Anwaltszukunft

Manchmal kommt es anders: Der Anwalts­markt im Wandel

Die Zukunftsstudie des Deutschen Anwaltvereins war 2013 ein Meilenstein. Die Prognos AG hatte einen Blick auf den Anwaltsmarkt im Jahr 2030 geworfen. Die These: Die Anwaltschaft ist spezialisierter, segmentierter, weiblicher, europäischer und internationaler geworden. Im Anwaltsblatt hatte der Hauptgeschäftsführer des DAV Rechtsanwalt Dr. Cord Brügmann in einem Interview fiktiv aus dem Jahr 2030 auf die Entwicklung zurückgeschaut (Brügmann, AnwBl 2013, 430). Fünf Jahre später fragt das Anwaltsblatt erneut: Wie hat sich der Anwaltsmarkt gewandelt? Cord Brügmann war von 2008 bis zum 31. März 2018 zehn Jahre Hauptgeschäftsführer des DAV.

 

Die wichtigste Änderung auf dem Anwaltsmarkt?

Auch wenn es der Anwaltschaft unter dem Strich wirtschaftlich besser geht als vor zehn Jahren: In Massenrechtsgebieten wie dem Verkehrsrecht spüren Anwältinnen und Anwälte, dass es immer häufiger Problemlöser außerhalb der Anwaltschaft gibt. Auch das Prozessieren im Zivilrecht ist unattraktiver geworden. Seit 2008 sind die Eingangszahlen um mehr als 20 Prozent gesunken. Das sollte zu denken geben. Andererseits: Algorithmen helfen bei der Geltendmachung von Ansprüchen, für die Kolleginnen und Kollegen mit herkömmlichem Handwerkszeug kein wirtschaftlich sinnvolles Angebot machen konnten.

Was ist seit 2013 wahr geworden, was hat sich als Fehleinschätzung entpuppt?

Nicht wahr geworden ist die Voraussage, dass die Anwalt­schaft überwiegend weiblich wird. Noch immer sind weniger als 50 Prozent der Neuzu­ge­las­senen weiblich, obwohl deutlich mehr Frauen als Männer das zweite Examen ablegen. Wenn wir mehr Kolle­ginnen im Beruf haben wollen, muss die Anwalt­schaft attrak­tiver werden, auch als Arbeit­geber. Die Frage nach der Gewinnung von Nachwuchs könnte noch bedeutsam werden, weil inzwi­schen mehr Kolle­ginnen und Kollegen den Beruf jedes Jahr verlassen, als neu eintreten. Das könnte auch ein Indiz für die in unserer Zukunfts­studie erwähnte und für uns schmerz­hafte Markt­be­rei­nigung sein.

Keine Fehleinschätzung war, dass der technologische Wandel und die Digitalisierung uns mit Riesenschritten erfasst haben und dass das Wissensmonopol der Anwaltschaft weiter geschrumpft ist. Allerdings sind manche Blütenträume einiger Legal Techies einer realistischeren Zusammenarbeitsperspektive gewichen.

2013 waren die Alternative Business Structures (ABS) aus England mit Fremdbesitz heißes Thema, 2018 dreht sich noch immer alles um Legal Tech. Was eint diese Themen, was trennt sie?

Die Zukunftsstudie 2013 sah als Treiber von Innovation die ABS im Besitz von Finanzinvestoren, während 2013 noch niemand von Legal Tech sprach. Die ABS sind nicht gekommen. Die Legal-Tech-Diskussion ist aber sehr präsent. Hier war der DAV sicher Vorreiter in der Diskussion. Die Themen eint, dass die Beratungs- und Vertretungsbedürfnisse der Mandanten in den Vordergrund rücken. Das unterscheidet übrigens nach meiner Beobachtung auch uns Anwaltvereine von den Rechtsanwaltskammern: Wir wissen, dass nur, wer die Bedürfnisse der Kunden im Blick hat, letztlich erfolgreich auf dem Markt besteht. Das gilt für jede Kanzlei genauso wie für jeden Verein, der auf freiwilliger Mitgliedschaft beruht.

Kurzfristige Entwicklungen werden überschätzt, langfristige Trends unterschätzt – richtig oder falsch?

Richtig. Heute hat sich die Anwaltschaft im Vergleich zu 2013 nicht wesentlich verändert. 2030 wird sie sich erheblich stärker verändert haben. Um die exponentielle digitale Entwicklung zu verstehen, hilft allein Blick auf das eigene Smart Phone: Das leistet heute so viel wie früher riesige Tischrechner – und macht auch noch Videos. Ein Ende des Fortschritts ist nicht absehbar.

2013 hatte niemand den Brexit auf dem Schirm: Was bedeutet das für die deutsche Anwaltschaft?

Das hängt auch von uns ab. Wenn es uns gelingt, den Rechtsstandort Deutschland zu stärken, können deutsche Anwälte Gewinner des Wettstreits um lukrative internationale Verfahren sein. Dafür brauchen wir aber die Unterstützung der Politik. Dieses Thema darf nicht im Föderalismus zerrieben werden.

Welche große Herausforderung muss die Anwaltschaft bis 2030 meistern?


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