Zweites Staats­examen

Klausur­taktik - Grund­regeln für die erfolg­reiche Klausur im Zweiten Staats­examen

XV. Praktische Tipps zum Umgang mit dem Zeitdruck

Dass die Bearbei­tungszeit in der Examensklausur eine erschöpfliche Ressource ist, wurde bereits mehrfach betont. Der Zeitdruck ist dabei durchaus von Seiten der Klausu­rer­steller system­im­manent gewollt. Denn schließlich soll das Zweite Staats­examen als Prüfung für die spätere juris­tische Praxis auch abprüfen, ob und wie die Kandi­daten ein praktisch verwert­bares juris­ti­sches Arbeits­produkt auch unter Zeitdruck zu erstellen im Stande sind. Daher sollen ein paar praktische Tipps zum Umgang mit dem Zeitdruck bezie­hungs­weise zu dessen Vermeidung nicht fehlen. Denn jeder Zeitgewinn in der Klausur­praxis schafft zusätzliche Ressourcen für die eigent­liche inhalt­liche Ausein­an­der­setzung mit dem Klausur­stoff und vermeidet allein durch Zeitdruck entste­hende unnötige Fehler.

Syste­ma­tisch bestehen bei der Klausur­be­ar­beitung im Wesent­lichen die folgenden drei „Zeitfresser“:

(1) Sachver­halts­er­fassung;

(2) Recht­liche Prüfung;

(3) Schreib­arbeit.

Zur effizi­enten Gestaltung der recht­lichen Prüfung sind bereits einige Tipps erfolgt und in dieser für die Bewertung sicherlich wichtigsten Bearbei­tungs­ka­te­gorie sollte nach Möglichkeit keine weitere Zeiter­sparnis auf poten­tielle Kosten der inhalt­lichen Qualität gesucht werden. Anders verhält es sich mit den beiden anderen Kategorien, bei denen durch einfache praktische Maßnahmen Zeit ohne Einbußen an Qualität gewonnen werden kann.

Das Erfassen der zum Teil umfang­reichen Aktenstücke lässt sich durch praktische Übung beschleu­nigen. Wer eine große Anzahl von Übungs­klau­suren unter Realbe­din­gungen schreibt, wird feststellen, dass mit zuneh­mender Anzahl an Übungs­klau­suren nicht nur die eigene Lesege­schwin­digkeit zunimmt, sondern auch die gängigen Klausur­kon­stel­la­tionen und Bearbei­ter­ver­merke immer mehr vertraut werden, was zur Beschleu­nigung der Sachver­halts­er­fassung beiträgt. Darüber hinaus kann auch der Besuch eines Schnell­le­se­kurses eine gute Maßnahme sein, um bei der Sachver­halts­er­fassung noch effizi­enter zu werden.

Noch mehr Zeit lässt sich bei dem wohl größten „Zeitfresser“, dem eigent­lichen Schreiben der Klausur, gewinnen. Wie beim Leistungs­sport die Wahl des richtigen Sportgeräts, kann hier die Wahl des richtigen Schreibgeräts einen großen Unter­schied machen. Man sollte möglichst frühzeitig in der Examens­vor­be­reitung für sich heraus­finden, mit welchem Schreibgerät man persönlich besonders flüssig schreiben kann und dieses dann im Examen keines­falls mehr wechseln. Bei mir war dies ein besonders leichtgängiger Füllfeder­halter. Andere Kandi­daten haben gute Erfah­rungen mit Gel-Schreibern gemacht.

Tipp: Probieren Sie aus, mit welchem Schreibgerät Sie möglichst schnell, komfortabel und leserlich schreiben und bleiben Sie dann bis ins Examen dabei sobald Sie es gefunden haben. Das Examen ist nicht die richtige Zeit für Experimente.

Es bleibt abschließend noch einmal zu betonen, dass die beste Examens­vor­be­reitung das Schreiben möglichst vieler Klausuren unter realis­ti­schen Prüfungs­be­din­gungen ist, besser noch unter erschwerten Bedin­gungen einer zum Beispiel auf 4 ½ Stunden verkürzten Bearbei­tungszeit, um für den späteren Ernstfall noch besser gewappnet zu sein. Zu beant­worten bleibt damit die Gretchen­frage, wie viele Übungs­klau­suren es denn idealer­weise sein sollten. Meine Empfehlung lautet, schreiben Sie so viele Klausuren wie Sie können, denn ein Zuviel an Klausuren gibt es hier kaum. Wenn Sie vor dem Examen über 70 Klausuren unter Realbe­din­gungen geschrieben haben, wird Ihnen die dabei gesam­melte Klausur­praxis im Examen erheblich nutzen. Auch wenn es sicherlich schönere Dinge im Leben gibt als hunderte Stunden mit Übungs­klau­suren zu verbringen, inves­tieren Sie diese Zeit in Ihre Zukunft. Es lohnt sich.

