Porträt

Der Mann hinter Flight­right - wie aus einem Startup ein Legal-Tech-Star wurde

Philipp Kadelbach
Mit Fluggastrechten ist Flightright groß geworden. Doch der Erfolg des Unternehmens war keineswegs sicher – die Anfänge waren nicht leichter als in anderen Startups.

Das junge Unter­nehmen verbrannte (wie für Startups durchaus üblich) monatlich erheb­liche Summen – und nach etwa einem Jahr neigte sich die Kasse dem Ende zu. „Ich stand unter erheb­lichem Druck“, erinnert sich Kadelbach, „Wir kamen aus klassi­schen und konser­va­tiven Berufen und kannten Geschäftsmo­delle, die auf Profi­ta­bilität abzielten – und nicht konse­quent auf Wachstum und Markt­be­herr­schung“. In den ersten Jahren waren wir sparsam und vermieden es, erfahrene Manager einzu­stellen und beschäftigten eher Mitar­beiter auf Junior-Niveau. Ein Fehler, meint Kadelbach: „Wer heute vermeintlich überqua­li­fi­ziert ist, ist morgen genau der Richtige, wenn die Firma auf sein Niveau gewachsen ist“. Er wünschte, er hätte das früher beherzigt.

Eineinhalb Jahre nach der Gründung verließ Bode das Unter­nehmen. Er zweifelte wohl am Erfolg der gemein­samen Vision. So saß Kadelbach Mitte 2012 allein vor seinem Bildschirm in Hennigsdorf, als er las, dass der EuGH sein Urteil von 2009 überprüfen wollte. Er hatte nur noch begrenzt Geld auf dem Konto, sein Geschäftspartner hatte sich vom Unter­nehmen getrennt – und falls der EuGH seine Auffassung ändere, hatte Kadelbach auch keine Geschäftsgrundlage mehr. „Als würde einem der Boden unter den Füßen wegge­zogen“, beschreibt er das Gefühl von damals. Warum mach ich das überhaupt, fragte er sich – und hörte doch nicht auf. Kadelbach, so sagt er von sich selbst, kann dann nicht aufhören. Irgendwie überbrückte er diese Phase, die immerhin ein ganzes Jahr lang andauern sollte. Ende des Jahres 2012 kam die erlösende Nachricht aus Luxemburg: Das EuGH-Urteil hat Bestand.

Das veränderte alles. Die Airlines fingen nach dieser Entscheidung an, das kleine branden­bur­gische Legal Tech-Unter­nehmen ernst zu nehmen – und sie reagierten. Sie zahlten plötzlich alte und aktuelle Fälle. Und das ließ die Kasse klingeln. Im ersten Monat nach dem Urteil erzielte Flight­right ein Umsatzplus von 50.000 Euro, einen weiteren Monat später 100.000 Euro. „So ging es weiter“, sagt er.

Der Risiko­mensch Philipp Kadelbach - Aufschwung bei Flight­right

Das Unter­nehmen wurde „bankable“ und verließ Hennigsdorf schließlich im Jahr 2013. Im neuen Büro in Potsdam war Kadelbach endlich wieder näher bei seiner Familie und hatte es leichter, an gute Mitar­beiter zu kommen. Ende 2014, mittler­weile war Flight­right in noch größere Räumlich­keiten gezogen, beschäftigte er 80 Mitar­beiter und fing an, das Unter­nehmen zu inter­na­tio­na­li­sieren. Frank­reich, Italien, Spanien, Schweden. Alle zwei Monate wurde ein neues Land dazuge­schaltet. Flight­right trieb nun selber regelmäßig Fälle zum BGH und EuGH. Kein Unter­nehmen hat mehr Fälle zum EuGH gebracht als Fligt­ht­right. Er war im Wachs­tums­modus angekommen.

Das Rad drehte sich immer schneller und weiter und dann, Ende 2015, sagte Kadelbach mit einem Mal: „Stop“. Manchmal muss man anhalten, um wieder voll dabei zu sein. Dann braucht es eine Pause von der 80-Stunden-Woche und den vielen verpassten Abendessen mit seiner Familie. Er nahm eine Auszeit mit der Familie in Südafrika. Einen Monat lang schaut er noch regelmäßig auf seine Accounts. Danach ist er nur noch per SMS erreichbar. „Ich war wie ein hochtou­riger Motor, der plötzlich langsamer läuft“. Ausatmen. Schwimmen, Kiten, Surfen.

Vor Flight­right war er zunächst ein paar Jahre in einem inter­na­tio­nalen Softwa­re­un­ter­nehmen tätig und zuletzt Namen­s­partner in einer Boutique­kanzlei für ITund Medien­recht. „Flight­right war einfach mehr mein Ding“, erinnert er sich, „weil dort Ideen und Kreativität mehr gefragt waren“. Ideen, wie die zu Flight­right, kommen ihm in Freiheit.

Heute arbeiten 170 Mitar­beiter für das Unter­nehmen und es gibt weitere Standorte in Berlin und Budapest. Anfang des Jahres hat Kadelbach trotzdem nochmal umgelenkt. Da die Fonds­laufzeit für Flight­right nach zehn Jahren endet, wurden die Karten neu gemischt. Der insti­tu­tio­nelle Investor verkaufte seine Anteile, um den Fonds abzuwi­ckeln und in diesem Zug entschied auch Kadelbach sich dazu, Anteile zu verkaufen. „Ich habe nun recht gute finan­zielle Ressourcen und bin als Geschäftsführer und Gesell­schafter trotzdem noch aktiv im Unter­nehmen“, sagt er. Vieles sei beim Alten geblieben, nur die Arbeit und der Spirit hätten sich verändert. Ein arriviertes Unter­nehmen ist manchmal wie ein träger Ozean­dampfer. Zum Beispiel, wenn Kadelbach wieder neue Ideen für Flight­right spinnt und das Controlling ihn bremsen muss. „Da ist immer etwas Spannung zwischen ihnen und mir“, sagt er, „Ich bin wohl eher ein innova­ti­ons­freu­diger Mensch mit einer echten Leiden­schaft für das nächste große Ding, Prozes­s­op­ti­mierung hinter dem Komma bin ich nicht gut drin – auch wenn das sehr wichtig ist für ein Unter­nehmen wie Flight­right“.

Kadelbach denkt sich lieber neue Strategien aus, zum Beispiel die Zusam­men­arbeit mit der Arbeits­rechts­kanzlei Chevalier, die ähnlich wie Flight­right die Rechte der Mandanten über eine Online-Plattform einfordert. Wie kann ich unsere Erfolgs­formel in andere Gebiete trans­fe­rieren, fragt er sich und nun leuchten seine Augen wieder. Aufbruchs­s­timmung und Pionier­geist fehlen ihm heute, könnte man denken. Doch sie finden eigentlich fortwährend in seinem Kopf statt. Schon längst macht er sich über die Grenzen des ihm vertrauten Rechts­dienst­leis­tungs­markts hinaus Gedanken, wie man etwas Nützliches anbieten kann. „Eine Markt­halle in Potsdam“, sagt er dann, „eine mit einem Glasdach, in der neben Ständen auch Musik und andere Events angeboten werden, ein Ort, an dem sich Menschen sammeln und wohlfühlen“. Das, sagt er, könnte doch gar nicht übel sein als nächstes Projekt.


Zurück