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Studium und Referen­dariat

Moot Court - Die Kunst des Überzeugens

Rhetorik und Körpersprache, Contenance, Zeitmanagement, Netzwerkaufbau oder das Entwickeln einer persönlichen Feedbackkompetenz: All das sind Soft Skills, die in der Praxis eine große Rolle spielen – aber während der juristischen Ausbildung erst einmal geschult werden wollen. Eine ganz besondere Möglichkeit, die eigenen sozialen und methodischen Kompetenzen zu erweitern, bietet die Teilnahme an einem Moot Court. Das Verhandeln vor einem „fiktiven Gericht“ und die Vorbereitung hierauf stellen Studierende vor praxistypische Herausforderungen. Wer diese annimmt, lernt, eigene Entscheidungs-, Reaktions- und Kommunikationsmuster zu entwickeln und zu verbessern, die für die weitere Ausbildung und den Berufseinstieg von Vorteil sind.

Bei einem Moot Court handelt es sich um einen Wettbewerb im Rahmen der juris­ti­schen Ausbildung, bei dem Jurastu­denten ein fiktiver oder realer Fall zugeteilt wird, den sie als jeweils eine der Prozess­par­teien vor einem „fiktiven Gericht“ verhandeln.

In der Praxis sieht das beim Willem C. Vis Inter­na­tional Commercial Arbitration Court (kurz Vis Moot) wie folgt aus: Es ist jeweils ein Schriftsatz für die Klägerseite und dann als Antwort auf den Klägerschriftsatz einer anderen Universität ein Beklag­ten­schriftsatz zu schreiben. Im März/April finden dann mündliche Verhand­lungen in Wien und Hong Kong statt, wo sich jeweils zwei „Anwälte“ auf jeder Seite gegenüberstehen, wobei man erst kurz vorher erfährt, ob man jeweils die Kläger- oder die Beklag­ten­seite vertreten muss. Dass bei jeder Verhandlung eine Partei von gleich zwei Anwälten vertreten wird, hat den Hinter­grund, dass sich ein Anwalt um das Prozes­suale kümmert und ein Anwalt um das Materielle. Der Sachverhalt ist dann auch meistens so gestaltet, dass es zwei große prozes­suale Probleme und zwei große materielle Probleme gibt. Als materi­elles Recht ist primär das UN-Kaufrecht (United Nations Convention on Contracts for the Inter­na­tional Sale of Goods – CISG) anwendbar, aber auch inter­na­tionale Handelsbräuche können beispiels­weise zu beachten sein. Die prozes­sualen Regeln sind jedes Jahr die Schieds­ord­nungen von der jeweils sponsernden Schieds­in­sti­tution.  In der Vergan­genheit waren dies zum Beispiel das Belgische Zentrum für Arbitration und Mediation (CEPANI) oder das Zentrum für Schieds­ge­richts­barkeit und Mediation der Handels­kammer Brasilien-Kanada (CAM-CCBC).

Rhetorik und Körpersprache

Die Teilnahme an einem Moot Court geht mit einem verbes­serten Verständnis des eigenen Auftretens einher. Manche Teams haben die Chance, dies mit einem profes­sio­nellen Coach zu trainieren. (Dem Team der Humboldt-Universität stand in der Vergan­genheit John Faulk von Fireside Coaching zur Seite.) Aber auch allein die Teilnahme an den mittler­weile weitver­brei­teten Pre-Moots und das Feedback der Teamkol­legen, die einen beobachten, helfen einem dabei, in der Zeitspanne von Schrift­satz­abgabe bis zu den mündlichen Verhand­lungen einen großen Sprung nach vorne in Sachen Rhetorik und Körpersprache zu machen. Die Zeit, in der man seine Argumente präsentieren kann, ist - so wie auch in der mündlichen Prüfung im Examen - begrenzt. Dies zwingt einen dazu, sich auf das Wesent­liche zu fokus­sieren und sich darüber bewusst zu sein, welche Gewichtung den verschie­denen Argumenten zukommt. Zudem kann man jederzeit von den Schieds­richtern mit Fragen unter­brochen werden. Hier kommt es nicht selten vor, dass die Struktur, die man sich vorher ausge­dacht hat, durch einen Schieds­richter über den Haufen geworfen wird. Es gilt dann, nicht in Panik zu verfallen, sondern gute Antworten auf die Fragen parat zu haben und so mit seinen Argumenten jonglieren zu können, dass man dennoch in der vorge­ge­benen Zeit das Wesent­liche sagt.

