Anwalt digital

Klick, Klick, Recht

Die Digitalisierung von Informationen, Kommunikation und Arbeitsprozessen erfasst auch den Markt für Rechtsdienstleistungen. War das Recht einst exklusives Wissen, wird juristisches Know-how nun für viele verfügbar – und manche juristische Erkenntnis wird von neuen digitalen Angeboten entzaubert. Das kann am Ende sogar Anwältinnen und Anwälten das Arbeiten erleichtern.

Elektro­ni­scher Rechts­verkehr samt elektro­ni­schem Anwalts­postfach: Die Digita­li­sierung kommt in der Anwalt­schaft an – wenn auch mit Verzögerungen. Gerade weil der Fokus Ende 2015 auf das besondere elektro­nische Anwalts­postfach (beA) gerichtet war, ist vielen Anwältinnen und Anwälten nicht bewusst: Es wird in Zukunft um viel mehr gehen, als um eine technische Lösung, wie Kanzleien mit Gerichten, den Gegnern und ihren Mandanten digital in Kontakt treten. Bereits jetzt haben sich im Netz Platt­formen und Dienste etabliert, welche den Bereich der außergericht­lichen Streit­bei­legung und Rechts­dienst­leistung verändern. Aber auch die Art, wie in Zukunft recht­liche Infor­mation zur Verfügung gestellt wird, könnte sich durch neue digita­li­sierte Angebote wandeln. Wie diese neue Realität aussehen wird, lässt sich mit einem Blick auf den Anwalts­markt in den USA erahnen. Unter­nehmen und Kanzleien setzen dort bereits seit einigen Jahren verstärkt auf Mandats­ak­quise und -bearbeitung über Inter­net­platt­formen und auf online verfügbare und digital aufbe­reitete Rechts­in­for­ma­tionen.

Automatisiert Recht bekommen – ohne es zu kennen

Elektro­nische Streit­bei­legung ist nichts Neues. E-Bay und Pay Pal lösen damit seit Jahren rund 60 Millionen Strei­tig­keiten pro Jahr – 90 Prozent davon ohne mensch­liche Inter­vention. E-Bay verfügt heute über die größte Plattform zur Streit­bei­legung im Web. Das hierfür entwi­ckelte, auf einem Algorithmus basie­rende Tool Modria wird seit 2011 auch anderen Unter­nehmen bereit­ge­stellt. Mithilfe von Modria können Unter­nehmen den Kunden­service bei Beschwerden unkom­pli­ziert abwickeln. Der Kunde gibt seine Kunden­in­for­ma­tionen sowie das Problem in ein Kontakt­for­mular ein. Modria analy­siert diese Infor­ma­tionen unter Beachtung der AGB des Unter­nehmens, beispiels­weise zu Rückgabe und Erstattung, und nach den Kulanz­vor­gaben des Kunden. In Echtzeit macht Modria dann dem Kunden online einen Lösungs­vor­schlag. Die automa­ti­sierte Form soll in neun von zehn Fällen erfolg­reich sein, heißt es auf der Website des Anbieters. Nur wenn die automa­tisch erstellte Lösung für den Kunden nicht zufrie­den­stellend ist, wird persönlicher Kontakt zu einem Berater herge­stellt. Modria ermöglicht so eine ökonomisch effektive Auflösung von häufig auftre­tenden Konflikten. Es geht weniger um den Rechts­frieden als um Kunden­zu­frie­denheit – und dazu gehört vor allem ein schnelles unbürokra­ti­sches Ausräumen des Konflikts.

Standar­di­sierte Konfliktlösung über das Internet will auch die EU fördern. Die ODR-Verordnung, also die Verordnung über die Online-Beilegung verbrau­cher­recht­licher Strei­tig­keiten, gilt seit dem 1. Januar 2016. Mit ihr sollte eine ODR-Plattform (online dispute resolution platform) als virtu­elles Forum geschaffen werden, das Verbrau­chern bei der Konfliktlösung nach dem Kauf von Produkten oder Inanspruch­nahme von Dienst­leis­tungen über das Internet innerhalb der EU helfen soll. Die Strei­tig­keiten sollen dann zu den ADR-Stellen (alter­native dispute resolution bodies) weiter­ge­leitet werden. Ob das Modell einer Infor­ma­tions- und Fallver­tei­lungs-Website ähnlich erfolg­reich sein wird wie die Streit­bei­legung mit Modria, wird sich erst in Zukunft zeigen. Mitte Januar 2016 hat die EU auf der Website angekündigt, dass sie erst zum 15. Februar 2016 – nach Redak­ti­ons­schluss – online gehen soll (www.ec.europa.eu/consumers/odr/).


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