Porträt

Der Mann hinter Flight­right - wie aus einem Startup ein Legal-Tech-Star wurde

Philipp Kadelbach

Philipp Kadelbach – von Hause aus Anwalt – hat mit der Gründung des Legal Tech-Unternehmens Flightright ein neues Geschäftsmodell etabliert. Doch bis dahin war es ein steiniger Weg. Am Anfang wurde er von niemanden ernst genommen. Das hat sich geändert.

 

  • Studium Freie Universität Berlin
  • 1999–2000 Postgraduate Studiengang University of Cape Town (LL.M.)
  • 2002–2003 Promotionsstudium Freie Universität Berlin
  • 2004–2006 Inhouse Legal Counsel der Saperion AG
  • 2006–2013 Partner bei Wöhlermann, Lorenz & Partner
  • 2010 Gründer der Flightright GmbH (www.flightright.de)
  • Seit 2002 Rechtsanwalt
  • 2013–2019 Partner in der Kanzlei Höch Kadelbach Rechtsanwälte PartGmbB
  • Seit 2019 Selbstständiger Rechtsanwalt

 

Es hätte so einfach sein können. Philipp Kadelbach hätte sich zurücklehnen, den Blick aus seinem Büro im Brandenburgischen Hennigsdorf genießen und darauf warten können, dass eine Flut von Mandanten, praktisch ohne sein Zutun, auf ihn zurollen würde. Der junge Anwalt hätte die Mandate mit seinem Team schnell und gewissenhaft abarbeiten und davon ausgehen können, dass Flightright – sein Legal Tech-Unternehmen für Fluggastrechte – eine absolut brillante Geschäftsidee sei. Aber so war es nicht.

Zumindest nicht an diesem Tag im Winter 2012, irgendwann Mitte November. Der Tag, an dem er dachte: „Verdammt“. Wenn Kadelbach von diesem Tag in der Geschichte von Flight­right spricht, erinnert ihn das an einen Albtraum. „Ich fühlte mich wie auf einem sinkenden Schiff“, sagt der heute 45-jährige IT-Rechts­ex­perte.

Wie alles begann - Von der Idee zum Startup "Flight­right"

Damals, als es gerade losging mit Flight­right, war Kadelbach mit seinem Geschäftspartner, dem Wirtschaft­s­in­ge­nieur Sven Bode und einem zehnköpfigen Team, in einen Bürokomplex weit hinter den nordöstlichen Rand von Berlin gezogen. Der subven­tio­nierte Standort in Brandenburg war die Voraus­setzung dafür, dass das Team eine Million Euro Start­ka­pital vom Frühphasen­fonds Brandenburg erhielt. Die Geschäftsidee hatte die Geldgeber mehr als überzeugt: Zwei gut einge­spielte, ehemalige Schul­ka­me­raden, beide bereits mit einigen Jahren Berufs­er­fahrung – Kadelbach in einer Wirtschafts­kanzlei, Bode als renom­mierter Experte für Klima­schutz­fragen –, wollten Flugpas­sa­gieren bei der Durch­setzung ihrer Rechte helfen.

Mit einer Art Online-Inkas­so­un­ter­nehmen wollten sie bei Flugan­nul­lierung, Nichtbeförderung und Verspätung Entschädigungs­s­ummen eintreiben. Bis dahin resignierten Fluggäste meistens vor dem juris­ti­schen Aufwand einer Klage David gegen Goliath. Flugge­sell­schaften hatten sich jahrzehn­telang darauf ausgeruht, dass kaum jemand etwas einfor­derte – und wenn doch, stießen Mandanten auf Anwältinnen und Anwälte, die aufgrund der geringen Streit­werte, der komplexen Materie und der Stärke des Gegners nicht gerade motiviert waren. Eine echte Lücke beim Zugang zum Recht.

