durch das eigenständige Anfer­tigen einer solchen Muster­sammlung wird ein nicht zu unterschätzender Lernerfolg erzielt.

Tipp: Erstellen Sie eine eigene Mustersammlung.

XIV. Zum Umgang mit „ungewöhnlichen“ Klausuren

Gerade im Zweiten Staats­examen bewegen sich Klausuren nicht selten in Rechts­ge­bieten bzw. formalen Einklei­dungen der recht­lichen Probleme, die den meisten Prüflingen unbekannt sind. Dies ist vom Klausur­steller gewollt. Hier wird geprüft, ob auf der Grundlage der Kenntnis der „Basics“ der Prüfling auch mit zunächst unbekannter Materie umgehen und sich diese unter Zeitdruck erschließen kann.

Um hier zu punkten ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und sich die relevanten Normen besonders genau durch­zu­lesen. Schauen Sie sich dabei auch Vorschriften in dem entspre­chenden Titel bzw. Kapitel an, die nicht unmit­telbar einschlägig zu sein scheinen. Auch in diesen Paragraphen könnten für die Klausur wesent­liche Infor­ma­tionen enthalten sein. Wie bereits erwähnt, kann auch ein kurzer Blick in das Stich­wort­re­gister des Kommentars den entschei­denden Ansatz­punkt liefern.

Sehen Sie diese „ungewöhnlichen“ Klausuren als Chance. Bei „Standard­klau­suren“ liegen die Maßstäbe der Prüfer gerade im Zweiten Staats­examen besonders hoch. Selbst mit einer nahezu fehler­freien Klausur ist es schwer, eine höhere Punktzahl zu erreichen, da im Rahmen von Standard­klau­suren die meisten Kandi­daten die wesent­lichen Punkte erkennen. Die Vergleichs­kor­rektur – nichts anderes findet auch im Zweiten Staats­examen statt – bietet dann wenig Spielraum für die Noten­dif­fe­ren­zierung und höhere Punkt­zahlen werden kaum vergeben. Bei „ungewöhnlichen“ Klausuren ist die Lage anders. Hier geben viele Kandi­daten verfrüht auf und finden keinen Zugang zur Klausur, so dass bereits brauchbare Ansätze und richtige Überle­gungen honoriert werden. Behält man dann die Nerven, kämpft sich mutig durch die unbekannte Materie und liefert eine rechtlich überzeu­gende Klausur ab, so kann bei derar­tigen Klausuren die Punkteskala eher nach oben ausgeschöpft werden als bei den vermeintlich gewünschten Standard­klau­suren.

Vorsicht ist hier mit sog. Notfalllösungen geboten, wie diese teilweise für den Fall, dass man keinerlei Zugang zur Klausur findet, vorgeschlagen werden.18 Im Rahmen einer solchen Notfalllösung die Klausur stets auf einen bereicherungsrechtlichen Anspruch zu stützen, wie zuweilen als Notfalllösung vorgeschlagen, wird der Vielfalt der möglichen Klausurinhalte nicht gerecht und darf kaum auf die Honorierung durch den Korrektor hoffen, es sei denn, es ist ausnahmsweise wirklich ein bereicherungsrechtlicher Anspruch einschlägig. Sich auf derartige Glückstreffer zu verlassen, kann guten Gewissens kaum empfohlen werden. Eine Notfalllösung – gleich wie sie geartet ist – muss daher der absolute Ausnahmefall sein. Anhand des konkreten Falles den Versuch einer rechtlich vertretbaren Lösung zu wagen, ist jedenfalls ratsamer als ein vorher zurecht gelegtes „Notfallschema“ abzuarbeiten, welches schon wegen seiner Vorfertigung dem konkreten Fall allenfalls bedingt gerecht werden kann.


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