Existenzgründung

Legal Tech kommt

Mit einigen Jahren Verspätung ist nun auch in der Rechtsberatung das Start-up-Fieber ausgebrochen. Legal-Tech-Gründer treiben die Digitalisierung des Anwaltsberufs voran. Besonders Jura-Studierende, Referendare und junge Anwältinnen und Anwälte sollten sich auf das einstellen, was da kommt. Ein Besuch beim Start-up streamlaw in Frankfurt.

Am Anfang war der Frust. Mehrere Jahre hatte Tamay Schimang (34) lange Arbeitstage als Anwalt in renom­mierten Großkanzleien verbracht. Als die Unzufrie­denheit groß genug war, stieg er aus, tauschte Anzug und Krawatte gegen das lässigere Outfit der Start-up-Szene. Jetzt sitzt Schimang mit seinen beiden Partnern – Benjamin Werthmann, den er aus der Großkanzlei kennt und IT-Experte Henrik von Wehrs – in einem kleinen Büro im Parterre eines blau-weiß gestri­chenen Altbaus im Frank­furter Nordend, die Türme der Finan­z­in­dustrie in Sicht­weite. Der Name der Firma ist auf dem Klingel­schild einer von vielen – und von Hand geschrieben: streamlaw. Drinnen ist die Raufa­ser­tapete mit bunten Post-Its übersät.

„Die Lage hier im Nordend ist gut, mit dem Fahrrad bin ich in sechs Minuten bei den großen Kanzleien an der Alten Oper“, sagt Schimang. Wenn alles gut geht, wird der 34-Jährige bald häufiger dorthin pendeln – zu den Großkanzleien und Rechts­ab­tei­lungen – als Anbieter einer Arbeits-Plattform für Anwälte, die das Arbeiten dort verändern und spürbar effizi­enter machen soll: „Zehn Prozent Produk­tivitätsstei­gerung wären schon ein echter Killer.“

Seit Jahres­beginn tüftelt Schimang am Konzept, im Frühjahr stießen seine beiden Mitge­sell­schafter dazu. Streamlaw haben sie das Start-up genannt – wobei das „stream“ von Stream­lining kommt, der Strom­li­ni­enform, nicht vom Streamen. Zurzeit finan­ziert das Trio die Entwicklung selbst, erledigt nebenher noch klassi­sches Mandats­geschäft und strate­gische Beratung von Kanzleien. Die Erfah­rungen daraus fließen wiederum ins Produkt. „Wir sind dabei zugleich auf der Suche nach frühen Nutzern unserer Software.“

Legal Tech: Das Fax ist tot, bald auch die E-Mail

Die E-Mail-basierte Arbeits­weise in den Kanzleien hinkt den digitalen Möglich­keiten deutlich hinterher, sagt Schimang. „Dass man sechs Stunden vergeblich arbeitet, weil man die entschei­dende Mail mit der Umplanung nicht bekommen hat, passiert gar nicht so selten.“ Oder dass zwei Anwälte aus Versehen an der gleichen Aufgabe sitzen. Oder dass man erheb­liche Zeit mit der Suche in scheinbar unend­lichen E-Mail-Strängen verbringt. Oder dass ein Dokument dort landet, wo es eigentlich nicht hätte landen dürfen. „Falsche Leute auf dem Verteiler sind ein Compliance-Thema.“

„Wir haben eine Menge Anwälte befragt. Wenn ein hochbe­zahlter Anwalt mit 500 Euro-Stundensatz 1,5 Stunden am Tag seine E-Mails sortiert, sind das 750 Euro. Da gibt es Optimie­rungs­po­tenzial. Wir wollen die Prozesse in den Kanzleien moder­ni­sieren.“

Was die streamlaw GmbH da versucht, ist eine B2B-Variante von Legal-Tech, anders als das, was derzeit unter dem Schlagwort für Furore sorgt. Der klassische Ansatz der Start-ups ist der Verbrau­cher­markt: Massen­geschäft zu standar­di­sieren und mit Weblösungen kostengünstig überre­gional abzugreifen. Flight­right, Weniger.miete.de, Hartz-4-Rechner, Unfall­helden: Alle funktio­nieren nach diesem Prinzip, machen den darauf spezia­li­sierten Anwälten das Leben schwer und ihnen den Markt für Miet-, Sozial- und Verkehrs­recht streitig – wenn sie nicht ihren eigenen Markt generieren, wie dies bei den Fluggast­rechten der Fall war. Doch dabei wird die Entwicklung wohl nicht stehen­bleiben: „Irgendwann werden auch die großen Fische angegriffen. Dann kommt der Standard­vertrag für Unter­neh­menskäufe.“

Legal Tech: Mischung aus WhatsApp und Dropbox

Auf den Bildschirmen im Nordend ist eine erste Version der Oberfläche zu sehen, die in den Kanzleien bald ständig zu sehen sein soll. „Es ist eine Mischung aus WhatsApp und Dropbox“, erklärt Schimang. „Es geht um Kommu­ni­kation, Task-Management und Dokumen­ten­aus­tausch. Ein zwei Jahre altes Dokument derzeit in einer Kanzlei wieder­zu­finden, ist schon sehr aufwendig und nicht trivial.“

Die Oberfläche des Programms ist eine Mischung aus themen­ge­bun­denen Chatrooms, Dokumen­tenpool, Kanban-Board mit den Projekt­phasen und Schnitt­stellen zu Recher­che­tools und Zeiter­fassung. Dahinter steckt modernes Projekt - management mit Methoden wie Scrum.