Zurückhaltung auch bei Ärger

Auch gibt es Schieds­richter, die absichtlich versuchen, die Teilnehmer aus der Bahn zu werfen und provo­kante oder unange­brachte Kommentare fallen lassen. Dies testet die Nerven der Teilnehmer, die stets profes­sionell und sachlich bleiben müssen und sich nicht zum Streit verleiten lassen dürfen. Auch dies ist ein wesent­licher Soft Skill für jeden Anwalt: Das Sachliche vom Persönlichen trennen zu können und auch denje­nigen Schieds­richter (bzw. Richter) freundlich von den für den eigenen Mandanten sprechenden Argumenten überzeugen zu können, dem man auf der mensch­lichen Ebene eventuell nicht so viel abgewinnen kann oder von dem man sich provo­ziert oder gar benach­teiligt fühlt.

Scherenschnitt von drei Männern im Anzug, die verschiedenartig gestikulieren.
Im Moot Court gilt es zu überzeugen, die richtige Gestik anzuwenden und gute Argumente zu finden, um den Mandanten zu verteidigen. Eine perfekte Übung für die nächste Prüfung oder gar bereits für die Praxis.

 

Schriftsatz schreiben, Argumente finden

Was den Lerneffekt der Teilnahme an einem Moot Court angeht, steht natürlich auch das Erstellen von Schriftsätzen an vorderster Stelle. Die Schrift­satz­phase ist eine Zeit der inten­siven Zusam­men­arbeit, bei der neben der Teamarbeit und dem Fleiß auch das Recher­chieren in Daten­banken und Biblio­theken, das Entwi­ckeln von eigenen Argumen­ta­ti­ons­mustern und das Struk­tu­rieren dieser Argumente zu einem kohärenten Ganzen geschult wird. Auch sprachlich ist dies eine Heraus­for­derung. So wie auch bei einer Hausarbeit, steht nur eine begrenzte Anzahl an Seiten zur Verfügung, um seine Argumente zu präsentieren. Das Problem ist meist nicht, die Seiten zu füllen, sondern sich im „Editing“ zu üben und sich zu überlegen, an welcher Stelle man was streichen kann, ohne dass die Argumen­tation an Überzeu­gungs­kraft verliert.

Dies führt kurz vor Ende des Abgabe­termins meist auch dazu, dass das ganze Team den gesamten Schriftsatz Satz für Satz durchgeht und jeden einzelnen davon versucht so zu straffen, dass alles gesagt wird - dies aber so platz­sparend, verständlich und präzise wie möglich. In dieser Phase müssen einige Teilnehmer dann auch zum ersten Mal die schmerz­hafte Erfahrung machen, dass die anderen Teammit­glieder ihrem Lieblingswort nichts abgewinnen können oder ein ganzer von ihnen mühsam über Wochen heraus­ge­ar­bei­teter Absatz komplett gestrichen wird.

Zudem ist der Umstand, dass man für beide Parteien Schriftsätze schreiben muss, für die Teilnehmer enorm berei­chernd. Sie müssen sich bei jedem Argument fragen: Was würde ich sagen, wenn ich die andere Partei vertreten würde? Dies führt dazu, dass in diesem inneren Dialog die Argumente durch­de­kli­niert werden und man sich den Stärken und Schwächen der eigenen Argumen­tation bewusst wird. So lassen sich Strategien überlegen, wie man mit eventu­ellen Einwänden umgehen kann.

Socia­lizing und Networking abseits des offizi­ellen Wettkampfs

Nicht zu unterschätzen ist auch der soziale Aspekt des Wettbe­werbs. Während der Schrift­satz­phase hat man so viel Zeit mitein­ander verbracht, dass man die anderen Teammit­glieder bereits besser kennt, als so mancher  ihrer langjährigen Freunde. Spätestens bei den mündlichen Verhand­lungen erweitert sich der Kreis neuer Freunde und poten­zi­eller Kontakte jedoch auf die ganze Welt. Der Moot Court wird durch zahlreiche Parties und Social Events auch zum perfekten Ort um Spaß zu haben und Kontakte zu knüpfen. So entstehen dauer­hafte Freund­schaften, die auch im späteren Berufs­leben hilfreich sein können. Braucht ein Mandant Hilfe im niederländischen oder im brasi­lia­ni­schen Recht? Als ehema­liger Mootie weiß man sofort, an wen man den Mandanten verweist und kann sich sicher sein, dass aus dem Ausland auch so manches Mandat von Moot Court-Freunden an einen weiter­ge­leitet wird.

Einar­beitung in bisher unbekannte Materien

Auch zeigt einem die Teilnahme am Moot Court, dass einem die Einar­beitung in einem bisher komplett unbekannte Materien schneller gelingt als man denkt. Das nimmt einem die Angst davor, sich auch in Zukunft mit bisher Unbekanntem ausein­an­der­zu­setzen. Es verleiht einem zudem Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit allem umgehen zu können, was auf einen zukommt. Man verlässt den Moot nicht so wie man ihn angefangen hat. Er verändert einen nicht nur als (zukünftigen) Anwalt, sondern auch als Menschen.


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