XVI. To Do Liste bis zum Examen

Da erfah­rungsgemäß ein möglichst konkreter Arbeits­schritt ein höheres Reali­sie­rungs­po­tential hat als eine abstrakte Arbeits­an­leitung, soll am Ende dieses Booklets eine praktische To Do Liste nicht fehlen. Versuchen Sie die folgenden prakti­schen Arbeits­schritte bis zu Ihrem Staats­examen abzuar­beiten. Ihre Ergeb­nisse werden sich dadurch verbessern:

  • Schreiben Sie nach Möglichkeit mindestens 70 Übungsklausuren in weniger als fünf Stunden
  • Erstellen Sie eine eigene Mustersammlung
  • Erstellen Sie eine „Schwarzen Liste“ mit typischen vermeidbaren Fehlern
  • Probieren Sie zumindest einmal in einer Übungsklausur die Ent­scheidungsgründe vor dem Tatbestand zu schreiben
  • Probieren Sie zumindest einmal in einer Übungsklausur den verkürzten Gutachtenstil in der Staatsanwaltsklausur
  • Formulieren Sie nach Möglichkeit mindestens fünf Verträge und prüfen Sie im Anschluss Ihren Entwurf mit Hilfe eines Formularbuchs
  • Arbeiten Sie die folgenden sehr empfehlenswerten weiterführenden Aufsätze mindestens einmal durch: Forster, JuS 1992, 234; Dierks-Harms, JA 2007, 285; Höhne, JA 2007, 528; Höhne, JA 2005, 290; Wallisch/Spinner, JuS 2006, 799, 883; Mansdörfer/Timmerbeil, JuS 2001, 1102, 1209; Weimer, JuS 2003, 592; Wolters/Gubitz, JuS 1998, 737; Hartmann/Hartmann, Jura 2004, 657; Hagspiel, JuS 2003, 482

Abschließend noch ein letzter praktischer Tipp: Versuchen Sie bitte nicht, sich bis zur letzten Minute vorzubereiten, sondern gezielt in der Woche vor den Klausurterminen etwas Kraft zu sammeln, sodass Sie mit ausreichend Energie und vielleicht auch etwas Freude an der Sache in die Klausuren gehen.

Abschluss in der Tasche: Graduierende feiern ihren Abschluss im Sonnenuntergang und werfen ihren Akademiker-Hut in die Luft.
Habt ihr die Klausur erst einmal geschafft und bestanden, dann ist der Abschluss des Jurastudiums auch nicht mehr weit.

 

XVII. Schluss­be­merkung

Misserfolg in Klausuren beruht nicht selten auf mangelnder Arbeits­technik sowie falschen Vorstel­lungen von dem, was in der Klausur erwartet wird. Mit der richtigen Klausur­technik kann man eine erheb­liche Verbes­serung der Klausu­r­er­geb­nisse erreichen. Es wird daher empfohlen, sich diese „Grund­regeln“ für den Klausu­rerfolg immer wieder in Erinnerung zu rufen und bereits geschriebene Klausuren nach Rückgabe kritisch auf deren Beachtung zu prüfen.

Wer die 17 Punkte in diesem Booklet beherzigt, ist auch bereit für den 18. Punkt im Staats­examen.

Für das Zweite Staatsexamen wünsche ich viel Erfolg!

  1. Vgl. allgemein zur Examensvorbereitung ter Haar/Lutz/Wiedenfels, Prädikatsexamen, 4. Auflage 2016.
  2. Vgl. zur Klausurtechnik auch Forster, JuS 1992, 234.
  3. Zu den Anforderungen der Prüfer vgl. Diercks-Harms, JA 2007, 285.
  4. Zu den Grundregeln für den Klausurerfolg im Ersten Staatsexamen vgl. Schnabl/Tyroller, Life&Law 2006, 861.
  5. Zu den möglichen Konsequenzen unvollständiger Arbeiten sogleich unter III.
  6. Vgl. Höhne, JA 2007, 528, 531.
  7. Als Tenorierungsübung eignet sich zum Beispiel bezüglich zivilrechtlicher Klausuren der Beitrag von Wallisch/Spinner, JuS 2006, 799 ff., 883 ff.; bezüglich strafrechtlicher Entscheidungen Mansdörfer/Timmerbeil, JuS 2001, 1102 ff., 1209 ff. sowie bezüglich öffentlich-rechtlicher Entscheidungen Kintz, Öffentliches Recht im Assessorexamen, 10. Auflage, 2018.
  8. Zur Bearbeitung von Strafrechtsklausuren im Zweiten Staatsexamen vgl. auch Weimer, JuS 2003, 592; speziell zum Strafurteil in der Assessorklausur Wolters/Gubitz, JuS 1998, 737 ff.
  9. Diese Zweiteilung gibt es in den südlichen Bundesländern nicht.
  10. Vgl. zum Urteilsstil Anders/Gehle, Das Assessorexamen im Zivilrecht, 13. Auflage, 2017.
  11. Vgl. Anders/Gehle, Das Assessorexamen im Zivilrecht, 13. Auflage, 2017.
  12. Die Bedeutung des Tatbestandes variiert zwischen den Bundesländern. In Bayern ist die Bedeutung des Tatbestands durch die häufigeren Anwaltsklausuren weitgehend verdrängt.
  13. Vgl. zur Tatbestandsfassung im Zivilurteil Höhne, JA 2005, 290.
  14. Anders verhält sich dies in den südlichen Bundesländern, wo Zweckmäßigkeitserwägungen üblicherweise nicht verlangt werden.
  15. Vgl. zu Zweckmäßigkeitserwägungen in der Anwaltsklausur ausführlich Hartmann/Hartmann, Jura 2004, 657.
  16. Vgl. zur kautelarjuristischen Klausur Hagspiel, JuS 2003, 482; Sikora/Mayer/Kell, Kautelarjuristische Klausuren im Zivilrecht, 5. Auflage, 2019.
  17. Vgl. dazu als ersten Kurzüberblick Schnabl, JA 2005, 896.
  18. Vgl. Kaiser/Kaiser/Kaiser, Die Zivilgerichtsklausur im Assessorexamen, Band I, 8. Auflage, 2018, Rdnr. 483 ff.

Zurück