Die Geschäftsidee: Einem Unter­nehmen wie Flight­right gelänge eine Ausein­an­der­setzung auf Augenhöhe mit den Flugge­sell­schaften. Tausende gleich­ar­tiger Ansprüche würden ein ganz anderes Verhand­lungs­sze­nario bieten – ein virtu­eller Goliath gegen Goliath. Der für den Verbraucher attraktive Ansatz: Nur bei Erfolg zahlt der Kunde etwas. Das Kosten­risiko liegt beim Inkas­so­un­ter­nehmen. Das darf nämlich – anders als Anwältinnen und Anwälte mit ihrem restrik­tiven Berufs­recht – Erfolgs­ho­norare verein­baren.

Und nächster Vorteil von Flight­right: Durch die Vielzahl der Fälle und der massenhaft erwor­benen Daten ist das Unter­nehmen in der Lage, schneller und sicherer zu entscheiden, ob die Klage Aussicht auf Erfolg hat. Der Kunde gibt im Internet die Infor­ma­tionen über den Flug, die Dauer der Verspätung und ihren Grund in eine Suchmaske ein. Je klarer der Sachverhalt, desto präziser berechnet der Algorithmus die Erfolgs­wahr­schein­lichkeit eines Verfahrens. „Ob ein Anspruch besteht, lässt sich in zwei Minuten prüfen“, sagt Kadelbach. Dank Prozess­steuerung und Softwa­re­tech­no­logie sind Unter­nehmen wie Flight­right in der Lage, Fälle in großer Zahl mit geringen Kosten und relativ wenig Personal zu bearbeiten.

Kadelbach und Bodes Geschäftsidee gründete aber vor allem auf einer Tatsache: dass der Europäische Gerichtshof 2009 entschieden hatte, dass Fluggäste bei längerer Flugverspätung ein Anrecht auf Entschädigung haben. Da diese Fälle die große Mehrheit der Mandate bilden, hatten die Gründer eine Marktlücke gefunden. Was konnte schon schief­gehen?

Heute sitzt Kadelbach in einem Konfe­renzraum im Dachge­schoss eines Hinterhofs in Berlin Charlot­tenburg. Das Shopping­portal DaWanda hatte hier einst ihre Räumlich­keiten, mittler­weile sitzen 140 Mitar­beiter aus 23 Ländern vor ihren Flats­creens und nehmen Anrufe von Mandanten entgegen, pflegen Kontakte zu den Airlines, program­mieren die Seite, vermarkten und optimieren das Gesamt­produkt. In den verschach­telten, luftigen Räumen über mehreren Ebenen herrscht eine heimelige WG-Atmosphäre. Der Alters­durch­schnitt liegt bei etwa 30 Jahren. Kadelbach, braun­ge­brannt, sportlich, gekleidet in Shorts und Longs­leeve, könnte einer von ihnen sein, im Alltag sitzt er nur etwas am Rande, bei den Juristen.

Die Höhen und Tiefen der Existenzgründung

„Mein Mitgründer Sven Bode und ich hatten damals wenig Startup-Erfahrung“, sagt er, „und als wir starteten war es zusätzlich noch schwer, geeig­netes Personal für den Standort Hennigsdorf zu begeistern“. Anfangs lief es zwar gut an, sie inves­tierten ins Marketing, sprachen mit der Presse und wurden über Google im Netz gefunden. Die Presse feierte sie, sie waren die aufstre­benden Sterne am Markt – und die etablierte Anwalt­schaft unterschätzte sie.

Der Alltag hingegen sah anders aus. Nach einigen Monaten schaffte es die beste­hende Crew nicht mehr, die vielen Mandate abzuar­beiten, geschweige denn, Geld für ihre Mandanten einzu­klagen. Das Problem: Die meisten Flugge­sell­schaften reagierten nicht einmal. „Und wenn doch, dann argumen­tierten sie, dass eine Klage europa­rechts­widrig sei, oder dass es sich bei der Verspätung um höhere Gewalt handelt“, erinnert sich Kadelbach, „Sie hatten überhaupt keine Angst davor, dass man sie verklagt“.


Zurück