Soldan Institut

Rechtsanwälte: Prozess­be­vollmächtigte, Vertreter, Berater, Gestalter?

Die Berufstracht des Rechtsanwalts, so heißt es in § 20 BORA, ist die Robe, die vor Gericht getragen wird. Wie oft sie überhaupt noch in der Gegenwart zum Einsatz kommen muss, ob es Rechtsanwälte gibt, die Gerichtssäle nur noch aus dem Referendariat kennen, hat das Soldan Institut im Rahmen seiner Studie „Anwaltstätigkeit der Gegenwart“ untersucht, über die an dieser Stelle berichtet wird.

I. Anwaltstätikeit der Gegenwart - Einleitung

Das histo­rische Bild des Rechts­an­walts, das sich bis in die Gegenwart in den Schwer­punkten der juris­ti­schen Ausbildung spiegelt, ist das eines in starkem Maße foren­sisch tätigen Rechts­an­walts. Dies mag auch darauf beruhen, dass die gericht­liche Tätigkeit zu jener Zeit, als sich in Europa der Anwalts­beruf als juris­tische Profession entwi­ckelte, die Domäne der Proku­ra­toren als einer Art gehobenem Anwalts­stand war, während das Anwalts­geschäft im Übrigen den weniger angese­henen Advokaten überlassen war. Zwar ist diese Zweiteilung in Deutschland, im Gegensatz zu anderen europäischen Rechts­ord­nungen, seit Langem überwunden, gleichwohl ist sie mit ein Grund dafür, warum die anwalt­liche Tätigkeit in starkem Maße mit gericht­lichem Tätigwerden assoziiert wird. Über Jahrzehnte konti­nu­ierlich zuneh­mende Anwalts­zahlen einer­seits und seit rund 20 Jahren zum Teil stark rückläufige Eingangs­zahlen in den meisten Gerichts­bar­keiten anderer­seits belegen freilich, dass der Rechts­dienst­leis­tungs­markt zwar wächst, die gericht­liche Tätigkeit aber zwangsläufig an Bedeutung verliert. Wachstum findet statt im Bereich der vorsor­genden und gestal­tenden Rechts­pflege, aber auch im Bereich der alter­na­tiven Konfliktlösungs­me­cha­nismen – nicht ausschließlich durch eine Abkehr von staat­lichen Gerichten und einer Hinwendung hin zu privaten Schieds­ge­richten, sondern auch und insbe­sondere hin zu konsen­sualen Konfliktlösungs­me­cha­nismen.

Ein Anliegen der Studie „Anwaltstätigkeit der Gegenwart“ 1 war daher die Klärung, in welchem Umfang Rechtsanwälte in den drei großen anwalt­lichen Tätigkeits­feldern „Beratung einschließlich Vertrags­ge­staltung und Begut­achtung“, „außergericht­liche Vertretung“ und „gericht­liche Vertretung“ tätig sind. Ergänzend gefragt wurde auch nach der Bedeutung der Tätigkeit in der alter­na­tiven Konflikt­bei­legung sowie die Relevanz sonstiger Betätigungen, deren Inhalt im Rahmen einer offenen Antwortmöglichkeit näher spezi­fi­ziert werden konnte. Gefragt wurde hierbei nach den Arbeits­zeitan­teilen, die auf diese fünf Kategorien entfallen, um ein Gefühl zu gewinnen, wie sich die fachliche Tätigkeit von Rechtsanwälten auf verschiedene Tätigkeits­felder verteilt. Entspre­chende Erkennt­nisse erlauben unter anderem eine Einschätzung, inwieweit die Ausbildung von Nachwuchsanwälten mit den Inhalten der späteren Berufstätigkeit in Deckung ist.

 

II. Gesamt­be­trachtung

Lediglich 26 Prozent ihrer Arbeitszeit verwenden Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte in der Gegenwart auf Mandate, deren Gegen­stand die Prozess­ver­tretung ist. Bei lediglich 8 Prozent der Rechtsanwälte nehmen foren­sische Mandate mehr als die Hälfte der Arbeitszeit ein, bei 21 Prozent beansprucht dieses Tätigkeitsfeld maximal 10 Prozent der Arbeitszeit. 9 Prozent der Rechtsanwälte geben an, überhaupt keine foren­si­schen Mandate zu bearbeiten.

Mit 35 Prozent fließt die meiste Arbeitszeit in Mandate, in denen es um die Beratung von Mandanten, die Begut­achtung von Rechts­fragen oder die Vertrags­ge­staltung geht – also in Tätigkeiten, in denen der Rechts­anwalt rein intern für seinen Mandanten und nicht als dessen Bevollmächtigter gegenüber einem Dritten tätig wird. Bei 19 Prozent der Befragten nimmt diese Beratungstätigkeit mehr als die Hälfte ihres Berufs­alltags ein, bei 17 Prozent weniger als 10 Prozent.

Mit 33 Prozent fast ebenso umfang­reich ist das zeitliche Investment in Mandate, in denen der Rechts­anwalt den Mandanten gegenüber einem Dritten außergerichtlich vertritt. Mit 53 Prozent bei mehr als der Hälfte der Anwälte hat diese Tätigkeit einen Anteil von 26 bis 50 Prozent der Tätigkeit.


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