European Lawyers for Lesvos

„Man hat nie das Gefühl, fertig zu sein“

Phil Worthington, nun Geschäftsführer der gGmbH, hat im Laufe des letzten Jahres erfahren, wie wichtig unabhängiger Rechtsrat für Asylsu­chende ist: „Man kann leicht Fehler machen, wenn man den Anerken­nungs­prozess und die Kriterien der Flüchtlings­kon­vention nicht kennt“, sagt er. Deshalb sei es für die Menschen essen­tiell, bereits vor ihrem Interview Zugang zu einem Anwalt zu haben. „Wir versuchen, sicher­zu­stellen, dass der Rechts­staat in Moria funktio­niert.“

Reagierten die in Moria etablierten Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen anfangs mit Skepsis auf die europäischen Anwältinnen und Anwälte, hätten diese innerhalb kurzer Zeit gute Bezie­hungen zu allen Akteuren im Aufnah­me­lager entwi­ckelt, erklärt Worthington. Dazu habe in erster Linie Chrysoula Archontaki beige­tragen, eine kretische Anwältin, die als eine der ersten Freiwil­ligen für das Projekt arbeitete und daraufhin alle zwei Monate zurückkam. Seit Februar arbeitet sie fest für „European Lawyers for Lesvos“. Die Europa­rechts-Absol­ventin betreut die Freiwil­ligen und begleitet sie im Camp.

„Die Asylsu­chenden haben meist keine Papiere bei sich und keine Ahnung von deren Bedeutung. Sie haben den Kopf nicht frei, sich damit ausein­an­der­zu­setzen“, erklärt Archontaki. „Um zu ihrem Ehepartner nach Deutschland oder Frank­reich ziehen zu können, brauchen sie aber Beweise.“ Das müsse man den Menschen zunächst erklären. „Wir helfen den Asylsu­chenden, ihre Verwandten am Telefon zu erreichen und sich zum Beispiel Fotos von der Hochzeit und der Familie schicken zu lassen.“

Meistens gehe es um die Inter­view­vor­be­reitung. „Wir müssen die Flucht­ge­schichte aus jedem einzelnen Menschen heraus­kitzeln“, erzählt Archontaki. „Viele schämen sich und wollen zum Beispiel verbergen, dass sie homose­xuell sind. Sie fürchten, dass sie im Lager an den Rand gedrängt werden. Für das Asylin­terview sind Infor­ma­tionen wie diese aber entscheidend.“ Schritt für Schritt müssen die europäischen Anwälte Vertrauen zu den Flüchtlingen aufbauen und ihnen erklären, dass die Gespräche mit ihnen und den europäischen Behörden vertraulich sind. „Viele Asylsu­chende sind an Vertrau­lichkeit überhaupt nicht gewohnt.“

Chrysoula Archontaki kam zum ersten Mal nach Lesbos, weil sie sich für die Idee eines Freiwil­li­gen­pro­jekts für Anwälte inter­es­sierte. Sie ist im Migra­ti­onsund Asylrecht zu Hause und wollte erfahren, wie es den Menschen, deren Fälle sie am Schreib­tisch bearbeitet, in den Flüchtlings­lagern ergeht. Heute sagt sie: „Ich denke, dass das Projekt der Start von etwas wirklich Bedeu­tendem ist: einer Art anwalt­lichem Rettungs­dienst.“ Das Verhältnis zu den Mandanten im Camp sei ein ganz anderes als im Büro. Veränderungen sehe man sofort. „Aber man hat nie das Gefühl, fertig zu sein“, sagt sie.

Wie geht man damit um? Die Passauer Anwältin Maria Kalin erzählt von Momenten, in denen sie beschämt ist, oder frustriert. Wenn Familien trotz Beweisen nicht zusam­mengeführt werden, weil der politische Wille fehlt. „Mein Glauben an den Rechts­staat ist ins Wanken gekommen“, sagt sie. „Aber die Erfah­rungen in Moria helfen mir, die Situation meiner Mandanten besser zu verstehen.“ Der größte Gewinn, so Kalin, sei die Zusam­men­arbeit mit den Anwältinnen und Anwälten aus ganz Europa: „Ich habe hier tolle Leute kennen­ge­lernt.“

Der Geschäftsführer Phil Worthington spricht von einem „Pro-bono-Geist“ unter den Freiwil­ligen und von einer Solidarität, die die Anwältinnen und Anwälte aus ganz Europa bewiesen hätten – entgegen jeglicher Klischees, mit denen Anwälte häufig konfron­tiert würden. Insgesamt haben sich 450 Personen aus ganz Europa für das Freiwil­li­gen­projekt beworben. „Das zeigt, dass es unter Anwälten den Wunsch gibt, ihre Quali­fi­kation und ihre Fähigkeiten für einen guten Zweck einzu­setzen“, sagt Worthington.


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