Das Mandat soll wie ein Projekt bearbeitet werden. Die Anwalts­teams sollen nur die Kommu­ni­kation sehen, die sie sehen müssen und dürfen. Geplant ist auch das Ende des E-Mail-Bombar­de­ments: Künftig sollen nicht mehr E-Mails im Minutentakt aufploppen und die Juristen jedes Mal bei der konzen­trierten Arbeit stören. Eine Filter­funktion wird Benach­rich­ti­gungen nach Relevanz staffeln. „Und das alles muss einfach aussehen und auch sein, damit es genutzt wird.“ Kanzleien seien „ein nicht ganz einfacher Markt“, sagt der Gründer. Ein gutes Werkzeug allein führe nicht dazu, dass Leute gut arbeiten. Der Teufel stecke im Detail: „Manchmal scheitern Innova­tionen an Kleinig­keiten, zum Beispiel daran, dass ein Partner der Kanzlei weiterhin seine E-Mails ausdrucken möchte.“

Berufs­ge­heimnis und Daten­schutz­recht halten einige Tücken für die Software-Entwickler bereit. Für die Cloud-Lösung dürfen deshalb keine US-Server genutzt werden. Die Sicherheit soll zu einem zweiten schla­genden Argument der streamlaw-Software werden. „E-Mails sind Postkarten – offene und leicht abzufan­gende Kommu­ni­kation. Für die Arbeit von Wirtschaftsanwälten eigentlich nicht geeignet, wenn man bedenkt, dass so auch die Steuer­daten der Mandanten durch die Gegend geschickt werden. Unsere Kommu­ni­kation wird Ende-zu-Ende verschlüsselt sein.“

Legal Tech: Und die Folgen?

Nicht nur Schimang sieht die Branche vor einer Konso­li­dierung. „Zum Beispiel die Due Diligence. Wo vor zehn Jahren zehn Anwälte durch die Gegend flogen und in einem physi­schen Datenraum Akten wälzten, sind es heute drei in einem virtu­ellen Datenraum.“ Eine Spezi­al­software analy­siert nach Schlag­worten die Dokumente, statt Vollju­risten erledigen kostengünstigere Wirtschafts­ju­risten den Rest. Die Preise sind um etwa zwei Drittel gesunken.

Zudem ist die anwalt­liche Leistung zum Festpreis auf dem Vormarsch. „Die Mandanten lassen nicht mehr jede Rechnung durch­gehen – häufig auch berechtigt. Was als Erstes wegfällt, wie bei der Due Diligence, sind die Jobs, die bislang die Anfänger gemacht haben. Das dürfte auch Auswir­kungen auf die Einstel­lungs­po­litik haben.“

Legal Tech: „Der Schuh drückt“

Das Thema treibt die Branche um. Das hat sich nicht nur beim Deutschen Anwaltstag 2017 in Essen gezeigt, das zeigt sich auch beim Legal-Tech-Meet up in Frankfurt, einer Vortrags­reihe zu Legal-Tech-Themen. „Da kommen inzwi­schen 120 Leute – auch die Großen sind dabei – und den meisten drückt der Schuh“, berichtet Mitini­tiator Schimang. „Die Leute sind auf  der Suche nach neuen Wegen, eine Kanzlei zu führen. Dabei brauchen sie nicht sofort Künstliche Intel­ligenz, sondern erst einmal ordent­liche Struk­turen und Arbeitsabläufe.“ Dass die Zahl der dem Mandanten anrechen­baren Stunden schrumpft und somit der Umsatz der Kanzlei, ist einkal­ku­liert. „Auf dem Trip, den Mandanten so viele Stunden wie möglich in Rechnung zu stellen, sind ohnehin nicht mehr viele. Das gibt der Markt gar nicht mehr her.“

Studie­rende sowie Referen­da­rinnen und Referendare sollten sich mit den Folgen des anste­henden digitalen Wandels ausein­an­der­setzen. „Die Tech-Welt geht nicht mehr weg, im Gegenteil. Man muss schon nach links und rechts gucken.“ Auch wenn die meisten Start-ups erfah­rungsgemäß nichtüberleben: „Ein Legal-Tech-Start-up zu gründen, ist meinerMeinung nach nicht die blödeste Idee“, sagt Schimang. In derTech-Szene seien junge Leute sehr erwünscht. „Ein bisschen coden – also program­mieren – zu können, ist nicht verkehrt – und kein Hexenwerk.“

 


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